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Soziales

Die Erlebnisse von Frauen auf der Flucht

Zwischen Anmache und Bedrohung: Frauen in Flüchtlingsunterkünften berichteten in Nürnberg von ihren Erlebnissen.
Von Peter Budig

  • Elshaday Haile aus Eritrea und Genet Ayalew aus Äthiopien gaben Auskunft über den Alltag in Flüchtlingsheimen. Fotos: Budig
  • Tina (v.l.), Kristina und Tatjana flüchteten aus der Ukraine.
  • Rasijat Majrkaeva berichtete von ihren Erfahrungen im Flüchtlingsheim.

Nürnberg.Sie stammen aus dem Irak, aus Tschetschenien, Äthiopien, Eritrea oder der Ukraine und erzählen ihre Geschichten: Sie waren schutzlos, mussten fliehen vor Diktatur, Krieg, familiärer oder staatlicher Gewalt. Sie haben oft Schreckliches erlebt, auf der Flucht. Doch das Elend nimmt kein Ende, wenn sie endlich in Deutschland angekommen sind.

Vor allem Frauen ohne „männlichen Schutz“, allein oder mit Kindern unterwegs, sind in überfüllten Lagern und Unterkünften bedrohlichen Situationen ausgesetzt.

„Zwischen Anmache und Bedrohung – Was erleben Frauen in Flüchtlingsunterkünften“ hieß die Veranstaltung des Internationalen Frauencafés Nürnberg, einer Nürnberger Hilfsorganisation, die sich weiblicher Flüchtlinge annimmt.

Kristina (33), ihre Tochter Tina (vier Jahre) und Tatjana (41) aus Odessa erzählen ihre Geschichte: Sie wurden nach der Flucht aus der Ukraine im ehemaligen Möbelhaus Höffner am Fürther Ronhof untergebracht. Zimmer gibt es dort keine, nur Stockbetten und Trennzäune. Ein arabisch sprechender Mann näherte sich immer wieder bedrohlich der kleinen Tina, drückte sie, war aufdringlich.

Ängstlich Schutz gesucht

Ängstlich und voller blauer Flecken suchte das kleine Mädchen Schutz, doch „der Security-Mann sagte nur, wir sollen besser auf sie aufpassen“, erzählt Tatjana, die in Odessa als Kleinunternehmerin einen „Coffee-Shop“ betrieb. Kristina, Tinas Mutter, fügt empört hinzu: „Ein kleines Mädchen muss doch ein bisschen frei spielen können“.

Die Berufsfotografin Kristina und Tatjana waren erfolgreiche Frauen. Der Grund ihrer Flucht ist nicht der Wunsch nach besseren Einkünften gewesen. Sie sind ein lesbisches Paar, dass, je kritischer und kriegerischer das Leben in der Ukraine wurde, zunehmend um sein Leben fürchten musste. „Sie haben nachts unser Auto verbrannt, wir wurden angegriffen, bedroht, geschlagen“, erzählt Tatjana. Die Polizei greift nicht ein: „Das ist euer Problem, ihr seid nicht normal“, hat sie gesagt.

Nazren (Name geändert) ist aus dem Iran geflohen. Sie ist Christin, hat dort Medizin studiert. Jetzt lebt die 26-Jährige in einer Unterkunft im Nürnberger Land, wo sie von männlichen Flüchtlingen ständig angegrapscht, angebaggert und bedroht werde. Sie ist tüchtig, spricht nach einem Jahr Selbststudium in Deutschland bereits ausgezeichnet Deutsch. Mit Engagement hat sie einen Studienplatz in Erlangen bekommen, Maschinenbau-Ingenieurin wäre ihr Traumberuf.

Deutschland sucht dringend Ingenieure, doch ob Nazren jemals die Ausbildung abschließen wird, ist zweifelhaft: „Ich habe ein preiswertes Zimmer in Erlangen gefunden – aber das Landratsamt Nürnberg verweigert die Umzugserlaubnis. Das Zugticket vom Wohnheim zur Uni kostet aber 270Euro und mein Taschengeld von 226 Euro im Monat reicht nicht“, beschreibt sie, wie leicht und schmerzvoll eine eigenständige Zukunft scheitern kann. Es scheinen oft nur organisatorische Kleinigkeiten, die das Leben in Deutschland für Flüchtlingsfrauen menschlicher machen würden: Zum Beispiel könnte man leicht dezentrale Flüchtlingsunterkünfte nur für Frauen einrichten.

„Frauen ohne männliche Begleitung werden in den Lager-Unterkünften ständig bedroht, angemacht, immerzu zu Sex aufgefordert und unterdrückt. Viele würden gerne in einer nur von Frauen bewohnten Flüchtlingsunterkunft leben“, so Anne Maya vom Frauencafé.

Es wird differenziert

Zwar differenziert die Aufnahmestelle durchaus bei der Unterbringung, etwa zwischen Ethnien, die verfeindet sind, oder religiösen Gruppen, die sich bekanntermaßen nicht vertragen.

Doch alleinstehende Frauen einfach unter sich unterzubringen, ist bislang nur in wenigen Ausnahmefällen vorgesehen. „Man sagt ganz offen, dass Unterkünfte mit Männern und Frauen sauberer seien, dass die Stimmung weniger aggressiv wäre“, so Maya.

Doch für Frauen ohne Ehemann sei das oft ein Spießrutenlaufen, auch um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder sei es schlecht bestellt und es komme dauernd zu Machtproben, zum Bei-spiel ,dass Alleinstehenden der Zugang zu gemeinschaftlichen Waschmaschinen oder Küchen verweigert werde.

In einem offenen Brief fordern über 20 bayerische Organisationen unter anderem die „Aufhebung der Lagerpflicht“. „Viele Iranerinnen und Irakerinnen haben hier Verwandte, die sie sofort aufnehmen würden“, hat Maya erfahren. Weitere Wünsche: Schutzräume für bedrohte oder misshandelte Frauen und Schutz für Frauen, die Gewalt vom Ehemann ausgeliefert sind.

Zena Al-Tee, eine aktive Irakerin aus einer Unterkunft in Bad Steben, etwa kann ihre Geschichte heute nicht selbst erzählen: „Ihr Mann wollte nicht, dass sie ohne ihn nach Nürnberg fährt und hat sie bewusstlos geschlagen. Sie muss aber zu ihm zurück, weil er droht, dass sie ihre beiden Kinder nicht mehr sieht“, gibt Anne Maya die Geschichte wieder.

Auch der Schutzraum „Frauenhaus“ funktioniere für Asylbewerber nicht, weil es keine sichere Finanzierung gebe. Flüchtlinge stünden eben in Deutschland oft ganz hinten in der Schlange, wenn es um menschenwürdige Lebensumstände gehe.

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