mz_logo

Region Nürnberg
Montag, 16. Juli 2018 29° 8

Bühne

Die Macht des Internets

Die Premiere des Dokumentartheaterstücks „#Meinungsmacher“ in Erlangen bringt neben verschiedene Seiten ans Licht.
von Nürnberg-Korrespondent Nikolas Pelke

Die Schauspieler stellen auf der Bühne das Internet dar. Foto: Jochen Quast
Die Schauspieler stellen auf der Bühne das Internet dar. Foto: Jochen Quast

ERLANGEN.Dokumentartheater steht auf dem Spielplan. Hans-Werner Kroesinger steckt dahinter. „#Meinungsmacher“ hat der Regisseur seine Abrechnung mit der Macht der Sozialen Medien genannt, die am Freitagabend im Erlanger Markgrafentheater eine verhaltene Uraufführung erlebt hat.

Einen Vorhang braucht die Vorstellung nicht. Ein klassisches Bühnenbild auch nicht. Nur Requisiten gibt es, wenn auch spärlich, noch. Zu Beginn dominieren drei sechseckige Holzkegel, die wie abgetrennte Kirchturmspitzen aussehen aber wohl an Lautsprechermuscheln eines Grammophons erinnern sollen. An den Rändern wartet jeweils eine Tafel darauf, mit dicken Filzstiften von den sechs Darstellern beschrieben zu werden. Klassische Rollen haben die Schauspieler nicht. Kostüme tragen sie auch nicht im eigentlichen Sinn. Die sechsköpfige Truppe ist im Freizeitlook erschienen. Und doch stehen sie auf einer Bühne. Genauer gesagt auf einer Dokumentartheaterbühne. Heute geht es hier aber nicht um Krieg oder Frieden. Heute geht es um das böse Internet, die Macht der Sozialen Medien, um um Hashtags und um Meinungsmacher.

Entstehung des Netzwerks

Wie spielt man das Internet? Hans-Werner Kroesinger lässt seine Schauspieler die Geschichte der Entstehung des Computer-Netzwerks eher nacherzählen. Das ist ziemlich ermüdend und vorhersehbar. Während die ersten Rechner der Computer-Geschichte kommunizieren, muss Charles P. Campbell pausenlos von einer zur anderen Seite quer über die Bühne rennen. So will Kroesinger den ersten Datentransfer darstellen. Dabei erinnert das Tun auf der Bühne zeitweise an Anfängerübungen aus dem Schauspielunterricht. Natürlich soll es das Publikum zum Lachen bringen. Das gelingt sogar manchmal, wenn die Schauspieler die technische Genese mit pantomimischen Mitteln nachspielen. Dialoge gibt es genauso wenig wie eine Dramaturgie. Die Textebene verdrängt alles. Damit wirkt das Agieren der bemühten Schauspieler erstaunlich blutleer. Dagegen muss der Zuschauer zwei Stunden im Theater ausharren und langsam das erleben, was er in einer halben Stunde besser in einer Zeitung hätte nachlesen können. Sicher erfährt er manches über Facebook und seine Filterblasen. Natürlich nickt er auch noch erschrocken zu den Geschichten über Trump und seinen Meinungsmacher, die ihn mithilfe von skrupellosen Algorithmen zum Einzug ins Weiße Haus verholfen hätten. Geneigt ist man auch noch, die demokratiebesorgten Warnungen wohlwollend zu vernehmen, demnach die Macht der Internetkonzerne ganze Staaten ins Wanken bringen könne.

Mit Untergangspanik gedankt

Der aufklärerische Aufschlag dieser Uraufführung in Erlangen geht geistig nach hinten los. Kroesinger verkennt die Lage, wenn er das Theater zum Schauplatz der analogen Auflehnung machen will. Es wirkt hilflos, wenn das Stück nach der Pause humorvoll aus Hotelprospekten zitiert, die unter dem Schlagwort „Detox“ digitale Entgiftungskuren anpreisen. Kroesinger lügt sich in die Tasche, wenn er Filterblasen auf Facebook anprangert und den Bildungsbürger im Theater zur Revolution anstachelt. Man mag dem Regisseur zurufen, dass die Zuschauer doch hier sind, um dem Nonsense (gerne auch dem digitalen im Internet) zu entkommen. Und diesen zeitraubenden und kostspieligen Schritt dankt der Theatermann dem Publikum mit Untergangspanik, die obendrein noch allzu plakativ und etwas zu linkslastig ausgefallen ist. Kroesinger hätte wohl besser daran getan, aus dem Text eine Video- statt einer Theater-Doku zu machen. So gibt es am Ende nur wohlwollenden Beifall für die Schauspieler, die sich redlich bemüht haben.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht