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Ein Leben ohne ein eigenes Zuhause

Immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung. Die Beratungsstelle der Stadtmission Nürnberg arbeitet dagegen an.

Wenn Menschen keine Wohnung mehr haben, sind sie auf Hilfe angewiesen. Die Stadtmission Nürnberg bietet für diese Fälle unter anderem Übergangsquartiere an.
Wenn Menschen keine Wohnung mehr haben, sind sie auf Hilfe angewiesen. Die Stadtmission Nürnberg bietet für diese Fälle unter anderem Übergangsquartiere an. Foto: Matthias Balk/picture alliance / Matthias Balk

Nürnberg.Etwa 15 000 Menschen haben in Bayern keine Wohnung, 2 300 davon leben in Nürnberg. Die meisten Frauen und Männer in dieser prekären Situation aber sind kaum sichtbar. Sie hangeln sich durch, schlafen in Übergangsquartieren oder kommen „vorübergehend bei Bekannten“ unter. Nur ein Bruchteil – in Nürnberg sind es etwa 50 bis 80 Menschen – leben dauerhaft auf der Straße.

Die Beratungsstelle „Hilfen für Menschen in Wohnungsnot“ begleitet seit 75 Jahren Menschen, die keine eigene Wohnung haben oder kurz davorstehen, sie zu verlieren. „Wer keine Wohnung hat, dem fehlt mehr als ein Dach über dem Kopf: Der lebt ohne geschützten Rückzugsort, ohne Privatsphäre, ohne einen Ort der Selbstbestimmung. Letztlich das, was andere Zuhause nennen“, sagt Diakon Thomas Heinze, der die Beratungsstelle der Stadtmission leitet. Und wer all dies nicht mehr habe, müsse extrem viel innere Kraft aufbringen, um sich nicht auch selbst aufzugeben.

Bedarf an Hilfe ist gestiegen

Mit der Wohnungsnot in den deutschen Städten ist auch der Bedarf an Hilfe rasant gestiegen. Entsprechend hat sich das Team der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Nürnberg seit den 90er Jahren versiebenfacht. Es ist dieselbe Zeit, in der der Bestand an sozialen Wohnungen massiv geschrumpft ist: Gab es Ende der 80er Jahre noch um die 60 000 Sozialwohnungen in Nürnberg, sind es heute nur noch etwa 18.000. Immerhin – seit 2015 schrumpft diese Zahl zumindest nicht weiter.

Hingegen arbeiten seit der Jahrtausendwende immer mehr Nürnberger in prekärer Beschäftigung, d.h. in einem oder mehreren unsicheren, sehr gering bezahlten Jobs. Dazu kommen Menschen, die aufgrund ihrer sozialen oder gesundheitlichen Lage nicht für die eigenen Existenzgrundlagen sorgen können. Viele von ihnen gehören zu den Klienten der „Hilfen für Menschen in Wohnungsnot“. Etwa 500 Frauen und Männer haben Heinze und sein 17-köpfiges Team im letzten Jahr betreut – in der Beratungsstelle, in Obdachlosenpensionen und betreuten Wohnungen, die die Stadtmission für sie angemietet hat.

Verweildauer in Notunterkünften

Die Klientenzahl sei im Vergleich zum Vorjahr zwar nicht gestiegen, ein Blick in die Statistik aber zeigt, dass das kein positives Zeichen ist: Das Hilfesystem sei längst verstopft. Die Verweildauer in Notunterkünften und Obdachlosenpensionen steige in Nürnberg von Jahr zu Jahr. „Aus Sleep-Ins für Wohnungslose sind Dauerpensionen geworden“, meint Heinze. Auch Hilfesuchende, die in Übergangswohnungen der Stadtmission einziehen, bleiben statt vormals ein oder zwei Jahre inzwischen drei bis vier Jahre, bis sie überhaupt einmal eine Chance auf einen eigenen Mietvertrag für sie auftut.

„Wir können Menschen, die sich gerade stabilisiert haben, ja nicht einfach wieder auf die Straße setzen“, konstatiert Thomas Heinze. Doch wo aus Übergangsquartieren, Dauerlösungen werden, haben andere Hilfesuchende keine Möglichkeit nachzurücken. Heinze frustriert das. „Die Vermittlung in ein stabiles Mietverhältnis war vor Jahren noch der Startpunkt unserer Arbeit mit den Klienten. Heute beraten und betreuen wir Menschen zum Teil mehr als drei Jahre, bis sie wieder einen festen, eigenen Wohnsitz haben. Der vormalige Startpunkt unserer sozialpädagogischen Hilfe ist gewissermaßen zur Ziellinie geworden.“

Und ein weiteres Problem kommt dazu. Die Menschen, die aus der Wohnungslosigkeit nicht herausfinden, werden immer älter. Allein in den beiden Obdachlosenpensionen in der Pirckheimer- und in der Raabstraße, die von der Stadtmission betreut werden, ist die größte Gruppe heute zwischen 51 und 60 Jahren alt, während die Zahl der über 60-jährigen Schlafgäste am stärksten wächst. Immer älter heißt aber auch immer morbider.

Keine Wohnung mehr – wie geht es weiter? Das Team der Beratungsstelle bietet vielfältige Hilfen an.
Keine Wohnung mehr – wie geht es weiter? Das Team der Beratungsstelle bietet vielfältige Hilfen an. Foto: Stadtmission Nürnberg/Stephan Minx

Das Thema Pflegebedürftigkeit kommt so on top, wo die Sozialpädagogen der Stadtmission ohnehin schon als Multiproblem-Manager agieren müssen: Selbst wenn es gelinge, trotz all der sozialen Konflikte, der Sucht- und Schuldenproblemen, trotz Erwerbslosigkeit und psychischer Erkrankungen in eine eigene Wohnung zu vermitteln, müssten sich die Berater fragen, ob Klienten das körperlich überhaupt noch schaffen können, erklärt Heinze und bemerkt. „Spezielle Angebote für wohnungslose, eigentlich pflegebedürftige Klienten gibt es im Prinzip nicht. In Würde alt werden, ohne Zuhause, in voll ausgelasteten Obdachlosenpensionen, das funktioniert nicht.“

Nicht nur deshalb sind der Einrichtungsleiter und sein Team überzeugt, dass es gerade in einer Großstadt wie Nürnberg, neben erschwinglichen Wohnungen auch progressive und spezialisierte Angebote geben muss, die Obdachlosen neben einem Dach über dem Kopf auch ein würdevolles Leben ermöglichen – und zwar bedingungslos. „Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht, der Schutz der Menschenwürde ist ein Grundrecht. Mit einem trockenen Bett zum Schlafen allein ist das nicht gemacht.“

Erste Hilfe nach dem Krieg

In der 75-jährigen Geschichte der Beratungsstelle war es vor allem die Gründungsphase, in der die Wohnungsnot in Nürnberg ein so akutes und verbreitetes Problem war wie heute. 1945 war Nürnberg ausgebombt. Tausende hatten ihr Heim verloren – die Not ging durch alle Gesellschaftsschichten. Erste Aufgabe des „Evangelischen Hilfswerkes“, wie es damals noch hieß, war es, Menschen in der Stadt mit Lebensmitteln, Kleidung und Sachspenden zu versorgen und damit Existenzen zu sichern.

Sukzessive aber gewann neben dieser Grundversorgung die weiterführende „Beratung und Betreuung armer Familien, nicht sesshafter und obdachloser Menschen“ an Bedeutung. Seit den 60er Jahren waren es dann vor allem wohnungslose Männer, darunter auch Strafentlassene, die das Gros des Beratungsklientels stellten. Das „Betreute Wohnen für Frauen“ ab 1995 und das „Betreute Wohnen für wohnungslose, psychisch kranke Menschen“ ab 2000 stellen heute schließlich die jüngsten Arbeitsbereiche, die in der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission etabliert wurden.

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