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Entwicklung

Ein Nürnberger Laden als offenes Labor

In der Innenstadt kann man beim Einkaufsbummel Produkte testen und bewerten. So binden Firmen ihre Kunden.
Von Cathérine Simon, dpa

Eine Frau testet verschiedene Optimierungskonzepte auf der „Logistik-Insel“ im offenen Labor „Josephs“ in Nürnberg.
Eine Frau testet verschiedene Optimierungskonzepte auf der „Logistik-Insel“ im offenen Labor „Josephs“ in Nürnberg. Foto: dpa

Nürnberg.An der Kamera sitzt der Auslöser an der falschen Stelle, die Tastatur des Handys ist für die Finger zu klein oder die Sitzbezüge im Auto gibt es nur mit grässlichen Mustern: Oft ärgern sich Kunden über Details von Produkten. Manche wünschen sich dann, dass sie schon bei der Entwicklung ein Wörtchen hätten mitreden können. Und immer mehr Firmen machen sich genau das zunutze.

Im Internet gibt es schon länger viele Möglichkeiten, sich in Produktentwicklungen einzumischen. In einem kleinen Laden in der Nürnberger Innenstadt kann man Prototypen oder Dienstleistungen in die Hand nehmen, testen und seine Meinung dazu abgeben. Das „Josephs“ wird an diesem Mittwoch (27. Mai) ein Jahr alt.

Namensgeber für das vom Wirtschaftsministerium geförderte Projekt des Fraunhofer-Instituts und der Universität Erlangen-Nürnberg war Joseph von Fraunhofer. Die Idee hinter dem etwa 400 Quadratmeter großen offenen Labor erklärt Projektleiter Frank Danzinger so: „Der Nutzer sagt, was er gerne hätte.“ Die Unternehmen könnten ihre Produkte dadurch bereits in einem sehr frühen Stadium besser auf die verschiedenen Bedürfnisse zuschneiden und Fehler ausmerzen.

Ein Service für neue kleine Firmen

Derzeit gibt es im „Josephs“ bereits die fünfte „Themenwelt“. Unter dem Motto „Zukunft Handel“ präsentieren sich eine Hand voll Unternehmen. Eines hat eine Einkaufsberater-App entwickelt, die etwa Allergiker auf mögliche Unverträglichkeiten in Lebensmitteln hinweist. Eine andere Firma arbeitet mit elektronischen Werbetafeln, die sich per Kamera und Gesichtserkennung auf den jeweiligen Betrachter einstellen.

Die Voraussetzung für eine Präsentation im „Josephs“ ist, dass die Besucher etwas anfassen, ausprobieren, mit dem Produkt interagieren können. „Es soll nicht nur das bloße Anschauen wie auf einem Messestand sein“, sagt Danzinger. Manche Firmen haben auch extra Fragebögen entwickelt, die die Besucher ausfüllen können. Für alles, was dort keinen Platz findet, gibt es Klebezettel. Die Gäste geben etwa an, ob sie das Produkt überhaupt nutzen würden oder welchen Preis sie dafür bezahlen würden. Etwa 30 Besucher zählt das „Josephs“ im Schnitt pro Tag. Samstags kommen die meisten. Und sie bleiben zwischen 30 und 60 Minuten. Am Ende der dreimonatigen Themenwelt bekommen die Firmen dann eine Auswertung der Erkenntnisse.

Gerade für neue kleine Firmen ist das ein Service, den sie sich sonst nicht leisten könnten – wobei sie auch für die Zeit im „Josephs“ einen erklecklichen Betrag bezahlen müssen. Thomas Harmes vom Duisburger Startup Mifitto ist dennoch mit der Zeit im „Josephs“ zufrieden: „Für uns war das optimal.“ Mit einer Mannschaft von damals sechs Leuten hätte er nicht so leicht ein paar Mann für die Marktforschung abstellen können. Die Firma bietet Größenberatung bei Kleidung und Schuhen an - unter anderem mit einem Fußscanner. „Durch das Josephs haben wir herausgefunden, dass die Kunden immer an eine Ecke des Scanners stoßen. Die haben wir dann weg gemacht.“ Auch die Software sei danach verändert worden.

Rückmeldungen sind wichtig

Genau auf diese Rückmeldungen von Kunden wollen immer weniger Firmen verzichten. Denn die frühe Einbindung lässt nicht nur Schwachstellen von Produkten früh zutage treten; auch die Bindung des Verbrauchers an das Unternehmen wächst. Die Wahrscheinlichkeit, dass man ein Produkt kauft, das man selbst mitentwickelt hat, ist groß. BMW etwa lädt in seinem Co-Creation Lab im Internet zum Mitentwickeln ein und auf der Web-Plattform „Unseraller“ können Verbraucher über Nagellack-Kollektionen abstimmen oder ihre Ideen für den Innenraum eines Fords abgeben. Und Haribo ließ über Gummibärchen abstimmen.

„Die Idee ist es, nah am Kunden zu sein“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Angela Roth von der Uni Nürnberg. „Man will nicht im stillen Kämmerlein ein Produkt entwickeln, das dann vielleicht hilft, vielleicht aber auch nicht.“ Der Vorteil des „Josephs“ im Vergleich zu Online-Plattformen sei, dass man hier auch Leute erreiche, die nichts mit dem Internet am Hut haben oder ganz zufällig vorbei kommen. Man könne so auch ganz neue Kunden erreichen. Im Internet beteiligten sich meist nur Menschen, die ohnehin schon Fans einer Marke sind.

Die Gegenstrategie des absolut geheimen Entwickelns, wie etwa Apple sie betreibt, funktioniere nur bei großen Namen und mit einer gezielten Strategie, die einen Hype um ein Produkt aufbaut. „Das funktioniert für Apple, aber nicht bei einem unbekannten Start-Up.“

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