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Erinnerungen, die Nürnberg wachrütteln

Einst hieß die nordöstliche Altstadt im Volksmund „Sebalder Steppe“. Warum? Das erklärt ein umfangreiches Kunstprojekt.
Von Birgit Ropohl

An der Ecke Wunderburggasse/Tucherstraße wurde am Montag das Erinnerungsprojekt „Kompass Sebalder Steppe“ eingeweiht.
An der Ecke Wunderburggasse/Tucherstraße wurde am Montag das Erinnerungsprojekt „Kompass Sebalder Steppe“ eingeweiht. Foto: Birgit Ropohl/Birgit Ropohl

Nürnberg.Als die nordöstliche Nürnberger Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag und es in den folgenden Jahren darum ging, in diesem Brachland wieder etwas Neues zu schaffen, stachen vor allem drei junge Nürnberger Unternehmerinnen mit ihrem Pioniergeist hervor: Käthe Böck (Pelz Böck), Kunigunde Zahn (Parfümerie Seifenzahl) und Maria Mauser (Apotheke Bindergasse).

Sie gründeten den „Verein zur Rettung von St. Sebald“ und trieben gemeinsam unermüdlich den Wiederaufbau ihrer Häuser voran.

Künstlerin Anja Schoeller sowie Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich zeigen einen Plan, auf dem die einstige „Sebalder Steppe“ markiert ist.
Künstlerin Anja Schoeller sowie Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich zeigen einen Plan, auf dem die einstige „Sebalder Steppe“ markiert ist. Foto: Birgit Ropohl

Diesen „Pionierinnen der Steppe“ ist die Kunstaktion „Kompass Sebalder Steppe“ von Anja Schoeller gewidmet. Am Montagmittag wurde sie im Beisein zahlreicher Bewohner aus der Nachbarschaft mitten in der Sebalder Altstadt, an der Ecke Wunderburggasse/Tucherstraße, eingeweiht.

In einer mehrjährigen Aktion in Zusammenarbeit mit der Bauverwaltung der Stadt, dem Beirat Bildende Kunst und begleitet von 14 „Gedächtniswerkstätten“ mit Zeitzeugen ist Anja Schoeller auf historische Spurensuche gegangen. Entstanden sind – auf den Brandmauern zweier Häuser – eine große runde Fototafel, die ein Bild der „Sebalder Steppe“ zeigt, und zwei, wie es Schoeller beschreibt, Wandtattoos“.

Kunstwerk kostete 80000 Euro

Die Baulücke zwischen den Brandmauern ist noch ein Rest der einstigen „Sebalder Steppe“. So wurde das Stadtviertel zwischen 1947 und 1952 genannt. Denn es sah aus wie eine Steppenlandschaft. Nach dem Wegräumen der Kriegsruinen waren nur ein sandiger, lössartiger Boden, ein paar Pflanzen und Gras geblieben. Im Laufe der Zeit entstanden Trampelpfade, dazwischen Gleis-Reste des einstigen Trümmer-Expresses, der die traurigen Überbleibsel der Altstadt Richtung Dutzendteich abtransportiert hatte.

Das Vergessene wieder in die Gegenwart zu rufen, einen „Herzpunkt“ in der ehemaligen Steppe zu schaffen – das hatte sich die SPD-Stadträtin Christine Kayser im Jahr 2016 zum Ziel gesetzt. Sie startete eine Initiative, aus der sich schließlich das Kunstprojekt entwickelte. 80000 Euro kostete es nach Angaben von Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich. Aus einem staatlichen Förderprogramm bekam Nürnberg über die Regierung von Mittelfranken 25000 Euro Zuschuss.

Kunst in der Stadt

  • Das Projekt:

    Es liegt in der nordöstlichen Altstadt und erinnert an den Wiederaufbau. Gleichzeitig wurde ein „Platz des Verweilens und Durchatmens“ geschaffen.

  • „Sebalder Steppe“:

    So hieß im Volksmund in der Nachkriegszeit der freie Platz, der nach dem Abtransport der Kriegstrümmer entstanden war – zwischen Pegnitz, Obstmarkt, Innerer Laufer Gasse und Oberer Talgasse.

Der „Herzpunkt“ ist jetzt zur Freude von Christine Kayser zu einem „Platz des Verweilens und Durchatmens“ geworden, an dessen Rande gibt es ein kleines Café und eine eigens für das Kunstprojekt mit Clematis, Waldrebe und Hopfen begrünte Wand. Anja Schoeller sagt: „Die beiden Wandtattoos „Herzpunkte“ und „Pionierinnen der Steppe“ an gegenüberliegenden Punkten können hier auch als Kompass verstanden werden.“ Als „Kompass der Sebalder Steppe“, mit unterschiedlichen Blickwinkeln in eine Zukunft, die immer wieder neu geschrieben werden müsse.

Baulücke bewusst erhalten

Unterdessen sind viele, gerade ältere Stadtviertel-Bewohner dankbar, dass die Grundstückseigentümer die Häuserlücke an der Ecke Wunderburggasse/Tucherstraße offen ließen, um gemeinsam mit Pächtern und Anrainern einen freien Platz mit Begrünung und Bäumen in der Stadt zu schaffen – zum Verweilen und Erinnern.

Erinnern gerade auch an Frauen wie Käthe Böck, Kunigunde Zahn und Maria Mauser, die damals, vor rund 70 Jahren, jenen unermüdlichen Willen gezeigt hatten, der erforderlich war. Ihr entschlossenes gemeinsames Auftreten bei Behörden, ihre Kampfkraft, das hatte auch anderen Menschen Mut gegeben und den Glauben daran, dass das zerstörte Nürnberg wieder zum neuen Lebensraum werden könne.

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