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68er

Flower-Power: Hippies eroberten Nürnberg

Der Nürnberger Markus Urban zeigt die wilden 68er aus fränkischer Perspektive. Ein Traumpaar waren Genossen und Hippies nie.
von Nikolas Pelke

Jugendliche demonstrieren 1968 vor dem Hauptbahnhof in Nürnberg. Foto: Stadtarchiv Nürnberg
Jugendliche demonstrieren 1968 vor dem Hauptbahnhof in Nürnberg. Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Nürnberg.Die Sozialdemokraten lassen das Jahr 1968 in Nürnberg hochleben. Zum runden Geburtstag der Flower-Power-Bewegung haben die fränkischen Genossen schon Modenschauen und Konzerte im Zeichen von Love, Peace und Happiness veranstaltet. Jetzt hat die SPD sogar eine Ausstellung im Museum für Industriekultur auf die Beine gestellt. Unter der Überschrift „Nürnberg 1968 – Die SPD und der Protest der APO“ zeigt der Nürnberger Historiker Markus Urban vom Verein „Geschichte für Alle“ in Zusammenarbeit mit der SPD-Stadtratsfraktion die wilden 68er aus fränkischer Perspektive.

Ein Traumpaar seien Genossen und Hippies nicht gewesen, ist sich Markus Urban sicher. Für die protestierenden Studenten von der Außerparlamentarischen Opposition (APO) sei die SPD zunächst sogar ein Feindbild gewesen. Im März rückt die fränkische Metropole plötzlich in den bundesweiten Fokus. Parteichef und Außenminister Willy Brandt hatte seine roten Parteifreunde zum SPD-Bundesparteitag nach Nürnberg eingeladen.

Willy Brandt in der Meistersingerhalle

In der Meistersingerhalle musste sich Willy Brandt rechtfertigen, dass die SPD in der Großen Koalition bei der Verabschiedung der Notstandsgesetze mitmacht. „Damit ist Nürnberg schlagartig in das Zentrum der bundespolitischen Auseinandersetzung gerückt“, erklärt der Historiker aus Nürnberg, der die Ausstellung im Museum für Industriekultur kuratiert hat. „Die APO hatte Angst, dass der Notstand sofort ausgerufen wird, um die Studentenproteste niederzuschlagen.“


Blome war Anführer des Protests

Ohne Nebengeräusche ist der SPD-Parteitag nicht über die Bühne gegangen. Die kleine aber feine Schau über „Nürnberg 1968“ rückt einen Revoluzzer ins Zentrum: Horst W. Blome. Der schillernde Politikaktivist hatte sich als SPD-Mitglied auf den Parteitag geschlichen und Protestflugblätter durch die Meistersingerhalle segeln lassen. „Blome war der führende APO-Aktivist in Nürnberg“, erklärt Urban. Nach dem Tod von Benno Ohnesorg sei es Blome gewesen, der die Proteste in Nürnberg organisiert habe. Blome leitete ein Kabarett-Theater in der damals recht zwielichtigen Luitpoldstraße.

„Super-Dutschke“ aus Nürnberg

Von der Stadt sei „Die Hintertreppe“ stets bekämpft worden und später sogar geschlossen worden. Danach hätten auch die Genossen dem ehemaligen „Super-Dutschke“ aus Nürnberg die Parteimitgliedschaft entzogen. Überhaupt haben sich auch in Nürnberg im Laufe des Jahres die Konflikte zugespitzt. Es soll sogar eine Kommune gegeben haben, die im wilden Jahr 1968 aus Protest gegen das Establishment einen Brandanschlag auf ein städtisches Jugendamt verübt habe. Anschließend engagierte sich Blome, der heute noch in der Nähe der Stadt zurückgezogen leben soll, bei den Kommunisten.

Spaltung der fränkischen APO

Letztere seien laut Urban indirekt auch für die Spaltung der fränkischen APO verantwortlich gewesen. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings seien die Meinungen über das Verhalten der Sowjetunion in zwei konträre Richtungen auseinandergelaufen. Die stalinistischen Linken hätten den Einmarsch der Russen im Hinblick auf die vermeintlich drohende Konterrevolution verteidigt. Die freiheitsliebenden Linken in Nürnberg hätten die gewaltsame Niederschlagung der Prager Proteste verurteilt. Daraufhin sei es im Sommer 1968 zum Bruch der APO gekommen.

Nürnberg profitierte von 68ern

Markus Urban ist sich sicher, dass die Flower-Power-Generation trotzdem die fränkische Metropole und die SPD positiv beeinflusst hätten. „Willy Brandt hat ganz viele Nürnberger überzeugt, von der APO in die SPD zu gehen“, ist sich Urban sicher und verweist auf prominenten Beispiele wie Gebhard Schönfelder, die später Karriere bei den Sozialdemokraten gemacht haben.

1968: Mit Stolz und Wehmut

Viele Sozialdemokraten würden deshalb mit Stolz und Wehmut auf das Jahr 1968 zurückblicken. „Nehmen Sie Hermann Glaser, der kürzlich leider verstorben ist. Glaser hat viele Ideen der 68er aufgegriffen. Glaser wollte als erster die NS-Geschichte in Nürnberg aufarbeiten. Er hat den Jugendlichen viele Möglichkeiten zur Diskussion gegeben“, sagt Markus Urban, der die Geschichte des Jahres 1968 in Nürnberg in seiner Ausstellung im Museum für Industriekultur mit 18 Schautafeln darstellt.

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