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Tiergarten Nürnberg

Gefrorene Mäuse und Rentiermoos

Ob Rinderhälften, Karotten oder Besenstiele: Futtermeister Gerd Schlieper hat alles. Jeden Tag kauft er für 1000 Euro Futter.
Von Katrin Böhm

  • Karotten aus dem Knoblauchsland. Um die Region zu unterstützen, arbeitet der Tiergarten stark mit den Nürnberger Bauern zusammen. Foto: Böhm
  • Demnächst gibt‘s Sprotte – noch liegen die Fische tiefgekühlt im Lagerraum. Foto: Böhm
  • 100 Kilo Rinderhälften braucht Gerd Schlieper pro Tag – zum Beispiel für Löwen und Tiger. Foto: Böhm
  • Aus Skandinavien importiert: original Rentiermoos Foto: Böhm
  • Wischer, Besenstiele, Eimer aller Arten: Gerd Schlieper hat alles vorrätig. Foto: Böhm
  • Auch hier verbringt Gerd Schlieper viel Zeit: an seinem Schreibtisch. Bestellungen abarbeiten und neu aufgeben. Foto: Böhm
  • Auch Künstler sind im Tiergarten gern gesehen – der Flamingo und die Schildkröte aus Holz warten noch auf ihre Präsentation. Derweil sind sie in den Lagerräumen von Gerd Schlieper untergekommen.Foto: Böhm
  • Gerd Schlieper füllt Insektenschrot für die Raubtiere ab. Foto: Böhm
  • Sehen aus wie Spielzeug-Mäuse aus Kunststoff, sind aber echt: gefrorene Mäuse in der Tiefkühlkammer Foto: Böhm

Nürnberg.An manchen Tagen kommt sich Gerd Schlieper vor, als wäre er bei Amazon beschäftigt. Es gibt nichts, was es nicht gibt – und jeden Tag wird bestellt wie verrückt. Salzwasserresistentes Klebeband und gefrorene Mäuse, 20 verschiedene Arten von Besenstielen und riesige Säcke mit Knäckebrotbruch, Rentiermoos aus Skandinavien und Klopapier, das tatsächlich von Zoo-Mitarbeitern getestet wurde, bevor es in Umlauf kam. Ein Besucher bringt seit der Umstellung auf das neue Papier nach eigenem Bekunden sein eigenes Toilettenpapier mit, aber das nur am Rande.

Gerd Schlieper ist seit vier Jahren Futtermeister im Nürnberger Tiergarten, kümmern muss er sich allerdings um viel mehr als nur ums Futter. Ums Klopapier zum Beispiel. Oder dass immer genügend Müllsäcke da sind. Oder dass die richtigen Eimer für die Tierpfleger vorrätig sind – die einen bestehen auf blaue, die anderen nehmen auch rote. Bei den Wasserschläuchen ist es das gleiche – die einen nehmen die gelben, die anderen wollen unbedingt einen Goldschlangenschlauch. Viele Eigenheiten, die Gerd Schlieper seit 2012 nach und nach kennenlernte.

Und dann ist da noch der Wald. Der Tiergarten ist zugleich der Forstbetrieb der Stadt Nürnberg und in dieser Funktion sind die Mitarbeiter der 7,5 Stellen in Schliepers Abteilung auch für 200 Hektar Wald zuständig, der über die ganze Stadt verteilt ist. Sie kümmern sich darum, dass Bäume an Straßen abgesichert werden – das übernehmen die ausgebildeten Baumkletterer – oder machen Brennholz. Vor allem im Winter sind Schliepers Mitarbeiter viel im Wald unterwegs, im Sommer ist ihre Arbeitskraft in der zooeigenen, 90 Hektar großen Landwirtschaft, diesich zum Großteil beim Gut Mittelbüg befindet, gefragt.

Gemüse aus dem Knoblauchsland

Den größten Teil machen dort die Futterwiesen aus – Mitte Juli wurde die Heuernte mit mehr als 11 100 normalen Heu-Ballen und 236 der großen Quader-Ballen abgeschlossen. Außerdem baut der Tiergarten selbst Futterrüben, Weizen, Hafer, Topinambur, Grünmais, Luzerne un winterharten Bambus an. Während das Heu aus dem Eigenanbau meist halbwegs ausreicht – täglich wird eine Fuhre in den Zoo gebracht –, müssen Gemüse, Obst und natürlich Fleisch zugekauft werden. Im Schnitt gibt Schlieper jeden Tag flockige 1000 Euro nur für Futter aus. Dreimal pro Woche bestellt er etwa eine Kiste Bananen, 20 Kilo Birnen, sechs Kisten Chicoree, fünf Kisten Gurken, vier Gurken Zucchini, fünf Kisten Salat, zehn Kilo Lauch und einen Sack Erdnüsse – um einen kleinen Ausschnitt zu nennen.

Obst und Gemüse stammen zum Großteil aus dem Knoblauchsland – mit den Bauern dort arbeitet Schlieper eng zusammen. Wenn etwa die roten Bete für den normalen Verkauf nicht mehr gut genug sind, kauft sie der Tiergarten. Davon haben beide Seiten etwas. Der Zoo bekommt regionale Ware zu günstigeren Preisen und der Bauer mehr Geld als wenn er die Bete unterpflügt. Auch der Großmarkt fragt regelmäßig an – etwa, wenn es plötzlich Gurken im Überfluss gibt, die aber sofort verfüttert werden müssten. „Da stellen wir den Futterplan dann nochmal um – auch wenn die Tierpfleger das nicht gern mögen.“ Es gebe aber durchaus Tiere, die flexibler sind als andere. Paviane etwa. „Da kann man schon mal was hin- und herschieben.“

Zusätzlich braucht der Tiergarten 100 Kilogramm Rinderhälften – pro Tag. Einige Tiere schlachtet der Tiergarten selbst, zum Beispiel wenn es überzählige Zootiere gibt. Wenn etwa ein Büffel geschossen wird, wird er komplett verfüttert – samt Knochen, Innereien und Fell. „Die Tiere brauchen das, die kriegen das im Ganzen, mit Kopf und allem drum und dran. Draußen holen sich die ja auch ein ganzes Tier.“

80 Tonnen Fisch pro Jahr

Einmal pro Woche bestellt Gerd Schlieper Fleisch bei einem speziellen Metzger, der eine Zulassung für Viehfutter hat, im Fachjargon nennt sich das Kategorie-3-Fleisch. „Prinzipiell ist das nicht schlechter, aber für den menschlichen Verzehr ist es nicht mehr tauglich. Und es ist unschlagbar günstig.“

Für dieses Fleisch gelten die selben Kriterien wie bei Katzen- oder Hundefutter, sagt Schlieper. Zum Beispiel gehören dazu Tiere, die etwa ein entzündetes Bein hatten. „Wir schneiden das dann großzügig weg, aber ansonsten ist das Fleisch ja völlig okay.“

„Lebende Fische gibt es nicht – höchstens ein Pelikan schnappt sich mal einen Karpfen aus dem Teich“.

Futtermeister Gerd Schlieper

Weil Delfine, Robben und jede Menge andere Tiere eher auf Fisch als auf Fleisch aus sind, kauft Schlieper jedes Jahr 70 bis 80 Tonnen Fisch ein – Heringe, Sprotten, Makrelen und Tintenfisch etwa. Weil der Fettgehalt der Fische je nach Fangperiode unterschiedlich ist, fordert der Futtermeister von jeder Fischart zunächst eine Probepackung an. Ist der Fisch gut, ordert er ihn tonnenweise. Das reicht dann für ein Jahr. Lebenden Fisch gibt es im Tiergarten nicht, „höchstens ein Pelikan schnappt sich mal einen Karpfen aus dem Teich“.

Und dann bestellt Gerd Schlieper einmal pro Woche auch all jene Tierchen, die zu Hause lieber niemand haben möchte: kleine Heimchen und große Wüstenschrecken, mittlere Schaben und weiße Asseln, Erbsenblattläuse und Rosenkäferlarven.

Zu den Tieren gelangt das Futter über die tägliche Bestellung der Tierpfleger in Form vieler kleiner grüner Zettel, die sich an jedem Morgen auf Schliepers Schreibtisch stapeln. So hätte Revier 9 etwa gerne zehn Kilo mageres Fleisch ohne Knochen, einmal MSC-zertifizierten Hering, sechs Möhren, 1/4 Block Süßwasserfisch und einmal „Gemüse nach Plan“, das Raubtierhaus verlangt nach zwei Litern Hackfleisch, drei Litern Küken, viermal Fleisch für den Leopard, einmal Mehlwürmer und sechsmal Fleisch.

Das Team von Gerd Schlieper sucht in den Lager- und Kühlräumen alles zusammen, lädt das Futter auf einen Wagen und bringt es zur Ablagestelle des jeweiligen Reviers, wo es die Tierpfleger abholen und selbst für die jeweiligen Tiere verarbeiten und in Portionen aufteilen.

Normalerweise läuft das System, ab und zu gibt es aber Probleme, weil zum Beispiel „1 K Salat“ auf dem Zettel steht und Gerd Schlieper dann nicht weiß, ob eine Kiste oder ein Kopf gemeint ist. Oder wenn nicht die ganz genaue Bezeichung für ein Futter verwendet wird. „Wir haben für so viele Tiere so viele verschiedene Sachen“ – 200 Futtermittel sind es alles in allem.

1000 Lastwagen-Ladungen mit Mist

Weil das, was vorne reingeht, hinten wieder rauskommt, muss sich Gerd Schliepers Team auch um den Mist der Tiere kümmern. 3000 Kubikmeter kommen Jahr für Jahr zusammen, das sind etwa 100 Lastwagenladungen. Wegen der vielen Heu- und Strohreste kann der nicht einfach als Dünger verwendet werden, sondern muss kompostiert werden, bevor er wieder auf die Felder, die nicht im Wasserschutzgebiet liegen, ausgebracht wird. „Und damit schließt sich der Kreislauf der Nährstoffe.“

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