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Im Oldtimer durch Nürnbergs Blaue Nacht

Viele Besucher nutzten den historischen Bus, um in der proppenvollen Stadt von Station zu Station zu gelangen.
von Nikolas Pelke

Anything goes: Dan Reeder illuminierte die Kaiserburg. Foto: Ralf Moll
Anything goes: Dan Reeder illuminierte die Kaiserburg. Foto: Ralf Moll

Nürnberg.„Bitte einsteigen!“, ruft Christopher, während Andrea die drei Stufen beim Einstieg erklimmt und sich im Rücken des Fahrers in einen der weich gepolsterten Sitze fallen lässt, die mit herrlich rotem Kunstleder bezogen sind. „Puh! Mit dem Bus ist die Blaue Nacht einfach bequemer“, sagt die Nürnbergerin und lacht, während der alte Diesel im ersten Gang lostuckert. „Ich war gerade im Opernhaus. Jetzt will ich zur Burg, um einen guten Platz für die Burgprojektion zu bekommen.“

Andrea aus Nürnberg Foto: Pelke
Andrea aus Nürnberg Foto: Pelke

Zu Fuß durch die rappelvolle Altstadt? Das wäre der kunstverliebten Dame dann doch zu viel des Gutes gewesen, erzählt Andrea. Bei der nächsten Haltestelle bekommt Christopher hinter dem Steuer plötzlich einen Kuss. „Das ist meine Michelle“, verteidigt sich der verdutzte Busfahrer nach dem Liebeslippenbekenntnis und erzählt, dass er sich zur „Blauen Nacht“ als aktives Mitglied der „Straßenbahnfreunde“ ehrenamtlich hinter den historischen Omnibus aus dem Jahr 1959 klemmt, um die ganze Nacht die blaue Altstadt mit seinem cremeweißen „Kraus-Maffei“ mit orangenen Streifen zu umrunden.

Christopher und sein Bus Foto: Pelke
Christopher und sein Bus Foto: Pelke

Derweil haben die 120 Pferdestärken den Vestnertorgraben im Rücken der Kaiserburg erreicht. Andrea winkt kurz dem Fahrer zu und hüpft dann die drei Stufen beim Ausstieg hinunter. Viele andere Fahrgäste wählen den selben Weg. Denn von der Haltestelle ist es nur ein Katzensprung zur Burgprojektion und damit zum Höhepunkt jeder Blauen Nacht. Heuer hat Dan Reeder, Nürnberger Künstler-Urgstein mit amerikanischen Wurzeln, die Ehre. Im Internet kursieren bereits Fotos von Riesenbratwürsten, die wie zum Anbeißen über die Kaiserburg tanzen.

Norbert aus Nürnberg Foto: Pelke
Norbert aus Nürnberg Foto: Pelke

Norbert ist einer der wenigen Fahrgäste, die nicht aussteigen und noch im Bus sitzen bleiben. „Ich mache eine Rundfahrt. Ich genieße es, meine Stadt heute Nacht aus einer anderen Perspektive zu erleben“, sagt Norbert und erklärt, dass er bisher keine „Blaue Nacht“ verpasst habe. „Als Bürger hat man die Verpflichtung, seine Anerkennung für das Engagement der Stadt und der vielen ehrenamtlichen Helfer mit der Teilnahme und dem Kauf eines Tickets auszudrücken“, ist sich der Nürnberger sicher.

Daniel und Oma Antonia Foto: Pelke
Daniel und Oma Antonia Foto: Pelke

Nach 45 Minuten ist die Haltestelle beim Opernhaus wieder erreicht und der siebenjährige Daniel steigt mit einem blauen Luftballontier in den Bus ein. „Ich bin das letzte Kind gewesen, das einen Luftballon bekommen hat“, sagt der Siebenjährige stolz. „Jetzt fahren wir ins historische Straßenbahn-Depot. Mit Straßenbahnen kenne ich mich aus. Da fährt das allerneueste Modell“, sagt Daniel und zeigt vor dem Hauptbahnhof lässig auf eine vorbeibrausende Tram. „Im Museum war es langweilig. Da hat es nur Führungen gegeben“, berichtet Daniel weiter und die Oma nickt. „Bei den Straßenbahnen war ich schon oft. Das ist ja meine vierte Blaue Nacht“, sagt der aufgeweckte Dreikäsehoch und Antonia nickt schon wieder.

Sonja, Max und Tobias Foto: Pelke
Sonja, Max und Tobias Foto: Pelke

Überhaupt die Straßenbahnen. Die sind offensichtlich angesagt bei Familien. „Wir fahren auch zu den Straßenbahnen“, schaltet sich Max vom Nachbarsitz ein und lässt alle raten, was er einmal werden will, wenn er groß ist. Nein, nicht Straßenbahnfahrer. „Computerspiele-Programmierer natürlich!“ Die Eltern lachen leicht erschöpft. „Normalerweise sind wir um diese Zeit schon im Bett“, gesteht Sonja sichtlich ermattet und berichtet von vielen Menschen vor kleinen Türen und riesigen, stundenlangen Schlangen. „Ich finde es schon sehr anstrengend“, sagt Sonja, aber Max strahlt zufrieden.

Die Blaue Nacht

  • Besucher:

    Die Blaue Nacht bleibt auch in ihrem 19. Jahr ein Publikumsmagnet für Nürnberg: Geschätzte 150 000 Besucher flanierten laut Stadt bis weit nach Mitternacht durch die gebläute Altstadt und genossen mehr als 250 Programmpunkte, die über 70 Kultureinrichtungen – vom Staatstheater über das Neue Museum bis zur Stadtbibliothek, dem Jazzstudio und dem Planetarium – arrangiert hatten.

  • Publikumspreis:

    Den mit 5000 Euro dotierten Publikumspreis gewann dabei der Nürnberger Künstler René Martin mit seiner interaktiven Jonglier-Teller-Performance „Into the Great Blue Open“.

  • Sicherheit:

    Aus Sicht der Polizei verlief die Großveranstaltung, die dieses Jahr unter dem Motto „Horizonte“ stand, laut Stadt ohne besondere Vorkommnisse. Die Atmosphäre in den Häusern, an den Fassaden und auf den Plätzen, wo die Lichtkunst in vielen Variationen dominierte, sei sichtlich entspannt gewesen.

„Ist die Stadt sehr voll?“, fragt derweil ein neuer Fahrgast den Fahrer. „Ich bekomme von der Blauen Nacht am Steuer nicht so viel mit“, muss Christopher auf dem Fahrersitz zugeben und erklärt, dass er immer nur „um“ niemals „in“ die blau leuchtende Altstadt fahre. Freilich könne er sich vorstellen, dass sich jetzt mit dem Einbruch der Dämmerung viele der rund 150 000 Besucher zur Burg aufmachen. „Dort soll die Hölle los sein“, meldet sich ein anderer Fahrgast im nun vollen Omnibus zu Wort und zieht die herrlich analoge Klingelleine mit der Glocke. Hinter der Windschutzscheibe tritt Christopher sanft in die Pedale.

Nach einer kleinen Ewigkeit kommen die 6500 Kilogramm zum Stehen. Die komplette Busladung steigt aus und macht sich zur Burg auf. Dort lässt Dan Reeder rote Herzen über die Burg flimmern. In den Gassen darunter drängen sich die Besucher dicht an dicht. Später fliegen tatsächlich Riesenbratwürste durch die blaue Sommernacht. Und Christopher dreht irgendwann seine allerletzte Runde.

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