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Klinikum Nürnberg fährt wieder hoch

Der Vorstandsvorsitzende kritisiert die Politik: Dringend benötigte Betten müssen für Covid-19-Patienten freigehalten werden.

Prof. Hubert Stein, Prof. Achim Jockwig, Nadine Heym und Prof. Jörg Steinmann äußerten sich zu den Lockerungen im Klinikum Nürnberg. Foto: Rudi Ott
Prof. Hubert Stein, Prof. Achim Jockwig, Nadine Heym und Prof. Jörg Steinmann äußerten sich zu den Lockerungen im Klinikum Nürnberg. Foto: Rudi Ott

Nürnberg.Die Allgemeinverfügung der Staatsregierung und die Empfehlung der Bundesregierung sehen vor, dass Krankenhäuser ihren Normalbetrieb Schritt für Schritt wieder hochfahren dürfen. Auch das Klinikum Nürnberg als eines der größten kommunalen Krankenhäuser Deutschlands geht diesen Schritt – mit kritischen Tönen für die in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie verlangte Zahl an vorzuhaltenden Betten.

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447 Betten müssen frei bleiben

Ein Drittel aller verfügbaren Normalbetten und ein Viertel der Intensivbetten müssen demnach für Covid-19-Patienten jederzeit zur Verfügung stehen. Für das Klinikum Nürnberg heißt das: 47 Intensivbetten und knapp 400 Betten auf Normalstation müssen ständig freigehalten werden. Eine sehr hohe Zahl, die Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. med. Achim Jockwig durchaus kritisch sieht: „Wir wissen durch unseren engen Austausch mit Gesundheitsamt und Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) immer über das Infektionsgeschehen in der Region Bescheid. Und das bereits Tage oder sogar Wochen, bevor Covid-19-Patienten behandlungspflichtig werden. Innerhalb dieser Zeit können wir ohne Probleme die notwendigen Kapazitäten zur Verfügung stellen.“

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Dass dies möglich ist, hat das Klinikum Nürnberg laut einer Pressemitteilung in den vergangenen acht Wochen bereits unter Beweis gestellt. Denn mit der Aufforderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vom 13.März, die Intensivkapazitäten deutlich zu erhöhen sowie alle aus medizinischer Sicht nicht dringend notwendigen Behandlungen zu stoppen, reduzierte das Klinikum Nürnberg innerhalb kürzester Zeit die Belegung auf 50 Prozent.

Dies schuf Platz für die Behandlung von bislang 190 Patienten mit bestätigter Corona-Infektion und knapp 1400 Verdachtsfällen im Klinikum Nord und Süd. 170 davon landeten auf den Intensivstationen. Damit wurden knapp 80 Prozent der intensivpflichtigen Covid-19-Patienten in Nürnberg im Klinikum Nürnberg medizinisch versorgt.

„Jetzt so viele Betten freizuhalten, obwohl sie benötigt werden, ist medizinethisch nicht zu verantworten.“

Prof. Dr. med. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender

Besonders betroffen vom geforderten Herunterfahren des Klinikums waren Kliniken wie die von Prof. Dr. med. Hubert Stein, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Thorax- und Viszeralchirurgie. „Buchstäblich über Nacht haben wir unsere Belegung halbiert. Wir haben Stationen geschlossen und Operationen verschoben.“

Patienten haben auf Behandlung gewartet

Dass diese Einschränkungen jetzt gelockert werden, komme vor allem den Patienten zu Gute, die jetzt, zum Teil noch verhalten und mit Angst vor Ansteckung, zum Teil mit hohem Leidensdruck in die Kliniken kämen, heißt es weiter. Schließlich hätten sie in den acht Wochen auf oft wichtige Eingriffe und Behandlungen gewartet oder Gänge zum Arzt aus Sorge vor Ansteckung verschoben. Aus so manchem vorher planbaren Eingriff sei dadurch sogar ein Notfall geworden.

Deshalb gibt Jockwig zu bedenken: „Wir haben auch eine Verpflichtung für die Patienten, die so lange auf ihre Behandlung gewartet haben. Für sie brauchen wir jetzt wieder mehr Behandlungskapazitäten“. Wenn eine zweite Covid-19-Welle komme, bestehe ausreichend Zeit, die Kapazitäten für Covid-19-Patienten wieder zu erhöhen. „Jetzt so viele Betten freizuhalten, obwohl sie benötigt werden, ist medizinethisch nicht zu verantworten.“

Das Klinikum Nürnberg

  • Bedeutung:

    Es ist eines der größten kommunalen Krankenhäuser in Deutschland

  • Angebot:

    gesamtes Leistungsspektrum der Maximalversorgung

  • Größe:

    2206 Betten an zwei Standorten – Klinikum Nord und Klinikum Süd

  • Mitarbeiter:

    7000 Beschäftigte

  • Patienten:

    knapp 100.000 stationäre und 170.000 ambulante Patienten im Jahr

  • Verbund:

    zwei weitere Krankenhäuser im Landkreis Nürnberger Land gehören dazu

Kein Patient, der jetzt als Notfall oder für eine geplante Behandlung ins Klinikum Nürnberg komme, müsse Angst vor einer Ansteckung haben. Die Covid-19-Stationen seien vollkommen von allen anderen Stationen getrennt, das komplette Personal arbeite ausschließlich entweder da oder dort. Besonders für alle Mitarbeiter in der Pflege und den Funktionsdiensten wie Radiologie oder Ähnlichem bedeute das einen großen Aufwand.

Großer Aufwand für Personal

Deshalb freut sich Nadine Heym, die Pflegedienstleiterin mehrerer Kliniken, stellvertretend für alle anderen Pflegedienstleitungen über die hohe Motivation und die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter. „Ich danke meinen Mitarbeitern für ihre Bereitschaft und Flexibilität, sich auf die neue Situation – zum Teil Tag für Tag – neu einzustellen.“ Der geordnete Umbau der Stationen sowie die Vorbereitung und Schulung der Mitarbeiter auf die neuen Aufgaben sei für alle fordernd und intensiv gewesen. Und sie freut sich über die Wertschätzung der Pflege in der Öffentlichkeit.

Gleichzeitig warnt Prof. Dr. Jörg Steinmann, Chefarzt des Instituts für Klinikhygiene, Medizinische Mikrobiologie und Klinische Infektiologie vor zu viel Sorglosigkeit. Denn auch Menschen ohne jegliche Symptome könnten das Virus in sich tragen und verbreiten. „Die Basishygiene, Mund-Nasen-Schutz und auch das Social Distancing sollten dauerhaft beibehalten werden, solange es noch keine Impfung gibt“, macht Steinmann seinen Standpunkt deutlich.

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