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Vortrag

Mit Schweigen beginnt Diskriminierung

Der Politologe Jürgen Schlicher erklärt in Nürnberg, wie Rassismus entsteht: durch Angst. Das Gegenmittel: innere Stärke.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Peter Budig

  • Warum zünden Menschen Unterkünfte von Flüchtlingen an? Dem Thema Rassissmus und Diskriminierung widmete sich ein Vortrag in Nürnberg. Foto: Nestor Bachmann
  • Der Duisburger Politologe Jürgen Schlicher hielt im Rahmen der Kampagne „Nürnberg hält zusammen“ einen Vortrag über Ursachen von Rassismus. Foto: Peter Budig

Nürnberg.Das Foto des kleinen syrischen Mädchens, vielleicht drei Jahre alt, schwarze Locken, große, dunkle Augen, ging durchs Netz. Herzzerreißend. Sie ist ganz allein. Der Rest der Familie kam auf der Flucht ums Leben. Man kann den Schmerz, das Leid, das Elend auf den Fotos der Kriegsflüchtlinge mit Händen fassen.

Nicht alle Betrachter reagieren so empathisch. Irgendetwas in den anderen setzt Hass, Wut, Aggression frei. Sie tun dies kund, als Kommentare etwa, in den Sozialen Netzwerken: „Bin dafür, dass die Asylanträge sportlich behandelt werden. Asylbewerber bekommen die roten Badehosen, und die Haie und Krokodile die gelben.“ „Alle wieder in den Zug packen, und dann ab nach Auschwitz“.

Der Blog „Perlen aus Freital“ (http://perlen-aus-freital.tumblr.com/) sammelt solche Einträge, die Absender rassistischer Botschaften werden Strafverfolgungsbehörden gemeldet – oder dem Arbeitgeber, der auf Facebook-Profilen oft angegeben ist.

Woher kommt Rassismus?

Warum denken manche Menschen so? Und: Was macht das mit jenen, die solchem Hass ausgesetzt sind? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Duisburger Politologe Jürgen Schlicher seit 20 Jahren. Bei einem Vortrag im Fabersaal des Bildungszentrums gab er auf Einladung der Kampagne „Nürnberg hält zusammen“ Antworten.

Ein Erklärungsansatz: Gefühlsentscheidungen unseres Gehirns wirken viel stärker als vernünftige Überlegungen. Sie werden im Amygdala-Part (deutsch: Mandelkern) des Gehirns ausgebildet. Schneller als andere entscheidet diese Hirnregion, „wie wir etwas finden“ – hier wird gewertet und emotional verknüpft. Ist dies mit Angst verbunden, entsteht Abwehr. „Menschen, die andere gefährlich finden, sind mit Vernunft schwer zu überzeugen“, sagt Schlicher.

Er hat seine akademische Ausbildung durch Seminare bei Jane Elliott ergänzt. Die amerikanische Lehrerin hat den „Blue Eyed-Workshop“ entwickelt: Man trennt eine Gruppe Menschen in solche, die „blauäugig“ sind, und die anderen, die Braunäugigen. Ersteren erklärt man, dass Blauäugige tüchtiger sind, cleverer. Sie fassen schneller auf. Braunäugige, erfahren sie, sind von Haus aus dümmer. Die lügen und verdrehen alles, das ist typisch. Sie sind außerdem faul. Die Blauäugigen werden auch besser behandelt. Sie bekommen Kaffee und Kekse.

Ein Experiment

„Braunäugige“, so die Referentin Elliot, eine kleine, energische, sehr eloquente und selbstsichere Frau, „dürfen keinen Nachschlag beim Mittagessen nehmen.“ Warum? „Sie können damit nicht umgehen, werden gierig, nehmen alles.“ Sehr schnell verändert sich das Verhalten der Gruppen. Die Blauäugigen wollen bald nichts mehr mit den Braunäugigen zu tun haben. Die wiederum finden sich rasch damit ab, dass sie so sind, wie man sie bezeichnet. Will man das Experiment auf die Spitze treiben, tauscht man nach einer Zeit die Gruppen. Am Ende hat jeder diskriminiert und Diskriminierung erfahren.

Auch Schlicher hat diese Experimente mit Elliott erlebt. Heute führt er sie selbst aus. Die Lerneffekte sind verblüffend: Kaum jemand unter den Unterdrückern („Blauäugigen“) fragt nach oder verweigert sich. „Um zu diskriminieren, reicht es, dass man schweigt“, lautet Elliotts Merksatz. Hinterher, bei der Aufarbeitung sagen allerdings viele, sie seien kurz davor gewesen, aufzubegehren. Das Unrecht hätten sie gespürt.

Das System durchschauen

Noch eine Erfahrung: Coacht man Personen, die bereits eine Unterweisung erhielten, wie Rassismus und Diskriminierung funktionieren, sind deutlich mehr Menschen bereit, aufzubegehren oder sich wehren. „Wie haben Sie sich gefühlt“, werden bei der Nachbesprechung die Braunäugigen befragt. „Wie ein Hund an der Leine“, sagt ein Mann. „Hilflos. Wertlos.“

„Was glauben Sie“, fragt Referent Schlicher ins Publikum, das den Jane Elliott-Dokumentationsfilm gesehen hat, „wie empfinden Flüchtlinge, die hierher kommen, auf engstem Raum jahrelang leben müssen. Denen man Deutschkurse, Arbeitsrecht, Bewegungsfreiheit verweigert?“

Seine Erkenntnis: „Hier kommen hochmotivierte Menschen an, die eine schwere Situation überstanden haben. Nach kurzer Zeit sind sie völlig frustriert. Fühlen sich nutzlos und unfähig. Denn „Menschen fühlen sich nicht so wie sie sind, sondern wie man sie behandelt“. Was braucht man als Individuum, um den Teufelskreis aus Missachtung und Diskriminierung zu durchbrechen? „Nicht viel“, behauptet Schlicher: „Nur ein Prinzip und eine Haltung“. (nbp)

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