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Politik

Nürnberger Chefarzt platzt der Kragen

Viele Kinder, wenig Personal: Das Gesundheitsamt kann Erstklässler nur eingeschränkt untersuchen. Ein Grund ist Zuwanderung.
von Nikolas Pelke

Wolfram Scheurlen kritisiert, dass die ärztlichen Untersuchungen an Kindern nicht mehr korrekt durchgeführt werden. symbolFoto: Waltraud Grub/dpa
Wolfram Scheurlen kritisiert, dass die ärztlichen Untersuchungen an Kindern nicht mehr korrekt durchgeführt werden. symbolFoto: Waltraud Grub/dpa

Nürnberg.Bereits seit Jahren würden Schulkinder im Stich gelassen, kritisiert Wolfram Scheurlen, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion. Die wichtigen Schuleingangsuntersuchung würden bereits seit Jahren nicht mehr korrekt durchgeführt. Dabei habe die Stadt Nürnberg durch den Gesetzgeber einen klaren Versorgungsauftrag, betont der CSU-Stadtrat. Die Mängelliste werde immer länger.

Weil Verbesserungsmaßnahmen „nicht oder nicht ausreichend“ bewilligt würden, sei Scheurlen „kürzlich der Kragen“ geplatzt. Als Chefarzt der „Cnopfschen Kinderklinik“ in Nürnberg dürften Scheurlens Kritik besonderes Gewicht bekommen. Eine Untersuchung zur Einschulung sei laut Scheurlen mit Recht eine kommunale Pflichtaufgabe. Hier böte sich die „unverzichtbare Gelegenheit“, psychische oder körperliche Entwicklungsstörungen eines Kindes frühzeitig zu erfassen. Dadurch könnten spätere Defizite verhindert werden.
Gesundheitsreferent Peter Pluschke (Grüne) räumt die Missstände ein. „Nur mit Einschränkungen“ könne das Gesundheitsamt seine Aufgaben wie die Schuleingangsuntersuchung bewältigen. Pluschke verweist auf „personelle Engpässe“ und „steigende Kinderzahlen“. Die pro Schuljahr untersuchte Kinderzahl habe sich von 4078 im Jahr 2011 auf zuletzt 4844 im Jahr 2018 erhöht. Fazit: Die Personaldecke ist zu dünn.

Oft schlechte Deutschkenntnisse

Zusätzlich spiele die Zuwanderung eine Rolle. Denn die steigende Zahl der Kinder setze sich laut Pluschke nicht nur aus steigenden Geburtenzahlen, sondern auch aus der anhaltenden Zuwanderung und dem Familiennachzug zusammen. Durch die Zuwanderung erhöht sich zusätzlich der Zeitbedarf für jede Untersuchung. Pluschke verweist auf „sehr geringe“ Deutschkenntnisse von Eltern und Kindern. Allein durch das Versenden von Mahnungen nach versäumten Terminen habe sich der Organisationsaufwand stark erhöht. Die Folge: Durch die Mehrbelastung und den Personalnotstand entstehen Verzögerungen, die einen ganze Reihe von Problemen nach sich ziehen. Bereits im zweiten Jahr in Folge schafft die Stadt es kaum noch, die Untersuchungen der Abc-Schützen bis zum Beginn der Sommerferien abzuschließen. Untersuchungen müssten immer häufiger erst kurz vor dem Start des neuen Schuljahres stattfinden. Das Ziel einer „zeitgerechten Beratung“ über entscheidende Fragen wie Einschulung, Zurückstellung oder Fördermöglichkeiten könne so „in vielen Fällen“ überhaupt nicht oder erst viel zu spät stattfinden. Mit gravierenden Folgen für die Betroffenen, wie CSU-Stadtrat Wolfram Scheurlen kritisiert. Laut Scheurlen fehle der Stadt der Wille, mehr Geld für die öffentliche Gesundheitsvorsorge auszugeben. Der CSU-Stadtrat fordert die Stadt mit dem grünen Gesundheitsreferenten an der Spitze auf, die Defizite bis „spätestens 2020“ endlich abzustellen. Scheurlen schlägt vor, notfalls die Bezüge der städtischen Ärzte zu erhöhen, um die Stellen für Mediziner attraktiver zu machen. Offensichtlich tut sich die Stadt auch schwer, überhaupt geeignete Bewerber zu finden.

Noch viel mehr zu tun

Zur Abstellung der Defizite und Erfüllung „all dieser Aufgaben“ wäre laut Gesundheitsreferent Peter Pluschke „nach überschlägiger Abschätzung“ lediglich die Schaffung „einer Stelle für eine Kinderkrankenschwester“ notwendig. Warum dies bislang noch längst nicht geschehen ist? Diese Nachfrage hat der grüne Gesundheitsreferent bis Redaktionsschluss unbeantwortet gelassen. Stattdessen hat Pluschke darauf verwiesen, dass die Schuleingangsuntersuchungen ab Herbst 2021 sogar noch aufwendiger werden sollen. Dann wolle der Freistaat umfangreichere Untersuchungen für alle Kommunen verpflichtend einführen. Dadurch wird der Personalnotstand im Pluschke-Referat noch viel größer. „Wir erwarten dadurch einen zusätzlichen Bedarf in der Größenordnung von vier Kinderkrankenschwestern und zwei Kinderärzten“, teilt der Gesundheitsreferent auf Anfrage relativ lapidar mit.

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