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Musik

Spät der inneren Berufung gefolgt

Simone Wiech hatte eine Bilderbuchkarriere. Mit 40 Jahren beschloss sie aber alles zu ändern – der Liebe zum Akkordeon wegen.
Von Peter Budig

Simone Wiech bei der Reparatur eines der Instrumente, die den Weg in ihre Werkstatt finden.
Simone Wiech bei der Reparatur eines der Instrumente, die den Weg in ihre Werkstatt finden. Foto: Adalbert Wiech

Nürnberg.Da sitzt Simone Wiech in der Musikschule Fürth mit ihrer kleinen roten Zero Sette im Schoß, ein wunderschönes Akkordeon aus einer Manufaktur in Castelfidardo, 20 Kilometer südlich von Ancona. Wunderbar erklingt das Stück, „Preparense“ von Astor Piazzolla, der argentinische Erneuerer des Tangos, das sie mit ihrer Duo-Partnerin, der Kontrabassistin Britta Lezius, spielt.

Simone Wiech, deren Vorname französisch, „Si-monne“ ausgesprochen wird und die mit ihren braunen Augen und Haaren gut und gerne aus der Adria-Region, der Heimat so vieler hochwertiger Akkordeons, stammen könnte, aber in Nürnberg geboren und im Landkreis Fürth aufgewachsen ist. Sie sitzt versunken da, die Noten fest im Blick. Trotz des Ernstes fängt dieser Augenblick so vieles ein, war ihr das Leben lebenswert macht. Musizieren, Akkordeon, die vertraute Musikschule, wo sie seit drei Jahren bei Norbert Gabla, dem fränkischen Großmeister des Bandoneons, Unterricht nimmt.

Nicht nur spielen, auch reparieren

Simone Wiech spielt sie nicht nur, das Akkordeon, die Konzertina, das Bandoneon, alles was man gern allgemein Ziehharmonika nennt. Sie erforscht sie auch, nimmt sie auseinander, säubert und stimmt sie, repariert den Balg, der den Luftstrom erzeugt, reinigt korrodierte Stimmplatten, prüft ob die Register greifen, ersetzt Tasten und stellt neue Bassknöpfe aus Holz und Perlmutt her, wenn welche fehlen.

„So ein Handzuginstrument geht eigentlich nie ganz kaputt. Man kann sie gut wieder herrichten. Die größte Katastrophe sind Kellerinstrumente, durch zu viel Feuchtigkeit verquollen“, erzählt sie in ihrer Werkstatt, die in einem Hinterhof im Nürnberger Stadtteil Johannis beheimatet ist.

Simone Wiech ist 42 Jahre alt. Ihren Traumberuf „Handzuginstrumentenmacherin“ übt sie erst ein gutes Jahr aus. Nicht Unentschlossenheit stand ihr im Weg. Eher ein Zuviel an Möglichkeiten, an Begabungen. Ein gutes Abitur, Leistungskurse Mathematik und Physik, da muss man doch studieren. Am besten Bauingenieur? Das hat sie ernsthaft überlegt, schließlich war sie immer auch praktisch veranlagt und hat gerne die kleine Hobbywerkstatt ihres Vaters genutzt. Sie studiert dann doch Sozialpädagogik. „Ich war jung und wollte etwas tun, womit man die Welt verbessern kann“, lächelt sie und findet das noch immer gut. Ein Einserstudienabschluss, vier Jahre Arbeit mit erwachsenen Autisten, dann Behindertenarbeit. Sie bildet Heilerziehungspflegeschüler aus. Sie ist tüchtig und macht Karriere, steigt im Schulteam auf, kann gut organisieren, bildet sich fort, gehört irgendwann zum Schulleitungsteam.

Etwas zerrt in Simone Wiech

Über ein Jahrzehnt geht so ins Land. Nichts Großes wirft sie aus der perfekten Bahn, doch etwas zerrt heftiger in ihr. Chefin sein, Ellenbogen ausfahren, viel Organisationsarbeit, will sie das? Der alte Traum wird rege, er schiebt Wünsche in ihr hoch, wie ein Schildkrötenkopf den Panzer verlässt: „Ich hab‘ Geige spielen gelernt und wollte Geigen bauen, Klavier gespielt und mich für sein Inneres interessiert. Und als ich dann angefangen habe, Akkordeon zu lernen, da gaben die Träume keine Ruhe mehr. Ich wollte eigentlich immer Instrumentenbauerin sein.“ Wiech kündigt.

Ein mutiger Schritt. Sie ist gerade 40. Eine mehrjährige Ausbildung, noch dazu weit weg von daheim, ist undenkbar. Die zehnjährige Tochter, der vielbeschäftigte Ehemann, das ganze Leben kann nicht einfach mal verlassen werden. Sie findet also Werkstätten und sucht sie auf. Unter anderem in Brandenburg an der Havel, in Carlsfeld im Erzgebirge. Sie bleibt wochenweise, schaut hin, baut selbst, löchert den Handwerksmeister mit Fragen, überzeugt durch glühendes Interesse, lernt, saugt auf und baut daheim das Gelernte nach.

Inzwischen hat sie längst die Kammer von ihrem Können überzeugt, der Eintrag in die Handwerksrolle erfüllt sie mit Stolz, so wie ihre selbstgebauten Werkzeuge zum Stimmen der Ziehharmonikas.

Daneben übt sie weiter auf den Instrumenten. Gabla ist ein anspruchsvoller Lehrer. Sie spielt beim Irish-Folk-Ensemble Inisheer mit. Sie gründet ihr Duo. Auf drei Säulen soll ihre geschäftliche Zukunft Halt finden: Handzuginstrumente reparieren, Bandoneons bauen, als Akkordeonspielerin live auftreten.

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