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Beziehung

Stammtisch der Vielfachliebenden

Stammtische sind normalerweise nicht so sexy. Wenn sich die Polyamoristen in Nürnberg treffen, darf gekuschelt werden.
Von Nikolas Pelke

Von trauter Zweisamkeit, wie diese Streetart zeigt, halten Polyamoristen nicht viel.
Von trauter Zweisamkeit, wie diese Streetart zeigt, halten Polyamoristen nicht viel. Foto: Pelke

Nürnberg.Der Kellner schreibt „Poly-Stammtisch“ auf das Kärtchen. „Da ist unser Tisch“, sagen die ersten drei Besucher, die sich in dem Café zunächst ein Augenblick verstohlen umgesehen haben, und dann zielsicher auf das Schild mit der Reservierung in der Ecke zugesteuert sind. „Ich bin gespannt, wie viele Leute heute kommen“, sagt die junge Frau mit der Brille und lässt sich in das verschnörkelte Plüschsofa fallen.

Neben ihr sitzen zwei Männer um die 30. Beim Bestellen beobachtet die harmonische Dreiergruppe auf dem Plüschsofa die hereinkommenden Gäste. „Die schaut nicht aus wie ein Poly“, flüstert der Herr zur Linken seiner Nachbarin ins Ohr. Der Mann rechts daneben, der sich zwischenzeitlich als Chris vorgestellt hat, schüttelt ebenfalls mit dem Kopf und streichelt unter dem Tisch das Knie der Dame.

„Bei uns sind die meisten Frauen tatsächlich Psychologinnen“, erzählt Chris beim Händchen halten mit der Nachbarin auf dem Plüschsofa und lacht. Liebestechnisch hätten die meisten aber eine unterschiedliche Vergangenheit, versichert er. Die „Bett-Biographien“ seien so bunt wie die Republik. Gemeinsam sei ihnen die Einsicht, dass Zweisamkeit für Liebe, Sex und Zärtlichkeiten nicht der Weisheit letzter Schluss sei.

Pasta mit drei Gabeln bestellt

Derweil geht die Tür zum Café erneut auf. Chris ruft „Hallo!“ und „Hier sind wir!“. Eine attraktive Informatikerin um die 40 und ein Typ mit Pferdeschwanz, der Uwe Ochsenknecht zum Verwechseln ähnlich sieht, setzen sich dazu. Auf dem Plüschsofa wird Pasta mit drei Gabeln bestellt. Polyamoristen teilen offensichtlich nicht nur in Liebesdingen gerne. Die Konversation ist zunächst erstaunlich bieder. Es geht um Listen mit den Email-Adressen der Stammtisch-Freunde. Da kann die Computerfrau mit der blonden Mähne helfen. Nach dem Tipp bekommt sie einen dicken Kuss von ihrem Sitznachbarn. Danach streichelt Ochsenknecht die Businesslady.

Weitere Infos zum Stammtisch finden Sie hier:

Der Stammtisch

  • Termin:

    Der Poly-Stammtisch findet jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 18 Uhr statt. Der nächste Stammtisch findet in Nürnberg am 9. Februar statt.

  • Treffpunkt:

    Derzeit trifft sich die Runde häufig im Café „Fatal“ in Nürnberg/Johannis und reserviert dort einen Tisch auf den Namen „Poly-Stammtisch“. Die Lokalitäten können allerdings wechseln.

  • Anmeldung:

    Die Polyamoristen bitten nicht nur aufgrund der wechselnden Lokalitäten um vorherige Anmeldung. Dazu müssen Interessierte einfach eine E-Mail an diese Adresse schreiben: nuernberg@polyamory.ch.

Blicke fliegen hin und her, als zwei junge Männer, sicherlich Studenten, schüchtern fragen, ob sie hier richtig sind. Chris sagt „Ja!“ und die Frau mit der Brille in der Mitte des Plüschsofas strahlt und sagt: „Setzt Euch doch einfach dazu“. Chris wiederholt noch mal die Story mit der Mailingliste. Die Studenten hören andächtig zu, als sich ein eleganter Mittvierziger mit sanften Zügen wie selbstverständlich an den Stammtisch hockt. „Der Männeranteil ist heute aber ganz schön hoch“, sagt der Neuankömmling traurig.

Die Stammtisch-Brüder versuchen den Mann, Typ Traumschwiegersohn, aufzumuntern, und erinnern an vergangene Treffen, bei denen plötzlich ganze Horden von Stammtisch-Schwestern die Runde bereicherten. Überhaupt scheint die Vergangenheit eine große Rolle bei Polyamoristen zu spielen.

Fast jeder hat schon mal mit zwei Frauen gleichzeitig gelebt. Fast jeder hat schon mal eine Freundin in Stadt „X“ und eine Freundin im Dorf „Y“ gehabt. Gescheitert sind einige Beziehungen trotz aller Offenheit trotzdem. Polyamoristen gehen offensiv mit ihren Gefühlen und ihrer Sexualität um. Sie wollen sich nichts verheimlichen. Verzichten fällt ihnen schwer. Askese gilt ihnen als Fremdwort. Beim Zuhören gewinnt man den Eindruck, dass die Stammtisch-Freunde mit der Zweisamkeit keine guten Erfahrungen gemacht haben. Trotzdem träumen sie noch von der Liebe. Nur eben zu dritt oder zu viert. Eben zu mehreren. Daher der Name: Polyamorie.

Nuklearfamilie als Horror

„Ich finde die Idee der Nuklearfamilie falsch“, wird Chris grundsätzlich. Mutter, Vater, Kind: Das sei für die Liebe doch der Horror. Der Alltag fresse die Leidenschaft auf. Die Liebe verwelke zwischen Arbeit und Brutpflege. Chris träumt deshalb von einer Kommune. Wenn mehr als zwei Menschen unter einem Dach leben, so seine Theorie, habe jeder den nötigen Freiraum für schöne Schäferstündchen zu wie vielen auch immer.

Auf dem Sofa ist man mittlerweile beim Dessert angekommen und noch näher zusammengerückt. Die Süßspeise wird ebenfalls gemeinsam aus dem Schälchen gelöffelt. Teilen gehört hier zum guten Ton. „Sharing is caring“ würde die Internet-Jugend wohl dazu sagen. Die zehn Polyamoristen an diesem Stammtisch-Abend scheinen das untrügliche Gefühl zu haben, dass das Ende der monogamen Zweisamkeit für sie ein Fortschritt in der Liebe bedeutet. Darauf stoßen sie bei ihrem Stammtisch einmal im Monat mit Schmetterlingen im Bauch an.

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