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Wissen

Tanzende Roboter im Tiergarten

Ingenieure finden in der Natur Vorbilder für bahnbrechende Entwicklungen, wie das Nürnberger Bionicum zeigt.
von Thomas Tjiang

Der humanoide also menschenähnliche Roboter Nao fasziniert die Besucher des Bionicums, wenn er ihnen auf Blickkontakt folgt, ein Gedicht aufsagt oder wenn er zum Hit „Gangnam Style“ tanzt.
Der humanoide also menschenähnliche Roboter Nao fasziniert die Besucher des Bionicums, wenn er ihnen auf Blickkontakt folgt, ein Gedicht aufsagt oder wenn er zum Hit „Gangnam Style“ tanzt. Foto: Tjiang

Nürnberg.Es herrscht reger Betrieb im Nürnberger Bionicum, dass im Tiergarten untergebracht ist. Unter den Besuchern finden sich Schüler der Veit-Stoß-Realschule, etwa die 17-jährige Zaynab. „Mir gefällt es“, so ihr Fazit, nachdem sie Ausstellung und Mitmachstationen ausprobiert hat. Das Bionicum zeigt Lösungen der Natur, die als Vorbild für menschliche Technik dienen. „Beispielsweise der Klettverschluss“, antwortet sie spontan auf Nachfrage.

Das Prinzip der Klettpflanze findet sich heute an Schuhen oder Jacken, in der „Industrie wird am Klettprinzip aus Eisen“ gearbeitet, ergänzt der 16-jährige Klassenkamerad Nam. „Das wusste ich vorher nicht.“ Auch der gleichaltrige Mitschüler Nils wollte bei dem Ausflug ins Bionicum dabei sein, weil er einfach „neugierig“ war.

Muschel so stabil wie Stahlbeton

Das, was das Bionicum an Phänomenen von Tieren und Pflanzen zeigt, „verknüpft Fächer wie Biologie, Physik und Mathe“, sagt Zaynab. Zwar gibt sich Nils „in Mathe nicht gerade als Genie“ zu erkennen, er interessiert sich aber für Biologie. Da kann er einiges Entdecken. Der Faden einer tropischen Spinne, die für Vogelnetze oder Angeln genutzt werden können. Oder eine zwei Zentimeter dicke Riesenmuschel, die so stabil ist, wie ein viermal so dicker Klotz aus Stahlbeton.

Auch der 15-jährige Luis zeigt sich beeindruckt. „Vorher habe ich nicht so genau gewusst, was Bionik ist“, räumt er freimütig ein. Jetzt „kann ich mir vieles vorstellen“. Besonders plastisch war für ihn das Bionik-Memory, bei dem das Vorbild aus der Natur mit der Lösung der Ingenieure gesucht werden muss. So standen etwa Pinguin und Kugelfisch Pate für ein besonders aerodynamisches Familienauto – was sich allerdings im deutschen Markt nicht durchgesetzt hat. Oder die Entenfüße für Taucherflossen.

Der humanoide Roboter Nao war für alle ein Highlight. Er hat nicht nur etwas vorgetanzt, sondern kann auf Kommando auch ein Gedicht aufsagen. Durch visuelle Sensoren kann er seinem Gegenüber auch durch den Raum folgen. Zaynab ist erstaunt, findet aber: „Im Alltag sind sie unnötig“. Luis hält dagegen: „Ein Putzroboter wäre doch geil“, mal er sich die Zukunft aus. „Ich gehe zur Arbeit, der Roboter macht die Hausarbeit.“ Die Vorstellung ist verlockend, doch Nam hat trotzdem bedenken: „Aber dann gibt es mehr Arbeitslose.“

Bionicum kooperiert mit Schulen

Hätte Dr. Eva Gebauer diese Diskussion mitbekommen, sie hätte sich gefreut. Denn die Leiterin des vor einem Jahr eröffneten Bionicums will vor allem „Schulen ansprechen“. Bionik, eine Wortkombination aus Biologie und Technik, könne nicht nur in den Schulfächern Biologie, Chemie, Physik und Mathe ein Thema sein, sondern auch in „Deutsch, Sachkunde und Philosophie“. Und so hat sie zu jedem Schultyp, von der Grundschule bis zum Gymnasium, einen Verbindungslehrer. Zusätzlich hat das Bionicum mit der Veit-Stoß-Realschule und dem Dürer-Gymnasium eine Kooperation vereinbart.

Wissenswertes zum Bionicum

  • Öffnungszeiten:

    Im Sommer hat das Bionicum täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Im Winter ist es täglich von 9 bis 16.15 Uhr zu besichtigen.

  • Eintritt:

    Der Besuch des Bionicums ist kostenlos.

  • Führungen:

    An Wochenenden und Feiertagen bieten das Bionicum im Nürnberger Tiergarten kostenfreie Führungen mit Robotervorführungen an. Die Führung dauert 45 Minuten. Aktuell sind die Führungen um 10 und 14 Uhr. Separate Robotervorführungen finden täglich um 12 und 16 Uhr statt.

Das Faszinierende ist für Claus Kumutat, der als Präsident des Landesamts für Umwelt (LfU) auch für das Bionicum verantwortlich ist: „Die Natur ist in ihrer Schönheit verschwenderisch, beim Energieverbrauch ist die Tier- und Pflanzenwelt aber äußerst effizient.“ Deshalb sei es wichtig, „Tier- und Pflanzenarten zu erhalten“. Die Experten nennen das Biodiversität. „Die Gesellschaft braucht Argumente“, um biologische Vielfalt zu erhalten. Das beste Argument ist für ihn, „von der Artenvielfalt bionische Lösungen zu lernen“.

Das scheint gar nicht so schwer zu sein. Zumindest für Mathelehrerin Kerstin Jonczyk-Buch von der Veit-Stoß-Realschule „war es total einfach“, die Schüler für das Bionicum zu begeistern. Die Exponate geben aus ihrer Sicht etwas „für die ganz kleinen und ganz großen Schüler“ her. Sie denkt etwa an die Mitmachstation Leichtbau, bei der ein Turm aus Makkaroni gebaut werden kann. Als Verbindungselemente dienen Marshmallows, die beliebte Schaumzuckerware aus dem Süßigkeitenregal. Oder man baut eine Brücke, ganz ohne Schrauben und Leim, die nur durch die Reibung der Hölzer zusammengehalten wird.

Jonczyk-Buch will so „Mut zu MINT machen“, wobei Mint für Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik steht. Über das Bionicum möchte sie „besonders Mädels locken“. Denn die hätten einen „intensiven Draht zur Natur, lassen sich aber von Laborgeräten der Physik“ vergraulen.

Hier staunt man über die Phänomene der Natur. Über den Gecko, der auch an der Glaswand hochlaufen kann, über den Sandfisch, der in den Wüstensand wie ins Wasser eintauchen kann oder tropische Pflanzen, die sich auch bei Überflutungen mit Luft versorgen können. Dann beginnen die technischen Erklärungen.

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