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Verbraucher

Testen, bevor es auf den Markt kommt

Im Nürnberger Josephs entscheiden Verbraucher, ob neue Produkte schon reif für die Serie sind – und sagen, was eventuell geändert werden muss.
Von Thomas Tjiang

Sehr beliebt bei den Testern war die erste Themenwelt, in der man mit wenigen Mausklicks den eigenen Traumschuh selber designen konnte. Foto: Tjiang

Nürnberg.Die ein wollen nur schnell einen Espresso im Coffee-Shop in der Karl-Grillenberger-Straße, die anderen kommen ganz gezielt. Im hinteren Teil des Cafés mit seinen braunen Möbeln findet sich eine ganz eigene topmoderne Welt:

Die Nürnberger Fraunhofer für Supply Chain Services (SCS) hatte dort vor drei Monaten die Josephs Service-Manufaktur eröffnet. Dabei geht es weniger um Technik zum Anfassen, sondern vielmehr um den härtesten Test von Produkten und Dienstleistungen – den Test durch Verbraucher.

Anfassen erlaubt

„Wir sind ein Ausnahmeprojekt“, sagt die Projektleiterin des Josephs, Heike Karg stolz. Besucher „dürfen und sollen alles ausprobieren“. Der Gast denkt sofort an eingeschweißte Produkte, die sich trotz größter Kraftanwendung einfach nicht öffnen lassen. Oder an Betriebsanleitungen, die den Käufer eines Geräts schier in Verzweiflung treiben. Deshalb steht die Service-Manufaktur „für konkrete Tests am Besucher“. Hier soll alles angefasst werden.

An einer Themeninsel etwa konnten Neugierige mit einer Smartphone-App und einem 3D-Fußscanner ihre individuellen Füße vermessen lassen. Diese passgenaue Größenberatung ist für Schuh- und Bekleidungshändler im Onlinehandel gedacht, um teure Retouren zu vermeiden. Doch so pfiffig die technische Idee ist, der Praxistest zeigte viele kleine Möglichkeiten für Verbesserungen.

Der Rahmen des Fußscanners hat spitze Kanten, an denen man sich verletzen könne, berichtet Karg von einer Bemerkung. Andere fanden das geforderte Hochkant-Format mit dem Smartphone unpraktisch, weil man sich da die Hand verrenken müsse.

Manche Tester legten noch etwas mehr nach. Wenn die Daten für die Innenmaße der Schuhe schon vorliegen, wäre es doch praktisch – so mehrere Vorschläge – , wenn man mit den erfassten Daten gleich in Nürnberger Schuhgeschäfte gehen könnte. Dort müsste man dann nicht mehr viel probieren. „Es gibt schon eine Josephs-Community, die auch die Ergebnisse nachverfolgen will“, berichtet Karg.

Der Einzelhandel, von vielen immer wieder als Servicewüste bekrittelt, ist für die Vordenker vom SCS „Teil des Konzepts. Er könne im Josephs das Geschäftskonzept oder eine geplante Ladenumgestaltung prüfen. Immer konsequent aus Verbrauchersicht: „Was macht für Kunden tatsächlich Sinn.“ Erste Anfragen aus der Geschäftswelt gebe es bereits.

Schnellen Nutzen verspricht das Online-Angebot eines Juweliers, der individualisierbaren Echtschmuck im offeriert. Für Karg lasse sich so die Frage lösen, wohin mit dem Kommunionsschmuck. „Einschmelzen ist sicher nicht die optimale Lösung.“ Stattdessen könne man am Bildschirm ein neues Design für Ringe, Ohrringe oder Manschettenknöpfe entwerfen und Kombinationen mit den Farben von Edelsteinen simulieren. Am Ende kann der Kundenwunsch in präziser Handarbeit umgesetzt werden. Was sich Tester wünschten: „Den FCN-Ring“ für Club-Fans.

Bis zu 50 Besucher täglich

Pro Tag kommen manchmal bis zu „40 oder 50 Besucher“, die bei Bedarf von zwei Mitarbeitern empfangen und in die Tests eingeführt werden. Selbstverständlich werden alle Daten „nur anonym erfasst“.

„Das Konzept vom SCS ist aufgegangen“, bilanziert Karg nach der ersten Themenwelt. Es gab „tolle Ideen und Feedback, dass so gar nicht erwartet“ worden war. Dazu trage auch eine Veranstaltungsreihe bei, für die im Josephs eigens der Bereich Denkfabrik geschaffen wurde. Dort wurden Themen wie Google Glasses vorgestellt, am 11. August um 17 Uhr geht es um das Thema: „Produkte für und mit Senioren entwickeln“.

Jetzt hoffen die Initiatoren, dass die Josephs Service-Manufaktur Schule macht und Produkte und Dienstleistungen einfacher in der Handhabung werden. Der erste Schritt ist in Nürnberg gemacht: „Hier wird der Endkunde gehört, wo er sonst nichts zu sagen hat“, fasst Karg zusammen.

Das Josephs

Das Josephs, Karl-Grillenberger-Straße 3, liegt zentral in der Innenstadt, bei Saturn und Wöhrl (U-Bahn Weißen Turm). Geöffnet ist Montag bis Freitag von 10 bis 20 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr; Eintritt kostenlos.

Entwickelt wurde es von einer Fraunhofer-Arbeitsgruppe und dem Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik der Friedrich-Alexander-Universität.

Besucher testen in innovativer Umgebung die Alltagstauglichkeit von Produkte und Dienstleistungen, die meist noch nicht auf dem Markt sind.

Diese Tests werden in der „Werkstatt“, dem Herzstück des Ladens, durchgeführt. Ferner gibt es eine Denkfabrik (für Workshops, Fachvorträge usw.), einen Shop, in dem innovative Produkte verkauft werden, und eine Genusswelt (Mr. Bleck), die zum Verweilen und ebenfalls zum Ausprobieren neuer Produkte einlädt.

Schwerpunkte sind derzeit die Themeninsel „3D-Drucker“, hier können eigene Designs entworfen werden. Intersport Eisert und Bewegtbild-plus zeigen „Talking Products“, die selbstsprechend ihr Nutzung erklären. Beim „CubeMaker“ können Besucher Sitzmöbel individuell gestalten. Mit der Adaption des Spieleklassikers „Pong“ lässt sich mit einem Fraunhofer-Computer spielen, der Gestik und Mimik erkennt. In der Tonkabine des Fraunhofer IIS kann man spielerisch sein Gehör testen.

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