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Geschichte

Wie Santa Claus nach Nürnberg kam

Die US-Soldaten haben nach dem Krieg ihre Bräuche mit nach Franken gebracht. Das kam vor allem bei den Kindern gut an.
von unserem Nürnberg-Korrespondenten Thomas Tjiang

Susanne Rieger zeigt bei der Stadtführung Operation Christmas Spirit ein Foto von der Bescherung im Opernhaus durch US-Soldaten.
Susanne Rieger zeigt bei der Stadtführung Operation Christmas Spirit ein Foto von der Bescherung im Opernhaus durch US-Soldaten. Foto: Tjiang

Nürnberg. Genau genommen wird der Weihnachtsmann in diesem Jahr in den Nürnberger Wohnzimmern 70 Jahre. Denn während im Frühjahr 1945 die Deutschen und die US-Soldaten oft noch erbitterte Feinde waren, herrschte an Weihnachten 1945 friedliche Eintracht.

Die GIs brachten aus den USA den Santa Claus mit, der heute ein selbstverständlicher Gast an den Festtagen ist. „Die US-Soldaten haben sich nicht nur mit den deutschen Bräuchen vertraut gemacht“, erklärt Susanne Rieger bei ihrer Themenstadtführung „Operation Christmas Spirit“. „Sie haben auch viele Spuren hinterlassen.“

Weihnachtsbaum im Ostflügel

Nach der blutigen Befreiung und dem Ende des Zweiten Weltkrieges „waren die Leute froh über normales Leben“ – sofern davon in der weitgehend zerstörten Stadt überhaupt die Rede sein konnte. Im Ostflügel stellten die US-Soldiers einen Weihnachtsbaum auf, weil die Haupthalle in Schutt und Asche lag. Die amerikanischen Soldaten „zeigten sich besonders kinderlieb“, das war auch zu Weihnachten erlebbar.

So waren etwa ins Opernhaus 4000 Kinder zwischen fünf und 13 Jahren eingeladen. Von einem Nürnberger Zeitzeugen weiß Rieger, wie er damals das „Opernhaus gestürmt und fasziniert von Loge zu Loge gerannt ist“. Dann gab es eine spezielle „Kiddy-Show“, die Jahr für Jahr variierte. Mal waren dressierte Affen und Hunde zu sehen, mal der Kinofilm Dschungelbuch.

50 000 Pfund Bonbons für Kinder

Für die Soldaten gab es auch eine Weihnachtslotterie: Mit einem Los für einen Dollar gab es als Hauptpreis einen Chevrolet. Der Reinerlös wurde dann in Naturalien für die Kinder umgesetzt. Für 1949 hat Rieger konkrete Zahlen ausgegraben. „75 000 Kinder bekamen 20 Tonnen Orangen, 50 000 Pfund Bonbons und 19 000 Rollen Drops.“ Das war in der Zeit dann tatsächlich wie Weihnachten.

Die Häuser der US-Offiziere waren – wie daheim – zu Weihnachten bunt beleuchtet und „der Santa Claus“ kletterte an der Hauswand empor. Die Merrell Barracks, die Kaserne für die US-Soldaten im Nürnberger Süden, waren ebenfalls wie ein Christbaum geschmückt und beleuchtet: „Da sind die Nürnberger geradezu hingepilgert.“ Gerade die Kinder waren fasziniert: Bis dahin kannten sie nur den Pelzmärtel, der am Martinstag, dem 11. November, oder zum Nikolaustag, dem 6. Dezember, den braven Kinder Nüsse und Obst brachte. Die damals fränkische Weihnacht kannte nur das Christkind mit Krippe.

Auch amerikanische Weihnachtslieder fanden ihren Weg in die Nürnberger Stuben. Nicht immer zum Gefallen der Mütter, wie Rieger von mehreren Zeitzeugen erfahren hat. „Die Lieder kommen nicht zu uns ins Haus“, hätten Mütter immer wieder geurteilt. Und ein Ohrwurm wie „Rudolph the red nosed reindeer“ ließ sich nicht aufhalten. Heute findet sich auf dem Weg zur Nürnberger Kinderweihnacht einen Steinwurf vom Christkindlesmarkt entfernt eine Leuchtschrift als Wegweiser – „mit Rentier und tatsächlich einer roten Nase“.

Riegers historischer Rundgang führt vom Hauptbahnhof am ehemaligen Bavarian American Hotel vorbei, das die Amerikaner bis Ende 1995 genutzt haben. Nach dem Opernhaus gibt es eine Station an der alten Mauthalle, wo die Soldaten gern ihre „Würstl mit Kraut“ gegessen haben. Dort berichtet Rieger auch über die Schwierigkeiten, die die Soldaten fern der Heimat „mutterseelenallein in der Kaserne an Weihnachten“ hatten. Sie kennt aber auch die Geschichte etwa von G.I. Jake, der mit seinem Kumpel Rick und dessen deutscher Freundin bei deren Eltern Nürnberger Weihnachten feiern konnte. „Da kam ein Gefühl von Heimat auf.“

Rieger berichtet auf dem Weg zum Christkindlesmarkt auch vom amerikanischen Santa Claus. Der wurde praktisch bereits 1863 vom US-Cartoonisten Thomas Nast für die damalige Wochenzeitung Harper’s Weekly „kreiert“. Den Durchmarsch habe Santa Claus aber erst ab 1931 gehabt, als der Limonadenhersteller „Coca Cola mit einer großen Weihnachtsoffensive angeblich mit dem Gesicht eines echten Cola-Mitarbeiters“ loslegte.

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Die Stadtführung

  • Termine:

    Donnerstag, 24. Dezember, 11 Uhr

  • Treffpunkt:

    Hauptbahnhof vor dem Eingang Mittelhalle

  • Kosten:

    7 Euro

  • Dauer:

    etwa 90 bis 100 Minuten

  • Anmeldung:

    per Email an info@testimon.de oder unter Tel. (01 62) 7 51 58 40

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