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Ausstellung

Die schönsten Städte des alten Europas

Eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zeigt bis in den Herbst prächtige, künstlerische Ansichten.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Nikolas Pelke

Ein Blick in die Galerie mit den beeindruckenden Städteansichten.
Ein Blick in die Galerie mit den beeindruckenden Städteansichten. Foto: GNM

Nürnberg.Die Ordnung auf diesen Ortsansichten ist verblüffend. Immer ist auf ihnen eine ringförmige Mauer zu sehen, mit der sich die mittelalterliche Stadt scharf vom Umland abgrenzt. Die Spitzen der Gotteshäuser überragen die Gassen. Häufig schmiegen sich die Städte, die zum Zeichen der Wehrhaftigkeit von Burgtürmen gekrönt werden, an Flussufer. Wer durch die kleine, aber feine Ausstellung mit dem Titel „Die schönsten Städte Europas“ im Germanischen Nationalmuseum wandelt, kann sich der Faszination dieser wohlgeformten, städtischen Ordnung kaum entziehen.

Auf den Betrachter zu damaliger müssen diese städtischen Bilder eine enorme Anziehungskraft ausgeübt haben. Nachrichten aus aller Welt waren Mangelware im Mittelalter. Nur Kaufleute und Pilger konnten von fernen Ländern und Städten berichten. Wie konnten sich die Menschen im Mittelalter ein Bild machen, ohne sich einen Bären aufbinden zu lassen? Fernsehen, Internet, Radio und Zeitung – das alles gab es noch nicht. Umso neugieriger mussten die Menschen auf fremde Kulturen und Metropolen gewesen sein, die jenseits des eigenen, engen Erfahrungshorizontes lagen.

Damals herrschte Wissensdurst

Diesen Wissensdurst stillen konnten Stadtbücher wie die berühmte, 1493 erschienene „Schedelsche Weltchronik“, die erstmals Holzschnitte mit den Ortsansichten bedeutender Städte zeigte. Diese ersten Darstellungen trugen noch den Schleier des Unscharfen. Viele Abbilder waren frei erfunden. Hartmann Schedel und seine Künstler wagten sich nicht selbst hinaus in die weite Welt, um ferne Länder und Städte mit eigenen Augen zu sehen. Diese Wirklichkeitslücke schließen wollten im 16. Jahrhundert der Theologe Georg Braun und der Künstler Franz Hogenberg mit einem ehrgeizigen Vorhaben: eine Städtetopographie der Welt. Ein Netzwerk aus Künstlern und Informanten half Braun und Hogenberg, das Projekt in die Tat umzusetzen.

„Es war ein bahnbrechendes Unternehmen, eine Buchreihe bedeutender Weltstädte anzufertigen“, erklärt Ulrich Großmann, Direktor der Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, der die Schau in Nürnberg kuratiert hat. Zwischen 1572 und 1640 brachte das kongeniale Autorenduo sechs monumentale Bände mit einer Übersicht von fast 600 Städten aus aller Welt von Mexiko bis Indien heraus. Aus unterschiedlichen Blickwindeln erfassten die Künstler weltweit die Stadtanlagen mit ihren markanten Bauwerken, Straßenzügen und landwirtschaftlichen Besonderheiten. Manche Stadtansichten sind aus der Vogelperspektive gezeichnet und erinnern in ihrer Darstellung der genauen Straßenverläufe an heutige Stadtpläne. Andere Abbilder zeigen charakteristische Stadtsilhouetten, wie sie sich dem Reisenden seinerzeit von weitem geboten hat.

Wie die Darstellung von Landshut aus dem Jahr 1581. Von einer südlichen Hangterrasse der Isar geht der Blick auf die über der Stadt thronende Burg Trausnitz. Mehrere Flöße treiben über die Isar. In den Weinbergen vor der Stadtmauer schläft ein offensichtlich betrunkener Mann seinen Rausch aus. Wie ein Stadtplan wirkt dagegen die Ansicht des mittelalterlichen Paris. Im Zentrum der Darstellung wird die Seine von der Ile de la cité in zwei Flussarme geteilt. Genau zu erkennen sind auf der Stadtansicht aus dem Jahr 1572 bereits Notre Dame, die berühmte Sainte-Chapelle und der heutige Justizpalast. Die großen Boulevard-Achsen, die Hausmann erst im 19. Jahrhundert wie Schneisen durch die Pariser Altstadt geschlagen hat, müssen darauf freilich noch fehlen. Groß im Bild zu sehen sind dagegen ein Mann, der sich mit zwei Pariserinnen zu unterhalten scheint. Diese sogenannten Staffagefiguren sind typisch für die Edition Braun-Hogenberg, die sich nach ihrem Erscheinen rasch zu Kassenschlagern entwickelten. In den Bibliotheken der Wohlhabenden durften die Stadtansichten nicht fehlen.

Weitere Motive auch aus Indien

Museumsdirektor Großmann erklärt, dass der Aufbau der Bände immer gleich gewesen sei. Auf eine Widmung folgen die radierten, häufig nachträglich handkolorierten Tafeln mit zumeist einer Stadtansicht. Auf der Rückseite findet sich eine kurze Beschreibung der jeweiligen Stadt. Zunächst konzentrierten sich Braun und Hogenberg auf die Städte in Europa. Später ging der Blick über das Mittelmeer hinaus. Im ersten Band gleich bis nach Mexiko, Tansania und Indien. Die sechs Bände mit den Stadtansichten waren beim Publikum so beliebt, so dass schnell Einzeltafeln von Städten herausgegeben wurden, die die Wände vieler Wohnhäuser zierten.

Die von Ulrich Großmann kuratierte Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum konzentriert sich unter der Überschrift „Die schönsten Städte Europas“ pünktlich zum 60. Geburtstag der derzeit arg gebeutelten Europäischen Union auf die Städte des alten Kontinents. Die Darstellungen von Delft, Luxemburg, Rotterdam oder Vicenza zeigen wohlstrukturierte Städte, die sich mit ihren Mauern glasklar von der Umgebung abheben.

Aufgrund dieser starken Abgrenzung mit der natürlichen Umwelt tritt die Stadt als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk noch deutlicher hervor. In der heutigen Zeit mit den ausufernden Metropolen mit ihren unendlichen Vorstädten versprühen diese Bilder eine nostalgische Anziehungskraft. Die Darstellung zeigen die europäische Stadt als geschützten Raum, indem das Leben aufblühen konnte. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass die Altstädte bis heute das Herz der europäischen Metropolen geblieben sind. Im Herbst diesen Jahres bringt Ulrich Großmann in der wissenschaftlichen Buchgesellschaft einen hochwertigen Band zur Edition Braun-Hogenberg heraus.

Die Studioausstellung „Die schönsten Städte Europas – Die Edition des Georg Braun und Franz Hogenberg (1572 bis 1640)“ ist bis zum 24. September im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen.

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