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Politik

„Das Grundwasser ist unkontrollierbar“

Donauausbau, Staustufen, Flutpolder und Kiesabbau stören das natürliche Gleichgewicht und sorgen für hohe Pegelstände.
Von Antonie Biederer, MZ

Markus Hörner (links) von der IG Flutpolder und Manfred Lichtl von der IG Grundwasser erläutern anhand der Karte die Probleme des Grundwasseranstiegs.
Markus Hörner (links) von der IG Flutpolder und Manfred Lichtl von der IG Grundwasser erläutern anhand der Karte die Probleme des Grundwasseranstiegs.

Pfatter.Am Wasser hing in der Gemeinde Pfatter seit jeher alles. Donau, Pfatter und Kirchenbach bargen bei Hochwasser stets eine Bedrohung für den Mensch, jedoch boten sie auch für die Pflanzen- und Tierwelt den einzigartigen Lebensraum einer Au.

Mit zunehmenden technischen Errungenschaften, versucht man seit über hundert Jahren, die Natur zu kontrollieren, zu bezwingen und ihr Energie abzugewinnen. Doch jeder Eingriff in das frühere Paradies zwischen Regensburg und Straubing, das einst Heimat für Seeadler, Rohrweihen, Enzian oder Orchideen bot, scheint die Lage für Mensch und Tier stetig eher zu verschlechtern als zu verbessern.

Zweifel an den Ämtern

Manfred Lichtl und Markus Hörner von der Interessengemeinschaft Grundwasser und IG Flutpolder luden zu einer Informationsveranstaltung, um über die Aktionen der vergangenen Jahre, Rückschläge und Erfolge und geplante Ziele zu berichten. „Die Vegetation an der Kirchenbachaue war gebunden an den steten Wechsel von Trocken- und Nassphasen, an den ‚großen Atem der Auen‘“, erklärt IG-Sprecher Manfred Lichtl als Beispiel für das natürliche und für viele Arten lebensnotwendige Gleichgewicht der Natur. „Entgegen aller Versprechen, der Rückstau des Kirchenbachs betrüge höchstens einen Kilometer, wird das Wasser nun drei Kilometer zurück gestaut. Die Folge ist eine dauerhafte Überschwemmung. Das Sterben und Verschwinden von Pflanzen und Tieren kann jeder Laie am abgestorbenen Wald erkennen“, mahnt er.

Dem Vorschlag der Interessensgemeinschaft vom September 2015, von Oktober bis Februar einen Probebetrieb zu starten und damit das Grundwasser um einen Meter abzusenken, stimmten damals alle Naturschutzbehörden zu. Doch wie so viele Vorschläge scheiterte dieser an der Bürokratie und der Frage nach der Verantwortung: Während für die Donau das Schifffahrtsamt zuständig ist, für Gewässer zweiter Ordnung der Landkreis, so ist es für den Kirchenbach als Gewässer dritter Ordnung die Gemeinde.

Seit dem Bau der Staustufe Geisling vor rund 25 Jahren bestand bei den Pfatterern der Verdacht, dass sich mit Tiefe und Fließgeschwindigkeit der Donau auch das Grundwasser verändert hat. Vonseiten der Verantwortlichen, besonders der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung wurden vorsichtige Nachfragen aber stets abgeblockt: Alles sei in bester Ordnung wie vorausgeplant, sie hätten alles unter Kontrolle.

Erst Professor Andreas Malcharek erkannte anhand von Messdaten einen Zusammenhang zwischen Donauwasser und Grundwasser und gab dem Argwohn ein fundiertes wissenschaftliches Gutachten: Irgendetwas stimmt mit der Staustufe nicht. Gespräche mit der Regierung und der Schifffahrtsverwaltung verliefen stets unbefriedigend. „Trotz unserer Messdaten und des Gutachtens beharren sie darauf, dass es ein Niederschlags- und kein Grundwasserproblem sei. Außerdem berufen sie sich fälschlicherweise nach wie vor auf eine nicht fundierte oder nachkontrollierte Behauptung, die sie als „Gutachten“ bezeichnen“, muss Manfred Lichtl von vergeblichen Mühen der Interessengemeinschaft berichten.

Viele Einflüsse zu beachten

Seit Oktober 2015 läuft ein Ausschreibungsverfahren für das Grundwassermodell, parallel dazu eine Objektausschreibung für die Flutpolder. Markus Hörner hat dabei weniger Zweifel daran, dass ein Polder technisch zu schaffen ist. Vielmehr geht es ihm um die Frage, wem er überhaupt nutzen soll, um die Kosten-Nutzen-Analyse. „Je weiter ein Polder vom zu schützenden Ort entfernt ist, umso weniger Nutzen bietet er. Selbst in Straubing wird es dadurch kaum eine Linderung geben, auf Deggendorf hat er schon so gut wie keinen Einfluss mehr“, erläutert er.

Das zweite Problem sei das der Hochwasserdemenz: Je mehr sich die Menschen in Sicherheit wiegen, umso risikobereiter wird gebaut. „Man darf das Problem nicht nur technisch, sondern auch politisch, wirtschaftlich und unter dem Aspekt des Naturschutzes betrachten“, warnt er.

Die Probleme

  • Die Strömung des Grundwassers lässt sich nicht so einfach wie bei einem Fluss berechnen: Sowohl das Gefälle als auch die Nähe zu Gewässern und die Beschaffenheit der Gesteinsschichten sind entscheidend. Bei einer geoelektrischen Vermessung sowie Probebohrungen im Bereich der Donaubrücke bei Seppenhausen beispielsweise kam ans Licht, dass es im Untergrund etwas anders als vermutet abläuft. Beim Bau der Staustufe jedoch war dieser neuralgische Punkt nicht berücksichtigt worden.

  • Grundwasser:

    Bürger und Wissenschaftler befürchten, dass das ohnehin durch ausgebeutete und wieder aufgefüllte Kiesweiher, die Verdichtung des Bodens, den Donauausbau und die Staustufen gestörte Grundwasser durch den Bau eines Polders weiter steigen wird.

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