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Samstag, 24. Februar 2018 2

Geschichte

Das Schreckliche begreifbar machen

Zweitzeugen berichten im Förderzentrum Regenstauf über Gespräche mit Holocaust-Überlebenden. Die Schüler stellen Fragen.

Ort des Grauens: das Konzentrationslager Auschwitz Foto: Jacek Bednarczyk /dpa

Regenstauf.Drei ehrenamtliche Mitarbeiter des Zweitzeugenprojekts vom Verein „Heimatsucher“ besuchten das Förderzentrum Regenstauf. Der Verein, der von der Bundeskanzlerin gefördert wird, trägt seit 2014 einen Teil zur Erinnerungskultur an den Holocaust bei, indem er Zweitzeugen an Schulen entsendet, die dort den Schülern aus dem Leben von Holocaust-Überlebenden berichten, die sie zuvor selbst interviewten. So erfahren die Schüler zwar nicht aus erster Hand, was es heißt, der Verfolgung des Dritten Reichs ausgesetzt zu sein, aber aus zweiter – Zweitzeugen statt Zeitzeugen. Ein Ansatz, der wegen des hohen Alters der Überlebenden unumgänglich ist.

„Gerade heute, in einer Zeit, in der in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte aus rassistischen Motiven heraus angegriffen oder in Brand gesteckt werden, ist ein Erinnern an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte wichtiger denn je“, erklärt Dorothea Daum, Schulleiterin des Förderzentrums Regenstauf.

Das tägliche Leben eingeschnürt

Die Zweitzeugen besuchten das Förderzentrum an zwei Schultagen. Am ersten Tag vollzogen die Schüler an der Geschichte des in Polen aufgewachsenen Rolf Abrahamsohns nach, was es hieß, als Jugendlicher im Dritten Reich jüdisch zu sein. Wie zunächst die Nürnberger Rassengesetze Rolfs tägliches Leben und seine Zukunft immer weiter einschnürten. Wie er und seine Familie schließlich deportiert wurden, wie er insgesamt sieben Konzentrationslager durchlebte und seine gesamte Familie ihr Leben verlor.

Lukas Trautmann und Christine Ewald als Zweitzeugen und drei Schülerinnen (v. r.) Foto: Elisabeth Bauer

„Der persönliche Zugang über die Zweitzeugen ist gerade für unsere Schülerinnen und Schüler von Vorteil. Statt lange Texte zu lesen oder passiv Filme zu konsumieren, können sie mit den Zweitzeugen sprechen, nachfragen, interagieren und sich so den Zugang zur Geschichte des Überlebenden schaffen, der für sie der richtige ist. Die Schüler erfahren so alles über das Leben eines einzelnen Überlebenden, eines Menschen wie du und ich, der Schreckliches erleiden musste“, erklärt Klassenlehrerin Elisabeth Bauer. Durch diesen sehr persönlichen Ansatz falle es Schülern leichter, Empathie zu entwickeln.

Am darauf folgenden Tag durften die Schüler dann selbst zu Zweitzeugen werden. Anhand von Fotos, Dokumenten und kurzen Texten erschufen sie in Gruppen die „Lebensspur“ von zwei weiteren Holocaust-Überlebenden und präsentierten sich gegenseitig deren Lebensgeschichten. Ein erklärtes Ziel des Vereins Heimatsucher e.V. besteht darin, Schüler zu ermutigen, selbst aktiv gegen Rassismus und Vorurteile zu werden. Die persönlichen Beispiele, von denen sie durch die Zweitzeugen erfahren, sollen ihnen helfen, in ihrem eigenen Lebensumfeld Mechanismen von Ausgrenzung zu erkennen und zu unterbrechen.

Zum Ende des Zweitzeugenbesuchs hatten die Schüler die Möglichkeit, in Form von Briefen Kontakt zu Rolf Abrahamsohn aufzunehmen. Josef Zollner, Klassenlehrer der Abschlussklasse, erklärt: „Er soll wissen, dass er nicht vergessen ist und dass er für uns ein Mensch ist, nicht nur eine Zahl in einer Statistik“, und Sasha Voigt aus Zollners Klasse fügt hinzu: „Unsere Zweitzeugin Charlotte Fricke hat uns erzählt, dass Rolf so gerne lacht und ständig Witze erzählt. Deswegen habe ich ihm in meinem Brief einen Witz geschrieben. Ich hoffe, er gefällt ihm.“

Projekte gegen Ausgrenzung

Es ist nicht das einzige Projekt, in dem sich die Schule gegen Ausgrenzung und Rassismus engagiert. Am 13. Dezember bekam das Förderzentrum schon wieder Besuch: Günter Kohl, Mitarbeiter des Referats Demokratie und Toleranz der Schulberatungsstelle, führte mit Schülern einen Workshop zum Thema Extremismus mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus und Rassismus durch. Kohl führte mit den Schülerinnen und Schülern Übungen durch, die das Verständnis von der Verschiedenartigkeit der Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, fördern sollten. Er nahm außerdem Bezug auf den rassistisch motivierten Brandanschlag von 1988 in Schwandorf und stellte so einen regionalen Bezug her. Bereits im Januar geht es weiter, wenn Kohl mit dem Jungen Theater und ihrem Stück „Krass“ an das Sonderpädagogische Förderzentrum kommt, das sich ebenfalls dem Extremismus widmet.

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