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Schule

Deutsche Sprache soll keine Hürde sein

Die Sprachbarriere bremst Kinder von Asylbewerbern oft aus. An der Grundschule Ramspau geben Gymnasiasten Unterstützung.
Von Sabine Norgall

Die zehnjährige Albika erledigt ihre Mathehausaufgabe. Unterstützt wird sie von der 14-jährigen Anna Preissl, Gymnasiastin am Johann-Michael-Fischergymnasium Burglengenfeld. Rund 20 ihrer Mitschüler helfen an der Grundschule Ramspau Kindern von Asylbewerbern. Foto: Norgall
Die zehnjährige Albika erledigt ihre Mathehausaufgabe. Unterstützt wird sie von der 14-jährigen Anna Preissl, Gymnasiastin am Johann-Michael-Fischergymnasium Burglengenfeld. Rund 20 ihrer Mitschüler helfen an der Grundschule Ramspau Kindern von Asylbewerbern. Foto: Norgall

Regenstauf. Die zehnjährige Albika besucht die 4. Klasse der Grundschule Ramspau. Das aufgeweckte Mädchen sprudelt beim Erzählen wie ein Wasserfall. Mit fünf Jahren kam sie mit ihrer Familie aus Tschetschenien nach Deutschland. Aktuell lebt ihre Familie in der Gemeinschaftsunterkunft in Regenstauf. Deutsch zu sprechen, erzählt Albika stolz, lernte sie schon im Kindergarten. Mathematik wäre für sie eigentlich auch kein Problem, gäbe es da nicht Fachbegriffe, die sie aus der täglichen Umgangssprache kaum kennt.

Schulleiterin Claudia Müller gibt ein Beispiel: „Ergänze auf 100.“ Diese Aufgabe verstehe ein deutscher Muttersprachler in der Regel ohne Probleme. Grundschüler mit Migrationshintergrund scheiterten weniger an der Rechenaufgabe als an dem Begriff „ergänze“. Siebenmal, erklärt die Pädagogin, muss ein neues Wort gesprochen werden, bevor es im Kopf bleibt. Und genau an der Stelle kommen die Burglengenfelder Gymnasiasten ins Spiel.

„Am Anfang war es schwierig, Begriffe, die für uns selbstverständlich sind, auf einen einfachen Ausdruck herunterzubrechen.“

Maximilian Kilger

Der 17-jährige Maximilian Kilger erklärt es so: „Am Anfang war es schwierig, Begriffe, die für uns selbstverständlich sind, auf einen einfachen Ausdruck herunterzubrechen.“

Für den 14-jährigen Johannes Reisinger ist klar: „Es macht Spaß, mit den Kindern zu arbeiten und zu sehen, dass sie Fortschritte machen.“ Der siebenjährige Islam, der die 1. Klasse besucht, unterhält sich mit Albika auf tschetschenisch. Seine Deutschkenntnisse sind noch nicht so sicher und deshalb geht er mit Johannes Reisinger erst einmal die Deutschhausaufgabe durch.

Klage Von Eltern

  • Klage:

    Eltern deutscher Kinder beschwerten sich, dass ihre Kinder diese spezielle Hilfe bei den Hausaufgaben nicht bekommen.

  • Erklärung:

    Schulleiterin Müller stellt klar, dass es der Sinn von Hausaufgaben sei, dass Kinder sie selbstständig erledigen könnten. Kinder von Asylbewerbern könnten dies jedoch aufgrund der Sprachbarriere oftmals nicht.

Anderen zu helfen, macht ihnen Spaß. Ein Teil der Gymnasiasten, die sich an der Grundschule engagieren, stellte sich zum Gruppenfoto. Foto: Sperr
Anderen zu helfen, macht ihnen Spaß. Ein Teil der Gymnasiasten, die sich an der Grundschule engagieren, stellte sich zum Gruppenfoto. Foto: Sperr

Die Unterstützung durch die Gymnasiasten, die sich zu einem Erfolgsmodell mauserte, begann zu Beginn des Schuljahres mit einem Hilferuf von Eleonore Schulz von der Nachmittagsbetreuung der Grundschule. 15 bis 20 Kinder unterstützt sie, zusammen mit Gertraud Baier, jeweils zwischen 14 und 15.30 Uhr bei der Hausaufgabenbetreuung. Hausaufgaben, erläutert Claudia Müller, würden so gestellt, dass jedes deutsche Kind in der Lage sein sollte, diese selbstständig zu erledigen. Hausaufgabenbetreuung bedeute für sie nur Hilfe zur Selbsthilfe. Auf spezielle Probleme von Kindern einzugehen, die noch mit der Sprachbarriere kämpfen, bleibe da keine Chance.

Vom Interesse überwältigt

Michaela Sperr, Claudia Müller und Eleonore Schulz freut das Erfolgsmodell. Foto: Norgall
Michaela Sperr, Claudia Müller und Eleonore Schulz freut das Erfolgsmodell. Foto: Norgall

Schulz wandte sich, als das Problem der Migrantenkinder klar wurde, an die Schulleitung. Claudia Müller thematisierte das Problem beim Elternbeirat. Elternbeiratsmitglied Michaela Sperr, Mutter eines Grundschulkindes und Lehrerin am Gymnasium Burglengenfeld, sagte spontan Hilfe zu: „Ich überlege mir was.“ Sperr holte sich das Einverständnis der Schulleitung des Gymnasiums und bekam von Rektorin Dr. Beate Panzer einen „Freifahrtschein“: „Ich durfte durch die Schule gehen und Schüler für die Hausaufgabenhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund anwerben.“

Vom Erfolg ihres Aufrufs war sie selbst überwältigt. 21 Schüler im Alter zischen 13 und 18 Jahren wollten sich engagieren. Nach den Allerheiligenferien ging es los. Michaela Sperr machte einen „Dienstplan“, jeder Gymnasiast ist etwa einmal in 14 Tagen eingeteilt. Alle, die am Anfang dabei waren, haben bis jetzt durchgehalten, selbst die Schüler der Abschlussklassen, die gerade mit den Abiturprüfungen beginnen. Sollte einmal einer ausfallen, berichtet Sperr stolz, organisieren die Schüler unter sich die Vertretung selbst.

Barrieren im Kopf verschwinden

Wie gut die Nachhilfe den Grundschülern tut, bestätigt Claudia Müller. Michaela Sperr ist auch für die Gymnasiasten überzeugt: „Meine Schüler profitieren ganz ungemein.“ Vor allem würden Barrieren, die im Kopf oft ganz unbewusst vorhanden seien, durch die Begegnungen abgebaut. Der Einsatz für andere präge die Gymnasiasten: „Sie haben das Gefühl, gebraucht und geliebt zu werden, und das tut ihnen unheimlich gut.“

Projekt soll weitergehen

Schon jetzt gibt es weitere Bewerber, die sich im kommenden Schuljahr engagieren wollen. Diese Ankündigung kommt bei der Grundschulleiterin Claudia Müller sehr gut an. Als das Projekt im November 2017 startete, versuchte sie zu Beginn der Nachhilfe immer vor Ort zu sein, begrüßte jeden Gymnasiasten persönlich an der Grundschule Ramspau und versicherte: „Eure Zeit ist ein Geschenk für uns, vor allem aber für die Kinder, die ihr unterstützt.“

„Die Willkommenskultur an dieser Schule ist ganz besonders und in der Form nicht selbstverständlich.“

Michaela Sperr

Das Gymnasium Burglengenfeld hat einen sozialen Zweig, dessen Schülerinnen und Schüler in der 8. Klasse ein Praktikum an Grundschulen machen. Michaela Sperr hat daher Einblick in viele Grundschulen und sagt über die Grundschule Ramspau: „Die Willkommenskultur an dieser Schule ist ganz besonders und in der Form nicht selbstverständlich.

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