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Sonntag, 24. Juni 2018 20° 3

Geschichte

Erinnerungen an den Krieg

Damals waren sie Kinder – heute sind sie Senioren: Menschen aus dem Raum Schierling teilen ihre Erfahrungen an 1945.
Von Fritz Wallner

In Schierling erzählte beim „Erzähl-Café“ des Christlichen Bildungswerks auch Siegfried Holzwart (rechts im Bild) seine Erinnerung an die Zeit Ende April 1945. Foto: Wallner
In Schierling erzählte beim „Erzähl-Café“ des Christlichen Bildungswerks auch Siegfried Holzwart (rechts im Bild) seine Erinnerung an die Zeit Ende April 1945. Foto: Wallner

SCHIERLING.. Siegfried Holzwart war ein Bub von elfeinhalb Jahren und lebte 1945 in Allersdorf. Flugzeuge überflogen im April die nahegelegene Muna Schierling und warfen Bomben auf das Areal ab, auf dem damals mehr als 6000 Tonnen Giftkampfstoffe zum Teil offen lagerten. Beim „Erzähl-Café“ des Christlichen Bildungswerkes in der Marktbücherei berichteten er und andere ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Geschichten rund um die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges.

In der Bücherei entspann sich bei „10 vor 10“ eine informative Unterhaltung, die Fritz Wallner moderierte und die Orts-Chronist Richard Rohrer mit Detailrecherchen immer wieder anreicherte. Es ging um die Zeit Ende April 1945, als die Schierlinger in höchster Not und Gefahr ein Gelübde machten. Wallner zitierte aus den Aufzeichnungen des Oberleutnants Keller, der die drohende Gefahr drastisch schilderte. Siegfried Holzwart wuchs bei seinen Großeltern auf. Fluglärm weckte ihn und er schaute zu, „wie zwei oder drei Flugzeuge bei jedem Anflug zwei Bomben auf die Muna abwarfen.“

Es war kein Samstag

Er habe sich immer gewundert, warum er an diesem Tag nicht in der Schule gewesen ist und gemeint, es sei ein Samstag gewesen. Aber es war Mittwoch und Richard Rohrer informierte, dass es vom 7. Januar bis 28. April 1945 keinen regulären Unterricht, sondern nur Schulappelle gegeben habe.

Im Februar und März habe sie Flüchtlingszüge durch Schierling, und zum ersten Mal einen dunkelhäutigen Menschen gesehen, als bei Stumpföd ein amerikanisches Flugzeug abstürzte. Eine Dame berichtete davon, dass sie als Schülerin ihr rotes Jackerl nicht mehr anziehen durfte, damit sie nicht so leicht gesehen wurde, und außerdem hätten die Mädchen das damalige Mädchenschulhaus nur einzeln und nicht in der Gruppe verlassen dürfen.

Josef Spiegel erzählte von einem Bauern aus Paring, der sieben deutsche Soldaten versteckt hielt und sie verpflegte, bis sie sicher waren und in Gefangenschaft kamen. Heidi Sedlmayr erinnerte sich an Knecht Franz, der mit einem Ochsengespann zu einem Feld in Richtung Muna fuhr. Die Ochsen waren ohne den Knecht zurückgekommen, denn Franz hatte sich in einem Graben vor dem Beschuss aus Flugzeugen gerettet, während die Tiere den Weg alleine nach Hause fanden. Auch Roman Schweiß hatte einige Anekdoten aus dieser Zeit parat. So sei das Staunen groß gewesen, dass bei einem Fliegerangriff eine Familie einen Unterstand aufsuchte, während die Frau auf dem Nachbargrundstück in aller Ruhe Wäsche aufhängte. Am 27. April 1945 – einem Freitag – schaffte es Oberleutnant Keller, dass Schierling und Umgebung zum Sperrgebiet erklärt wurde, das unverzüglich von deutschen Truppen zu räumen war und in dessen Ortschaften an den Kirchtürmen weiße Fahnen zu hissen waren.

Einmarsch am Sonntag

Dass die amerikanischen Truppen in großer Zahl am Sonntag in Schierling einrückten, hatten noch manche Gesprächsteilnehmer gut im Kopf. Heidi Sedlmayr feierte an diesem Sonntag Erstkommunion und sah die Amerikaner von Süden her kommen. Josef Spiegel berichtete, dass die Truppen vor allem an Eiern interessiert gewesen seien. Roman Schweiß habe echt Angst gehabt, berichtete er, als er zusammen mit Hans Friedl am Bahnhof nach etwas Essbarem suchte und dabei von einem farbigen amerikanischen Soldaten erwischt wurde. „Der hat uns am Krawattl gepackt und wir haben wirklich Angst gehabt!“, sagte er 73 Jahre später. (lww)

Das Format

10 vor 10: Das Christliche Bildungswerk Schierling hat das Format als Bildungsangebot insbesondere für Menschen eingeführt, die keine Abendveranstaltungen besuchen.

Café: Das „Erzähl-Café“ war eine Anregung von Büchereileiterin Christa Blümel. Es soll sowohl der Unterhaltung als auch dem Informationsaustausch und der Sicherung von Erlebnissen dienen. (lww)

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