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Umwelt

Glyphosat: Wenzenbach diskutiert Verbot

Die SPD-Fraktion beantragt, das Pestizid von den gemeindeeigenen Flächen zu verbannen. Landwirte sind verunsichert.
Von Bettina Mehltretter

In Deutschland bringen Landwirte laut dem Umweltbundesamt auf rund 40 Prozent aller Felder mindestens einmal jährlich Glyphosat aus. Das Mittel steht unter anderem im Verdacht, Krebs zu erzeugen.Foto: Gentsch/dpa
In Deutschland bringen Landwirte laut dem Umweltbundesamt auf rund 40 Prozent aller Felder mindestens einmal jährlich Glyphosat aus. Das Mittel steht unter anderem im Verdacht, Krebs zu erzeugen.Foto: Gentsch/dpa

Wenzenbach.EU-weit hat das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat wieder eine Zulassung für fünf weitere Jahre erhalten. Jetzt machen im Kreis Regensburg erstmals Gemeinderäte den Vorstoß, das Unkrautgift zumindest dort zu verbieten, wo sie es selbst dürfen: auf den Flächen, die ihre Kommune verpachtet. Die SPD-Fraktion im Wenzenbacher Gemeinderat beantragt, den Einsatz von sogenannten glyphosathaltigen Herbiziden und Neonicotinoid-Insektiziden durch eine Klausel in Pachtverträgen zu untersagen.

Johann Mayer, der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, der die Interessen von mehr als 90 Prozent aller Landwirte im Landkreis vertritt, hat deshalb bereits zwei Landwirte aus dem Raum Wenzenbach beruhigen müssen. Die beiden hatten befürchtet, dass Koch ein Glyphosat-Verbot für die kompletten Flächen im Gemeindegebiet verhängt. Doch rechtlich ist das nicht möglich. Gelten soll der Passus in Wenzenbach laut dem Antrag der SPD bei allen neuen Vertragsabschlüssen und bei Vertragsverlängerungen. Am Dienstag werden die Gemeinderäte darüber abstimmen. Bürgermeister Sebastian Koch (ebenfalls SPD) erwartet allerdings Gegenwind. Denn Landwirte haben eine gute Lobby, möglicherweise auch im Gemeinderat.

Was ist Glyphosat?

  • Seit 1974 zugelassen

    Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bezeichnet Glyphosat als Pflanzenschutzmittelwirkstoff. Er wird zur Bekämpfung von Unkraut verwendet. Auf EU-Ebene ist der Wirkstoff genehmigt. In Deutschland ist er seit 1974 als Bestandteil von Pflanzenschutzmitteln zugelassen.

  • Pflanzen verwelken

    Glyphosat wirkt nicht selektiv, das heißt, er wirkt nicht nur im Unkraut, sondern auch in jeder Nutz- oder Zierpflanze, die davon getroffen wird. Die Pflanzen verwelken.

  • Regelungen für die Verwendung

    Landwirte dürfen Glyphosat binnen eines Kalenderjahres maximal zweimal im Abstand von mindestens 90 Tagen anwenden. Pro Jahr und Hektar dürfen sie nicht mehr als 3,6 Kilogramm des Wirkstoffes ausbringen, meldet das Bundesministerium.

Regensburg ist nicht Brasilien

Johann Mayer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, musste schon Landwirte beruhigen. Foto: altrofoto.de/Archiv
Johann Mayer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, musste schon Landwirte beruhigen. Foto: altrofoto.de/Archiv

Für Johann Mayer ist die Wenzenbacher Debatte „reiner Aktionismus und Effekthascherei“. „Wir diskutieren aufgeregt über ein Thema, das in Deutschland eine Rolle spielt, aber nicht die Rolle“, sagt er. Anders als etwa in Brasilien, wo Glyphosat in erheblichen Mengen auf die Felder gesprüht wird, sei das Mittel in Deutschland lediglich eine „Feuerschutzmaßnahme“. Demnächst könnte es wieder verstärkt zur Anwendung kommen, prognostiziert Mayer. Möglicherweise reiche der Frost in diesem Winter nicht aus, um die Zwischenfrüchte auf den Feldern zu erfrieren, die die Bauern ausgebracht haben, um den Boden während der Wintermonate zu schützen und mithilfe der Nährstoffe aus den Pflanzen zu verbessern. Folglich töten Landwirte die Pflanzen vielerorts mit Glyphosat ab. Alternativ wäre ein deutlich zeit- und damit kostenintensives Verfahren mit Mulchen und Pflügen nötig.

Allerdings sieht Mayer auch einen Unterschied zwischen dem Bundesdurchschnitt und dem Raum Regensburg: Während das Umweltbundesamt davon spricht, dass auf rund 40 Prozent aller Felder in Deutschland mindestens einmal jährlich Glyphosat gespritzt wird, rechnet der Bauernverband im Raum Regensburg mit einer Zahl von etwa zehn Prozent. Mayer selbst verwendet das Mittel seit mehreren Jahren nicht mehr.

„Das ist ein sehr gutes Signal – auch an die Bürger.“

Hans Lengdobler, Bund Naturschutz

Ein Signal für private Gärtner

Hans Lengdobler freut sich über den Wenzenbacher Vorstoß. Foto: Lengdobler
Hans Lengdobler freut sich über den Wenzenbacher Vorstoß. Foto: Lengdobler

Bei der Glyphosat-Debatte in Wenzenbach geht es um eine Fläche von 16 Hektar, die die Gemeinde an mehrere Landwirte verpachtet hat. Das sind zwar nur 0,02 Prozent der Böden im Landkreis Regensburg, die nach Angaben des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zurzeit landwirtschaftlich genutzt werden. Hans Lengdobler aus Wenzenbach, stellvertretender Vorsitzender der Kreisgruppe des Bund Naturschutz, freut sich trotzdem über die Idee. „Das ist ein sehr gutes Signal – auch an die Bürger“, sagt er. In Wenzenbach gebe es wie andernorts noch etliche private Gärten, wo der glyphosathaltige Unkrautvernichter Roundup im Einsatz ist. Dabei sei in mehreren Studien nachgewiesen worden, dass Glyphosat für den Rückgang der Artenvielfalt weltweit mitverantwortlich ist. Zudem soll das Mittel eine krebserregende Wirkung haben. Auch Kreisobmann Mayer kennt diese Studien. Er sagt aber: „Wenn sich jemand die Haare färbt, hat er dadurch doch das gleiche Risiko, wie wenn ich auf meinen Feldern Glyphosat ausbringe.“

Der Glyphosat-Absatz in Deutschland ist in den vergangenen Jahren gesunken:

Wenzenbach ist nicht die einzige Gemeinde in der Oberpfalz, die ein Verbot des Pflanzengifts diskutiert. Ende 2017 hatten die Räte des Marktes Bruck und der Stadt Burglengenfeld (Lkr. Schwandorf) sowie der Stadt Dietfurt (Lkr. Neumarkt) einen Glyphosat-Bann beschlossen. Und auch Wenzenbachs Bürgermeister gibt zu, sich erst im Herbst, nach der Abstimmung in der EU-Kommission, intensiv mit der Thematik beschäftigt zu haben. Zuvor hatten auch seine Bauhofmitarbeiter Roundup verwendet, zum Beispiel, um besonders hartnäckiges Unkraut auf den Friedhofswegen zu entfernen. Das soll sich nun ebenfalls ändern. Koch sagt, er wolle alles tun, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten tun könne.

In Regensburg ist die Diskussion schon einen Schritt weiter: Das städtische Gartenamt verwendet bereits seit 2015 kein Glyphosat mehr. Stattdessen wird das Unkraut mechanisch bekämpft beziehungsweise vorbeugend gearbeitet: mit unkrautfreien Substraten, mit Mulchen und mit Pflanzen, die für den jeweiligen Standort optimal sind. Aus dem Landratsamt heißt es hingegen, dass Glyphosat auf landkreiseigenen Grundstücken erlaubt ist. Ob das Mittel dort auch verwendet wird oder in der Vergangenheit verwendet worden ist, konnte in der Behörde am Freitag allerdings niemand sagen. Ausschließen könne man nicht, dass es im Einsatz ist, erklärte Sprecher Hans Fichtl.

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