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Glücksspiel

Kartler-Papst kämpft ums Preis-Watten

Wer um Geld wattet, handelt illegal. Ein Schierlinger will das ändern – und macht zwei bayerischen Ministern ein Angebot.
Von Bettina Mehltretter

Erich Rohrmayer ist ein Wirtsbub. Schon früh hat er sich am Stammtisch die Tricks der Kartler abgeschaut. Um Geld gewattet hat er aber noch nie. Foto: Fritz Wallner

Regensburg.Riesenaufregung in der Kartler-Szene im Landkreis Regensburg: Seit jüngst bekanntgeworden war, dass die Polizei wegen illegalem Glücksspiel gegen den Organisator des Preis-Wattens in Laub (Gemeinde Zeitlarn) ermittelt, ist die Verunsicherung unter Turnier-Veranstaltern groß. MZ-Informationen zufolge hatten bis vor Kurzem auch etliche andere noch Preisgelder ausgelobt und einen Geldeinsatz von den Teilnehmern kassiert. Mehrere Turnier-Veranstalter haben ihre Modalitäten inzwischen bereits geändert. Sie loben jetzt Sach- statt Geldpreise aus und verlangen statt dem üblichen „Einsatz“ eine „Teilnahmegebühr“. Denn dass es Konrad Kaser, der Zeitlarner Turnier-Organisator, mit der Polizei zu tun bekommen hat, hat sie schockiert.

Erich Rohrmayer, Profi-Kartler und Autor mehrerer Kartenspiel-Bücher, will den Kartlern nun helfen. Der Schierlinger will sich bei Bayerns Justizminister Winfried Bausback und bei Innenminister Joachim Herrmann für seine Kartler-Kollegen und die Tradition des Preis-Wattens mit Geldprämien einsetzen. Er sagt: „In Spielhallen, bei Sportwetten und beim Pokern im Internet kann man Haus und Hof verlieren – aber doch nicht beim Watten im Wirtshaus.“

Rohrmayer ist als Wirtsbub quasi neben dem Stammtisch aufgewachsen. Meist haben die Watterer dort um die nächste Maß Bier gekartelt. In diesem Fall ist Watten rechtlich völlig unbedenklich. Geht es dagegen um den Einsatz von Geld, wird Watten zum illegalen Glücksspiel. Der Knackpunkt: Anders als beim Schafkopf werden beim Watten nicht alle Karten verteilt. Außerdem darf geblufft werden: Wer schlechte Karten hat, hat also trotzdem Chancen auf den Sieg.

Vier Kartenspiele kurz erklärt

  • Watten:

    Das Spiel, das besonders an bayerischen Stammtischen populär ist, stammt der Überlieferung nach aus der Zeit der napoleonischen Kriege. Damals, heißt es, hätten die verbündeten Franzosen und Bayern mit dem Kartenspiel ihre Freizeit in den Feldlagern verbracht. Für das Spiel werden vier Spieler benötigt. Die beiden, die gegenüber sitzen, spielen jeweils zusammen. Jedes Paar versucht, pro Spiel drei Stiche zu erzielen und so zu gewinnen.

  • Schafkopf:

    Schafkopfen ist das populärste Kartenspiel in Bayern. Drei oder vier Spieler versuchen jeweils, durch Stechen 60 Punkte („Augen“) zu erreichen. Um zu stechen, muss der Spieler ein höherwertiges Bild derselben Farbe oder einen Trumpf spielen. Es gibt die drei Spielarten Sauspiel, Wenz und Solo.

  • Grasoberln:

    Das Grasoberln-Spiel gilt als vom Aussterben bedroht. In Ostbayern ist es aber noch beliebt. Anders als beim Schafkopf werden keine Augen gesammelt. Die vier Spieler versuchen in der am häufigsten gespielten Variante, den ersten und den letzten Stich zu vermeiden, außerdem den Stich, der den Gras-Ober enthält. Wer diese Stiche erhält, muss einen Betrag an Münzen bzw. Spielpunkten abgeben.

  • Wallachen:

    Auch Wallachen wird nur noch selten gespielt. Ziel ist es, mindestens sechs Stiche zu machen. Außerdem gibt es noch die Spielarten Bettel und Mord. Wallachen ist ein Spiel für drei Personen.

Gesetz soll Spieler schützen

Die Paragrafen 284 und 285 des Strafgesetzbuchs bilden den rechtlichen Rahmen für die Ermittlungen gegen die Veranstalter und auch die Teilnehmer von illegalen Glücksspielen. Nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts sollen sie diejenigen schützen, die an einem Glücksspiel teilnehmen: Es geht darum, zu verhindern, dass Spieler spielsüchtig werden, ihr Vermögen verprassen und möglicherweise sogar kriminell werden.

Für Spielhallen-Betreiber gibt es strenge Regeln. Foto: Spata/dpa

Erich Rohrmayer ist viel in der Kartenspiel-Szene unterwegs, vor allem im südlichen Landkreis. Leute, die wegen des Wattens spielsüchtig geworden sind, kennt er trotzdem nicht. In seinem Umfeld ist ihm aber ein Mann bekannt, der gerne mal 1000 Euro bei Hochrisiko-Fußballspielen auf die Außenseitermannschaft setzt, um den großen Reibach machen zu können. Und die Neugier hat Rohrmayer auch einmal in eine amerikanische Spielhalle getrieben: An einem Samstagvormittag hat er dort, auf einer Fläche etwa so groß wie das Regensburger BMW-Werk, Tausende an einarmigen Banditen und Roulette-Tischen sitzen sehen. „Das war Wahnsinn“, sagt er.

Auch im Kreis Regensburg locken etliche Spielhallen Zocker an: 20 Casinos gibt es insgesamt an elf Standorten, mancherorts bis zu vier in einem Gebäude. Polizeieinsätze waren zuletzt weder hier noch bei Watt-Turnieren häufig. Polizei-Sprecher Albert Brück zufolge haben seine Kollegen in den vergangenen fünf Jahren in Stadt und Landkreis lediglich drei Mal wegen Glücksspiels ermittelt. Nur ein Watt-Turnier, das in Laub, war darunter.

„In Spielhallen, bei Sportwetten und beim Pokern im Internet kann man Haus und Hof verlieren – aber doch nicht beim Watten im Wirtshaus.“

Erich Rohrmayer

Ministerium erteilt Absage

Rohrmayer findet: Kein Mensch können nachvollziehen, warum Spielcasinos genehmigt werden, Watt-Turniere aber verboten sind, sobald es dabei um Geld geht. Martin Scholtysik, Sprecher des Bayerischen Innenministeriums, in dessen Zuständigkeitsbereich Glücksspiel fällt, erklärt das so: „Beim Preis-Watten handelt es sich um ein grundsätzlich nicht genehmigungsfähiges Glücksspiel.“ Deswegen könne, anders als für Spielhallen und Spielbanken, keine Erlaubnis dafür erteilt werden. Für Spielhallen und Spielbanken gibt es indes strenge Regeln, um Spielsucht vorzubeugen – vom Mindestalter von 18 Jahren in Spielhallen bzw. 21 Jahren in Spielbanken bis hin zur Begrenzung des Angebots: In Spielhallen dürfen beispielsweise maximal zwölf Geräte stehen. Spielbanken darf nur der Freistaat selbst betreiben.

Er ist der neue und der alte bayerische Innenminister: Joachim Herrmann (CSU). Foto: Alexander Heinl/Archiv

Der Schierlinger Kartler-Profi würde trotzdem gern noch einmal mit Innenminister Joachim Herrmann und Justizminister Winfried Bausback über die Thematik diskutieren. Er würde beiden erklären, warum sich der Staat nicht um die Watterer kümmern muss. Dass Watten ein Glücksspiel ist, streitet er aber nicht ab. „Aber hier geht es um Geselligkeit, um Freude am Leben, um Tradition“, sagt der Schierlinger. Dabei entstehe niemandem ein gesundheitlicher oder finanzieller Schaden. Schließlich sei es beim Preis-Watten– anders als im Spielcasino – nicht möglich, mehr als den üblicherweise einstelligen Eurobetrag über den Einsatz zu verlieren. „Man kann ja nichts nachschießen“, sagt Rohrmayer.

Er will anregen, Watten als Gesellschafts- oder als Mannschaftsspiel einzustufen. Ob er damit Chancen hat, kann Rohrmayer nicht abschätzen. „Aber im Wahljahr gehen ja oft Dinge, die sonst nicht gehen“, meint er.

Hunderttausende Menschen in Deutschland sind spielsüchtig. Lesen Sie hier ein Interview mit Suchtmediziner Willi Unglaub, Oberarzt am Zentrum für klinische Suchtmedizin der medbo in Regensburg.

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