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Wissenschaft

Kritiker halten Flutpolder für nutzlos

Die Hochwasserprojekte sollen die Unterlieger an der Donau schützen. Experten räumen ein, dass die Reichweite begrenzt ist.
Von Christof Seidl, MZ

  • Das extreme Hochwasser im Juni 2013 traf auch Straubing, allerdings nicht in einem so großen Ausmaß wie die Unterlieger. Foto: dpa
  • Die Meinung von Umweltministerin Scharf und ihrer Fachleute (im Bild auf dem Podium des Hochwasserdialogs), dass Flutpolder unverzichtbar sind, ziehen Kritiker in Zweifel, auch weil deren Wirkung begrenzt ist. Foto: xtl

Regensburg.In der Diskussion um gesteuerte Flutpolder an der Donau tauchen immer wieder neue Argumente auf. Im Landkreis Regensburg ist es vor allem die Furcht vor einem steigenden Grundwasserspiegel, der die Gegner der geplanten Flutpolder Eltheim und Wörthhof umtreibt. Eine grundsätzlichere Frage geriet dabei in den vergangenen Monaten in den Hintergrund. Wie groß ist der Nutzen dieser gigantischen Becken, wenn sie im Ernstfall geflutet werden? Wie weit reicht ihre Wirkung?

Diese Fragen beschäftigen auch Robert Zizler aus Altenthann. Der MZ-Leser ist überzeugt, dass Flutpolder im Raum Regensburg auf Hochwasserkatastrophen kaum eine Wirkung haben. „Flutpolder sollen oberhalb von Städten verhindern, dass Scheitelwellen die Städte überfluten.“ Die Betonung liege auf Scheitelwellen und „oberhalb“. Die Wirkung dieser Scheitelwellen-Brecher-Funktion ebbe mit zunehmender Entfernung ab.

60 bis 70 Kilometer Reichweite

So gesehen wäre Straubing gerade noch der Profiteur eines Polders im Landkreis Regensburg. „Dabei hatte bei den zurückliegenden Hochwassern Straubing kein wirkliches Problem gehabt.“ In Deggendorf oder Passau könne man die Wirkung von Poldern im Landkreis Regensburg fast nicht mehr wahrnehmen. Bei der Auftaktveranstaltung des Hochwasserdialogs der bayerischen Staatsregierung im Februar in Barbing sprachen Fachleute davon, dass ein einzelner gesteuerter Flutpolder eine Reichweite von 60 bis 70 Kilometern habe. Gerade deshalb sei eine Perlenkette aus Flutpoldern entlang der Donau notwendig.

Sie argumentierten auch mit dem Dammbruch an der Isar, der 2013 zu der Hochwasserkatastrophe bei Deggendorf geführt hatte. Die Wirkung dieses Dammbruchs sei mit der eines Polders vergleichbar gewesen und habe den Hochwasserspiegel um bis zu 30 Zentimeter gesenkt.

Aussagekräftiger für Polder im Landkreis Regensburg ist da aber ein anderer Fall: 1988 brach bei Niederachdorf ein Damm beim Höchststand des Donau-Hochwassers. 12 Millionen Kubikmeter Wasser flossen durch die Bruchstelle. Der Effekt war auch dort ähnlich dem eines Flutpolders. In Straubing führte dieser Dammbruch nach Angaben der Fachstellen damals zu einem Rückgang des Hochwasserspiegels um acht Zentimeter, in Deggendorf waren es noch zwei Zentimeter, in Passau war kein Rückgang nachweisbar.

Zizler stellt deshalb die Frage, welchen Nutzen die geplanten Polder haben. „Das desaströse Hochwasser in Deggendorf stammte nicht von der Donau, sondern vom Dammbruch an der Isar. Statt alte Dämme zu sanieren, baut man lieber große Polder an Stellen, wo sie in die Landschaft passen. Die Frage des Nutzens wird in den Hintergrund gestellt.“

Für Passau ist der Inn entscheidend

Zizler betonte, dass die meisten Hochwasserkatastrophen in Bayern durch das Abregnen in den Alpenregionen entstehen. Die Donau in Regensburg nehme das Wasser gerade mal von einem Drittel der Alpenregion auf (Iller und Lech), während der Inn mit kleiner Unterstützung der Isar zwei Drittel des Hochwassers abtransportiere. „Das größte Problem tritt in Passau auf, aber nicht an der Donau, sondern am Inn.“

Bei Nachfrage im Umweltministerium hatte Zizler erfahren, dass man dort erst prüfe, ob sich am Inn Hochwasserlösungen finden lassen, während man gleichzeitig bei den Poldern in Landkreis Regensburg quasi schon vor dem Baubeginn stehe.

Der Altenthanner wollte vom Umweltministerium außerdem wissen, zu welchem Zeitpunkt beim Hochwasser 2013 die Polder geöffnet worden wären und was diese Maßnahme für die Unterlieger gebracht hätte. Zizler: „Eigentlich sollte man aufgrund der detaillierten Aufzeichnungen der Wasserwirtschaftsämter und der heutigen Simulationsmöglichkeiten hier doch relativ präzise Antworten geben können.“ Seine Frage blieb aber auch nach vier Wochen unbeantwortet.

Der Altenthanner ist überzeugt, dass sich die für die beiden Flutpolder eingeplanten Gelder anderenorts sinnvoller einsetzen lassen. Ein kleiner Bruchteil davon würde beispielsweise genügen, um im Otterbachtal oberhalb von natürlichen Verengungen des Bachlaufs Aufstauzonen zu schaffen, die keinen Schaden anrichten. Nutznießer wären vor allem die Unterlieger in Sulzbach.

Geschlossenheit eingefordert

  • Anlass:

    Für Irritationen sorgte im Landratsamt eine Äußerung des CSU-Kreisvorsitzenden Peter Aumer zum Thema Flutpolder. Dieser betonte in einer Pressemitteilung, dass die CSU über die Bekanntmachung der Behörde zur vorläufigen Sicherung der Flächen für die geplanten Polder erstaunt sei. Er vermisse eine Diskussion dazu im Kreistag.

  • Kritik:

    Landrätin Tanja Schweiger weist die Kritik zurück. Die Anweisung zu dieser Sicherung komme vom Umweltministerium selbst. Das Landratsamt sei gesetzlich verpflichtet, sie binnen drei Monaten nach Erhalt der betreffenden Gebiete in Kartenform in Kraft zu setzen.

  • Argumente:

    Bei der Auftakt-Veranstaltung zum Hochwasserdialog des Umweltministeriums im Februar in Barbing habe sie noch Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) gebeten, als Zeichen des Vertrauens gegenüber den Betroffenen auf die Sicherung zu verzichten, betont Schweiger. Scharf habe dies abgelehnt, wie Aumer persönlich miterlebt habe.

  • Appell:

    Im Kampf gegen die Polder sei Geschlossenheit wichtig, unterstreicht die Landrätin. Sie appelliert an alle Interessierten, sich an den kommenden Veranstaltungen zu den geplanten Flutpoldern zu beteiligen und ihre Bedenken zu äußern.

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