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Sonntag, 22. April 2018 27° 2

Bildung

Lernen, wie die „Alten“ lebten

Wörther Schüler befragten Senioren zu Flucht und Armut in der Nachkriegszeit. Die Erzählungen hinterließen tiefen Eindruck.
Von Johann Biederer

Gespannt und interessiert horchten die Schüler den Schilderungen der Wörther Senioren zu. Foto: Johann Biederer

Wörth.Im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus trafen sich Mittelschüler der 8. Klasse und Fachlehrerin Renate Biederer mit Bewohnern von Pro Seniore und Senioren aus Wörth im Bürgersaal zu einem Erzählcafé. Initiiert und organisiert wurde die Veranstaltung von Stadträtin Hildegard Schindler und dem Arbeitskreis „Wörth ist bunt“. „Als Frau Schindler mich angesprochen hat, ob ich mit meinen Schülern bei den Wochen der „Vielfalt und Toleranz“ mitmachen würde, habe ich sofort und gerne zugesagt“, bekräftigt Renate Biederer. Die Form des Erzählcafés habe man gewählt, weil das Selbsterlebte glaubwürdiger sei als Darstellungen in Geschichtsbüchern.“

„Rassismus, Angst, Toleranz oder Ausgrenzung sind nicht erst Themen der heutigen Zeit. Vor vielen Jahrzehnten hat die ältere Generation schon einmal Erfahrungen damit gemacht. Ich denke, die Senioren, die heute da sind, haben aufgrund ihrer Erfahrungen viel Interessantes zu berichten“ eröffnete Renate Biederer die Runde. Damit die Schüler eine bessere Vorstellung von der damaligen Zeit bekamen, beschrieben die Senioren zuerst Alltag und Schule in ihrer Jugendzeit.

„Nur die Mutter als Halt“

Gespannt horchten die Schüler den Schilderungen von Werner Riedel zu. „Meine Kinder- und Schulzeit war geprägt vom Krieg, obwohl ich ihn nicht mehr direkt erlebt habe, da ich 1940 geboren wurde. Ich war zu Beginn meiner Schulzeit auf der Flucht. Man muss sich das einmal vorstellen, wenn man Hab und Gut verlassen muss und als Fünfjähriger nur die Mutter als Halt hat“, begann der ehemalige Bauingenieur seine Ausführungen.

Die Senioren erzählten auch, wie das Schulleben in der Nachkriegszeit war.Foto: Johann Biederer

Aufmerksam hörten alle zu, als er berichtete, dass ihre Flucht vor allem nachts stattfand. „Immer wenn irgendwo ein Lichtschein zu sehen war, versteckte uns unsere Mutter im Gebüsch. Die erste Klasse fand bei mir praktisch gar nicht statt. Ich fing gleich mit der zweiten Klasse an“, fuhr er fort. Erstaunt nahmen alle zur Kenntnis, dass damals mehrere Jahrgangsstufen gemeinsam in einem Klassenzimmer unterrichtet wurden. „Die Jüngeren lernten so von den älteren Schülern“, sagte Werner Riedel. Dem pflichtete auch die 73-jährige Paula Klimpel bei.

Eine Schülerin wollte wissen, wie der Unterricht damals gestaltet wurde. „Sehr viele der Lehrer, die übrigens sehr streng waren, waren kriegsgeschädigt. Sie unterrichteten nach bestem Wissen und Gewissen. Wir Schüler standen jedoch im Zwiespalt mit dem, was wir in der Schule vermittelt bekamen und dem, was uns unsere Eltern zuhause erzählten. Durch die Kriegspropaganda gingen die Erzählungen ganz weit auseinander“, erklärte Riedel.

„Wofür gab es Lob oder Strafen?“, fragte Felix Piendl. Die Schüler hörten, dass damals Ohrfeigen und Tatzenschläge an der Tagesordnung waren. Sehr viel Angst hatte Aloisia Gerl als junges Mädchen, als Besatzungskräfte nach Kriegsende das Haus ihrer Eltern nach Waffen durchsuchten. Auf der Brennberger Burg harrte Maria Hirschberger aus, als in ihrem Ort die amerikanischen Soldaten einmarschierten. „Wir durften dann einige Tage nicht in unser Haus“, weiß die 92-Jährige noch sehr genau. Erinnern kann sie sich noch gut, als im Ort immer mehr Flüchtlingsfamilien ankamen. „In den Häusern wurden einfach fremde Familien mit einquartiert. In jedem Zimmer wohnte praktisch eine ganze Familie. Das war zwar sehr eng, aber so lernten wir, fremde Speisen zu kochen und neue Tänze zu tanzen“, zog sie Positives aus der Nachkriegszeit. Auch nachdem die Flüchtlinge weitergezogen waren, hätten die Kontakte oft ein Leben lang gehalten.

Vorurteile abgebaut

Weitere Gesprächsthemen

  • Freizeit:

    Auf die Frage nach der Freizeitgestaltung damals meinte eine Seniorenheim-Bewohnerin: „Wir hatten nicht so viel Freizeit. Höchstens am Sonntagnachmittag gingen wir mit der Familie spazieren. Die Woche über war geprägt mit Arbeit im Haushalt, im Stall und auf den Feldern.“ Brigitte Küffners absolute Wochenhöhepunkte waren die Sonntagnachmittag-Tanztees in Regensburg.

  • Kleidung:

    „Wie oft haben Sie neue Kleidung bekommen?“, wollte eine Schülerin wissen. Dies sei eine absolute Ausnahme gewesen. „Erstens war das Geld knapp und zweitens hatten wir fast keine Einkaufsmöglichkeit“, sagte Aloisia Gerl. „Ich musste Hosen von meinen älteren Schwestern tragen, die für mich umgenäht wurden“, erinnerte sich Ralf Rath an diese Zeit zurück.

Werner Riedel war in seinem Leben schon in vielen Ländern. Um Vorurteile gegen fremde Kulturen abzubauen, berichtete er von vielen positiven Erlebnissen. 1960 erkundete er zusammen mit seinem Bruder mit dem Roller die Türkei. „Alle haben uns gewarnt davor, wir würden dort bestohlen und ausgeraubt werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Als wir einen Unfall hatten, blieb sofort ein Lastwagenfahrer stehen und fuhr uns ins Krankenhaus. Unseren Roller reparierten die Einheimischen in der Zwischenzeit, ohne dass wir dazu den Auftrag gaben“, versicherte der Senior. Er gab den Schülern mit auf den Weg, sich ein eigenes Bild von anderen Menschen zu machen und den Menschen in die Augen zu blicken: „Die Augen lügen nicht“.

Auch Elisa Dummer und Mark Wendisch erfuhren viel über den eigentlichen Berufswunsch von Paula Klimpel, die liebend gerne Bankkauffrau geworden wäre. „Du heiratest ja eh einmal“, wurde ihr Wunsch abgeschmettert. „Ich habe mich aber nicht unterkriegen lassen und habe alle Sparten in einer Bank durchlaufen. Ich bin dann Bankangestellte geworden“, erzählte sie ihren beiden jungen Zuhörern.

Hildegard Schindler und Renate Biederer meinte am Ende des Nachmittags zufrieden: „Die Botschaft ist angekommen.“

Werner Riedel stieß mit seinen Erzählungen bei den Jugendlichen auf viel Interesse.

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