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Sonntag, 19. August 2018 32° 2

Tradition

Maibaum: Wenn Stehlen erlaubt ist

Auch die Burschen im Raum Regensburg sind jetzt wieder auf der Hut. Niemand soll ihnen ihren größten Stolz abluchsen.
Von Bettina Mehltretter

Das sind Hainsackers härteste Burschen und Mädchen: die Maibaum-Diebe um den 25-jährigen Florian Wolf (Sechster von rechts, hinter den beiden Frauen). Wolf hat es im Gefühl, wenn der richtige Moment für einen Maibaum-Diebstahl gekommen ist. Archivbild: Beer
Das sind Hainsackers härteste Burschen und Mädchen: die Maibaum-Diebe um den 25-jährigen Florian Wolf (Sechster von rechts, hinter den beiden Frauen). Wolf hat es im Gefühl, wenn der richtige Moment für einen Maibaum-Diebstahl gekommen ist. Archivbild: Beer

Hainsacker.Florian Wolf ist ein Profi im Maibaumklau-Geschäft. Viermal schon hat er in den vergangenen Jahren mit seinen Kumpels, 20 kräftigen Kerlen und zwei Mädchen aus dem Raum Hainsacker, zugeschlagen. Dreimal waren sie erfolgreich. Auch heuer hat ihm wieder einer gesteckt, wo ein Maibaum liegt, den seine Truppe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion stehlen könnte. „Ich impf’ dann alle“, sagt Wolf. Das heißt: Der 25-Jährige gibt das Kommando.

Alte Ansichten: Dieses Foto, das uns Egon Gröschl zur Verfügung gestellt hat, zeigt das Maibaumaufstellen vor etlichen Jahren in Bergmatting. Foto: Gemeindearchiv Sinzing
Alte Ansichten: Dieses Foto, das uns Egon Gröschl zur Verfügung gestellt hat, zeigt das Maibaumaufstellen vor etlichen Jahren in Bergmatting. Foto: Gemeindearchiv Sinzing

Das Prinzip des Maibaumstehlens ist einfach: Die Burschen und Mädchen versuchen, den Moment abzupassen, in dem irgendwo ein Baum unbewacht liegt. Schaffen sie es dann, den Prachtkerl möglichst unbemerkt aus seinem Versteck und bis hinter das jeweilige Ortsschild zu bringen, ist ihr Triumph groß. Doch die Blamage derer, die sich den Baum stehlen haben lassen, ist noch größer. Denn die Tradition besagt, dass Maibaumdiebe Forderungen stellen dürfen. Meist heißt es dann: Baum gegen Brotzeit. Und oft gibt es harte Verhandlungen.

Lange Debatte in Zeitlarn

Als die Hainsackerer 2013 erstmals und 2017 wieder den Baum der Regensburger Maidult abtransportiert hatten, ließen sich die Wirtsleute des Hahnzelts nicht lumpen. Mit Freibier, Wurst- und Brotzeitplatten fiel das „Lösegeld“ üppig aus. In Zeitlarn dagegen hatten die Hainsackerer ein schwereres Spiel. In der Nacht zum 1. Mai 2017 hatten sie den dortigen Baum mucksmäuschenstill aus seinem Versteck getragen, ohne die drei Männer zu wecken, die daneben eingeschlafen waren. Danach hatten sie Gratis-Brotzeiten und Gratis-Bier für alle Diebe gefordert. „Aber darüber haben wir zwei Stunden lang diskutieren müssen“, erinnert sich Florian Wolf. „Die Zeitlarner Burschen haben versucht, die Forderung zu reduzieren. Wir haben dann gesagt: Je länger ihr diskutiert, desto mehr schneiden wir unten vom Baum ab.“ Wenig später hatten die Hainsackerer die Mägen voll und die Zeitlarner ihren Baum wieder. Denen hatte in 36 Jahren Maibaumtradition zuvor noch nie jemand den Baum gestohlen. Welch ein Erfolg für die Hainsackerer.

„Wenn ein Bewacher seine Hand auf den Maibaum legt, ist’s aus.“

Florian Wolf, der Chef des Hainsackerer „Maibaumvereins“

Aber selbst Profis scheitern ab und an. Beim Versuch, im vergangenen Jahr beim TSV Großberg (Gemeinde Pentling) noch einen dritten Baum zu kassieren, flogen sie auf. Just in dem Moment, als sie gemeinsam den Baum davontragen wollten, der in einem Zelt am Sportplatz gelagert war, schreckte ein Bewacher hoch, der in einem Auto neben dem Baum geschlafen hatte. „Wir haben noch versucht, die Autotür zuzuhalten“, sagt Florian Wolf. Doch weitere Maibaumbewacher rannten herbei, und Sekunden später griff die goldene Maibaumklau-Regel: „Wenn ein Bewacher seine Hand auf den Maibaum legt, ist’s aus.“ Trotz des feindlichen Angriffs, den die Großberger abwehrten, und trotz der Schmach, die die Hainsackerer erlitten, trennten sich beide schließlich in Freundschaft: einem Versöhnungsbier sei Dank.

Lesen Sie hier: In der Regensburger Konradsiedlung ist am Sonntag schon ein Maibaum aufgestellt worden. MZ-Reporter Daniel Steffen war dabei.

Maibäume sind der Stolz vieler Dörfer im Landkreis – wie hier in Mintraching. Zu Polizeieinsätzen kommt es dabei selten. Foto: Theo Griesbaum
Maibäume sind der Stolz vieler Dörfer im Landkreis – wie hier in Mintraching. Zu Polizeieinsätzen kommt es dabei selten. Foto: Theo Griesbaum

Landauf, landab sind in den vergangenen Jahren in den Nächten vor dem 1. Mai immer weniger Maibäume gestohlen worden. Die Oberpfälzer Polizisten aber schieben in der Walpurgisnacht und am 1. Mai trotzdem weiter Extra-Schichten. Markus Damm, Sprecher des Polizeipräsidiums, sagt, man passe den „Kräfteeinsatz an das Ereignis an“. Mit Maibaumdieben haben die Polizisten in der Regel aber nichts zu tun. Stattdessen geht es um die teils blinde Zerstörungswut anderer: Immer wieder werfen vermeintliche Witzbolde in der Walpurgisnacht Eier gegen Fassaden, beschädigen Autos oder heben Gullydeckel aus. Mit solchen Kriminellen will die Hainsackerer Gruppe allerdings nichts zu tun haben. Sie will nur die Tradition des Maibaumstehlens aufrecht erhalten.

Fritz Wagner aus Kreuth bei Bernhardswald ist auch so einer, der viel Wert auf das Brauchtum legt. Seit 35 oder 36 Jahren stellen er und seine Kameraden vom Stammtisch „Eicherne Hütt’n Buam“ vor dem Vereinslokal in Thonseigen Maibäume auf. Heuer könnte es der letzte sein. „Außer, es finden sich noch ein paar Junge“, sagt er. Die Stammtischbrüder, die den Baum bisher in die Höhe gewuchtet haben, sind alle schon zwischen 50 und 70 Jahren alt. Wagner selbst ist 75 und der „Schreier“, also der Kommandogeber. „Ich hab die Goschn dafür“, sagt er.

Diebstahl im Wald

Einmal war die Birke, die die Stammtischbrüder aufgestellt haben, aber nur zweite Wahl. Unbekannte hatten ihnen den Baum, den sie eigentlich auserkoren hatten, kurz vor dem 1. Mai aus dem Wald geklaut. Ein andermal hatte ein Unbekannter die Birke, die da schon aufgestellt war, mit einer Handsäge angesägt. Wagner und seine Kollegen hatten zu dieser Zeit im Lokal gefeiert. Sie waren entsprechend schockiert: „Das war brandgefährlich!“ Die Polizei haben sie trotzdem nicht eingeschaltet.

Die wichtigsten Regeln rund um den Maibaum-Diebstahl erklären wir Ihnen hier. Navigieren Sie durch die Bildergalerie, in dem sie über die Bilder wischen bzw. auf die Pfeile unter den Fotos klicken.

Die Hainsackerer Maibaum-Diebe sagen, sie würden sich an die Regeln halten. Fremdes Eigentum zu beschädigen sei tabu. Ihr Chef Florian Wolf hat es im Gefühl, wann der Zeitpunkt für eine weitere Tat günstig sein könnte. Zuvor gibt es immer eine letzte Lagebesprechung. „Da klären wir, wer am Baum neben wem steht“, sagt er. „Das ist wie im Kindergarten. Aber es darf ja keine Unstimmigkeiten geben.“ Schließlich ist es stockfinster, wenn sie losziehen. Derjenige, der den Tarnanzug trägt, läuft voraus, spioniert die Lage ein letztes Mal aus. Dann ist Showtime: Auch alle anderen schleichen aus ihren Verstecken, zum Baum. Für die ersten Meter des Transports muss ihre Muskelkraft reichen, danach schieben sie den Stamm auf einen Holzwagen.

Maibaumaufstellen anno 1959 in Obertraubling: Nachdem die Burschen den Baum in den Tagen zuvor gehütet hatten wie ihren Augapfel, trugen sie ihn gemeinsam zum Aufstellort nahe der Kirche. Seit zwei Jahren zieht allerdings ein Bulldog den Prachtkerl – ein Bild, das sich mittlerweile an vielen Orten im Landkreis zeigt.Foto: Repro Karl Matok
Maibaumaufstellen anno 1959 in Obertraubling: Nachdem die Burschen den Baum in den Tagen zuvor gehütet hatten wie ihren Augapfel, trugen sie ihn gemeinsam zum Aufstellort nahe der Kirche. Seit zwei Jahren zieht allerdings ein Bulldog den Prachtkerl – ein Bild, das sich mittlerweile an vielen Orten im Landkreis zeigt.Foto: Repro Karl Matok

Für die kommende Walpurgisnacht haben die Hainsackerer noch einen, vielleicht sogar zwei Maibäume im Visier. Wenn die Luft rein ist, wollen sie einen Versuch wagen. Schließlich haben sie, die Profis im Landkreis, heuer noch keine Beute gemacht.

Wie gut kennen Sie die Maibaum-Tradition? Machen Sie hier den Test:

Ihr Maibaum in der Mittelbayerischen

  • Leseraktion:

    Wir bieten der Maibaum-Tradition heuer viel Raum in Ihrer Zeitung und auf www.mittelbayerische.de und zeigen Ihre schönsten Bilder von den Arbeiten rund um den Baum und vom Aufstellen selbst.

  • Kontakt:

    Wenn Sie dabei sein möchten, schicken Sie Ihre Fotos bis zum Donnerstag, 10 Uhr an lk-regensburg@mittelbayerische.de . Bitte machen Sie auch Angaben zu dem, was das Bild zeigt, und nennen unbedingt den Fotografen.

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