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Zeitgeschichte

Mit Sack und Pack aus der Heimat fort

26 Familien mussten 1938 dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr weichen. In Wolfskofen fanden sie ein neues Daheim.
Von Karl Matok

Eine alte Postkarte zeigt den Ort Pappenberg, der der Erweiterung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr weichen musste. Fotos: Archiv/Matok
Eine alte Postkarte zeigt den Ort Pappenberg, der der Erweiterung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr weichen musste. Fotos: Archiv/Matok

Wolfskofen.Es ist kein Jubiläum, sondern ein denkwürdiger und geschichtsträchtiger Tag für die Bürger aus Wolfskofen, Roith, Auhof, Gengkofen und Allkofen. Fast auf den Tag genau vor 80 Jahren, den 1. April 1938 – es war damals ein Freitag –, mussten 26 Landwirtsfamilien mit Sack und Pack ihre angestammte Heimat wegen der Erweiterung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr verlassen. Sie fanden im Bereich der früheren Gemeinde Rosenhof, seit 1. Mai 1978 zur Gemeinde Mintraching gehörend, eine neue Heimat.

Am 2. April war zum Betreten des Platzes von der Reichswehrmachtsverwaltung schon ein Passierschein nötig. Vor 80 Jahren wurde der Truppenübungsplatz Grafenwöhr auf Geheiß des nationalsozialistischen Reichskanzlers Adolf Hitler über die Hälfte nach Westen erweitert, wodurch 780 Familien mit über 3500 Menschen aus 58 Orten und Weilern ihre vertraute Heimat verlassen mussten. Heute zeugen nur noch vereinzelte Mauerreste von den einst lebendigen Dörfern und Gemeinden.

42 Häuser, 49 Familien, 195 Bewohner

In den Jahren 1904 bis 1907, bei der ersten „Ablösungswelle“ zum Bau des alten Truppenübungsplatzes mit 9160 Hektar Grund durch das Königreich Bayern, wurden die Bewohner aus Pappenberg, Leuzenhof, Haag, Hopfenohe, Höhenberg, Braunershof, Walpershof, Langenbruck und Kittenberg noch verschont. Doch bei der zweiten Erweiterung 1937/38 um 14310 Hektar wegen der Reichweite der neuen Artilleriegeschütze nach Westen lagen diese Orte in der Zone I und mussten als erste geräumt werden.

Die Gemeinde und Pfarrei Pappenberg lag sieben Kilometer südwestlich der Stadt Eschenbach an einem Osthang. Südlich davon schloss sich der 513 Meter hohe Kalvarienberg an. In der Ferne konnte man auch den Rauhen Kulm sehen. Bis zuletzt war Pappenberg selbstständige politische Gemeinde. Es hatte 42 Häuser mit 49 Familien und 195 Bewohnern. Zur Pfarrei gehörten die Dörfer Braunershof, Hermannshof, Höhenberg und Leuzenhof mit insgesamt 628 Bürgern.

Sie wollten es nicht glauben

Der Räumungsbefehl kam für sie überraschend, denn die Bewohner wollten einfach nicht wahrhaben, dass der Übungsplatz vergrößert werden sollte. Von ihrem Schicksal erfuhren sie erstmals im August 1936, als sie zum Bau des Kriegerdenkmals bei der Behörde einen Zuschuss erbaten. Die Antwort lautete wörtlich: „In der Gemeinde wird kein Denkmal mehr errichtet, sie wird ohnedies in Kürze geräumt.“ Erst da wurde den Bewohnern bewusst, dass sie nun wirklich Abschied nehmen mussten.

Die älteren Bürger traf diese Nachricht besonders schwer: Ihre Dorfgemeinschaft mit der Kirche, ihre Bekannten und Anverwandten, ihre Erinnerungen und ihre Toten auf dem Friedhof verlassen zu müssen, war für den verstorbenen Umsiedler Georg Trummer von Wolfskofen mehr als schmerzlich.

Sehen Sie hier eine Bilderstrecke:

Aus 17 politischen Gemeinden mit 58 Ortschaften und Weilern stammten die Menschen. Die eigens gegründete „Reichsumsiedlungsgesellschaft Berlin“ (Ruges) kümmerte sich darum und leistete in vielen Fällen Vorschusszahlungen. Als Vertragspartner kaufte sie in der Ablösungsphase mehr als 2000 Betriebe auf, um sie den Ausgesiedelten zu übergeben. Teilweise siedelten ganze Dorfverbände um. So entstanden neue Ansiedlungen wie Sorghof bei Vilseck, Irlaching bei Schwandorf und Wolfskofen.

Exkursionen in die alte Heimat

  • Sonderfahrt:

    Anlässlich des 80. Jahrestags der Umsiedlung veranstaltet der Heimatverein Grafenwöhr insbesondere für ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen am Samstag, 28. April, wieder eine Sonderfahrt in den Truppenübungsplatz zu den abgelösten Ortschaften. Die Sonderfahrt ist jedoch bereits ausgebucht.

  • Jubiläumsfahrt:

    Für alle interessierten Wolfskofener wird am Samstag, 25. August, eine Fahrt in den Übungsplatz angeboten. Auch Weihbischof Reinhard Pappenberger hat zugesagt. Fragen können an das Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr, Tel. (0 96 41) 85 01, info@museum-grafenwoehr.de, gerichtet werden. (lok)

Die wohl bekannteste dieser neuen Siedlungen sind Wolfskofen mit Roith und Auhof, wo sich ein größerer Teil der Bevölkerung aus der Pfarrei Pappenberg niederließ. Die Ruges, Außenstelle Schwandorf, hatte 1936/37 die 1300 Tagewerk große Hofstelle des Fürsten von Thurn und Taxis in Wolfskofen mit den Arbeiter-Außenstellungen in Roith und Auhof sowie 75 Hektar Grund vom Gut Rosenhof für die 26 Landwirtsfamilien bereitgestellt. Die Familien stammten aus den drei Pfarreien Pappenberg, Haag, Hopfenohe und der Expositur Langenbruck, die ebenso wie deren politische Gemeinden abgelöst wurden. Neu entstanden ist 1934/35 auch die Bauernsiedlung „Neuallkofen“ am Roither See. Die Bayerische Landessiedlung errichtete für sechs Familien landwirtschaftliche Anwesen. Kaum in der neuen Heimat angekommen und mit den Einheimischen eingelebt, wurden viele junge Burschen und Männer 1939 zur Reichswehr eingezogen. Der Zweite Weltkrieg stand bevor. 19 Gefallene und acht Vermisste mussten beklagt werden.

Auch der Pfarrer ging mit

Mit den Familien ging auch der damalige letzte Pfarrer von Pappenberg, Wolfgang Ederer, mit, der die gesamte Einrichtung der denkmalgeschützten Pfarrkirche Pappenberg nach Wolfskofen transferieren ließ. In der ab 1939 erbauten Kirche Wolfskofen steht im nüchternen Raum eine feine, fränkisch-barocke Ausstattung mit nicht weniger als fünf Altären. Am 29. Mai 1949 erfolgte die Einweihung der Kirche durch Erzbischof Dr. Michael Buchberger. Erst 1947 wurde den engagierten Umsiedlern ein Schulunterricht in Wolfskofen unter großen Schwierigkeiten genehmigt. Der Schulhausbau erfolgte erst 1950. Dies alles ist heute Vergangenheit. Die Schule wurde zum 31. Juli 1974 aufgelöst, die Gemeinde Rosenhof wurde im Rahmen der Gebietsreform zum 1. Mai 1978 nach Mintraching eingegliedert.

Die letzte Exkursion der Wolfskofener mit Frater Robert Fronhöfer (Mitte) vor der Kirchenruine in Pappenberg im April 2011.
Die letzte Exkursion der Wolfskofener mit Frater Robert Fronhöfer (Mitte) vor der Kirchenruine in Pappenberg im April 2011.

Viele der Großeltern, Eltern und Umgesiedelten sind zwischenzeitlich verstorben. Die damaligen Kinder und Jugendlichen, die im Alter von acht und 13 Jahren mit den Eltern gehen mussten, haben die Umsiedlung noch im Gedächtnis, können sich aber heute auch nicht mehr an viele entscheidende Dinge erinnern. Wie Karl Matok in seinen Nachforschungen vermerkte, war bei der Ankunft in der neuen Heimat alles kahl und leer. „In den vollkommen neu angelegten Dörfern Auhof und Roith gab es keine Bäume. Das Vieh wurde zum Transport auf die Eisenbahn verladen und vom Bahnhof Moosham aus nach Auhof und Wolfskofen getrieben.“

„Wenn auch viele damals murrten und weinten, es half nichts.“

Georg Trummer

In Mangolding und Mintraching herrschte damals die Maul- und Klauenseuche, wusste die verstorbene Therese Rösch, geborene Schraml zu berichten. „Wenn auch viele damals murrten und weinten, es half nichts“, berichtete der frühere Gastwirt Georg Trummer und Anna Schreglmann, geborene Kausler. Der verstorbene Karl Schwarz aus Wolfskofen erinnerte sich noch, dass die Speditionsfirmen auf die Höfe kamen und keiner wollte im März zum „Josefitag“ bereits umziehen. Dann aber musste alles schnell gehen, der 1. April 1938 war Termin, sonst wurde vom Militär zwangsgeräumt, gab Schwarz an. Heute leben aus den 26 Familien noch 13 Frauen und Männer, alle im gesetzten Alter.

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Besuchen kann man die verlassenen Ortschaften nur mit Genehmigung der amerikanischen Streitkräfte: Das Sperrgebiet ist gefährliches Territorium. Wegen Gefahren und der Lage in den Schießbahnen, am Rande des Artillerie-Zielgebiets (Impact Area) seien die ehemaligen Dörfer, heute Wüstungen, nur an wenigen Tagen im Jahr zugänglich. Diese sind, wenn auch der „Scharfe Schuss“ in Grafenwöhr zu Beginn der 90er Jahre weniger wurde, bis heute nicht entmunitioniert. Schon mehrere Male genehmigte die US-Armee den Pfarrangehörigen das Betreten des Platzes. Der Besuch war mehr als traurig. Von den Dörfern sieht man fast nichts mehr.

„Die Natur hat sich alles zurückgeholt.“

Karl Matok

„Die Natur hat sich alles zurückgeholt“, weiß Karl Matok. Nur mehr die Ruine des einst mächtigen 30 Meter hohen Kirchturms von Pappenberg und die mächtigen Mauern der Kirche, eingewachsen von Bäumen und Sträuchern sowie einige Mauerreste von Häusern künden von den vor acht Jahrzehnten aufgelösten Ortschaften.

Damit die Heimatabstammung den Bürgern immer im Gedächtnis bleibt, entschied der Mintrachinger Gemeinderat vor zwölf Jahren, Straßennamen von früheren Umzugsorten in den neuen Ortsteilen einzuführen. 2011 ermöglichte Bundeswehr-Oberstleutnant Georg Schreglmann aus Roith, dessen Vorfahren und Vater aus Höhenberg, Landkreis Eschenbach, stammt, die letzte Fahrt zu den ehemaligen Dorfstellen auf dem Truppenübungsplatz.

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