MyMz
Anzeige

Umwelt

Neues Kletterkonzept für den Landkreis

Wer die Felsen im Kreis Regensburg bezwingt, achtet auf die Natur, sagt der DAV. Trotzdem gilt dort jetzt ein Regelwerk.
Von Bettina Mehltretter

Die Route am Friesenfels, den DAV-Gebietsbetreuer Johann Fiederer hier beklettert, liegt nahe des Beratzhausener Ortsteils Friesenmühle. Wer an diesem Fels neue Routen einrichten will, muss das genehmigen lassen. Foto: bm
Die Route am Friesenfels, den DAV-Gebietsbetreuer Johann Fiederer hier beklettert, liegt nahe des Beratzhausener Ortsteils Friesenmühle. Wer an diesem Fels neue Routen einrichten will, muss das genehmigen lassen. Foto: bm

Beratzhausen.Alle Zeichen deuten darauf hin, dass an der sogenannten Roten Wand, einem Felsen in der Nähe des Gasthofs Friesenmühle bei Beratzhausen, in dieser Saison ein Uhu brütet. Naturfreunde haben seinen charakteristischen Gesang gehört und am Boden Federreste eines Mäusebussards, gern die Beute von Uhus, gefunden. Und vielleicht hat es in diesen Tagen sogar schon Uhu-Nachwuchs gegeben. Da wäre es fatal, wenn Kletterer dieses Kleinod stören würden. Für sie ist die Rote Wand deshalb zurzeit tabu. Ein Schild weist auf das Kletterverbot in der Balz-, Brut- und Aufzuchtzeit des Uhus zwischen Januar und Juli hin.

Klettern boomt. Im Landkreis Regensburg dürfte es zurzeit mehrere tausend solcher Sportler geben, schätzt Johann Fiederer, Gebietsbetreuer des Deutschen Alpenvereins (DAV) für den Raum Beratzhausen. Hinzu kommen hunderte, vielleicht sogar tausende Urlauber, die zum Klettern in die Juratäler kommen. Mehr Kletterer bedeutet aber auch: mehr Konflikte. Deshalb der Deutsche Alpenverein (DAV) und die IG Klettern gestern das erste Kletterkonzept für den Landkreis Regensburg vorgestellt.

Gemeinsam mit Vertretern von Natur- und Vogelschutzverbänden sowie des Landratsamts und der Regierung der Oberpfalz haben die Sportler in den vergangenen drei Jahren 75 Felsen im Donau-, Laber, Naab-, Vils- und Forellenbachtal begutachtet. Thema war dabei vor allem der Schutz der Natur: zum Beispiel von Uhus, Falken und Fledermäusen, von seltenen Moosen und Farnen. „Dass so viele Menschen, zum Beispiel aus Regensburg, am Wochenende die Naturräume erleben wollen, ist ein Problem“, sagte Christine Rapp von der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung der Oberpfalz. Das Kletterkonzept helfe dabei, den Bedürfnissen der Sportler und dem Schutz von Flora und Fauna gerecht zu werden.

Freiwillige vor

DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher stellte in Beratzhausen ein Regelwerk für Kletterer vor. Foto: Mehltretter
DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher stellte in Beratzhausen ein Regelwerk für Kletterer vor. Foto: Mehltretter

Kern des Regelwerks ist eine Drei-Zonen-Regelung, die ein Nebeneinander von Klettersport und Natur ermöglichen soll. 21 Felsen sind während der drei Jahre Projektzeit mit Zone-1-Schildern gekennzeichnet worden. Kletterer dürften dort theoretisch sogar selbst neue Routen einrichten. In die Kategorie 2 fallen 31 Felsen: Klettern ist auf diesen Felsen nur auf den bestehenden Routen erlaubt – neue Routen müssten behördlich genehmigt werden. Die restlichen 23 Felsen, die die Kletter-Experten und die Naturschützer unter die Lupe genommen haben, sind inzwischen für Sportler gesperrt worden. Auch auf Felsen, die nicht beschildert sind, darf grundsätzlich niemand steigen. Das Regelwerk basiert auf Freiwilligkeit. Ob sich die Kletterer daran halten werden? DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher räumt ein: „Nicht jeder Kletterer ist von vornherein ein Naturschützer.“ Aber wer in der Natur unterwegs sei, müsse sich auch mit dem eigenen Verhalten beschäftigen.

Worauf Kletterer achten sollten

  • Aktion:

    Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat in Beratzhausen die Kampagne „Natürlich klettern“ vorgestellt. Mithilfe witziger Sprüche macht der Verband Kletterer auf die häufigsten Konflikte mit Naturschützern, Landwirten, Jägern oder Anwohnern aufmerksam.

  • Brutzeiten:

    Der DAV ruft unter anderem dazu auf, Vögel während der Brut- und Aufzucht nicht zu stören. Kletterer sollen Felssperrungen akzeptieren.

  • Ruhe:

    Wer klettert, soll Lärm, etwa durch Musik, vermeiden – Tieren und Anwohnern zuliebe.

  • Rücksicht:

    Im Umfeld von Felsen wachsen oft seltene Pflanzen. Sportler sollen daher auf offiziellen Wegen bleiben.

  • Parken:

    Kletterer sollen keine Zufahrten, Feld- oder Waldwege zuparken. Parkplätze sind auf www.dav-felsinfo.de genannt. (bm)

Lage hat sich enorm verbessert

Im vergangenen Jahr hatte in den Sozialen Netzwerken ein Appell eines Grundstückseigentümers aus dem Raum Beratzhausen für Aufsehen gesorgt. Der Mann, dem das Waldstück mit den Kletterfelsen zwischen Hardt und Zeiler gehört, hatte gedroht, die Felsen zu sperren, wenn sich die Lage nicht entschärfe. Etliche Kletterer würden das absolute Rauchverbot im Wald missachten, hieß es. Außerdem sei die Parksituation schwierig und die Lärmbelästigung hoch.

MZ-Recherchen haben allerdings gezeigt: Der Brief, der damals durchs Internet gegeistert ist, stammt schon aus 2006. Irgendjemand hatte ihn wohl im vergangenen Jahr erneut gepostet. Wie Grundstücksbesitzer und Anwohner berichten, habe sich die Lage an den Kletterfelsen im Landkreis inzwischen wesentlich gebessert. Längst blockieren die Sportler mit ihren Autos keine Zufahrten für Landwirte mehr. Und wer Müll verursacht, packt ihn danach wieder ein. Auch Roman Dotzer, zweiter Vorsitzender der Naturfreunde, die direkt am Schönhofener Alpinensteig ihr Naturfreundehaus betreiben, sagt: „Vor 20, 30 Jahren haben sich deshalb noch nicht so viele einen Kopf gemacht.“ Mittlerweile sei es unter Kletterern verpönt, Abfall liegenzulassen.

Das hört auch Stefan Kronschnabl, kaufmännischer Betriebsleiter im Kletterzentrum in Lappersdorf und Koordinator der DAV-Gebietsbetreuer, immer wieder. Er erklärt: „Unter Kletterern gibt es einen sozialen Druck.“ Und Kontrolle: Wer mitbekommt, dass sich ein Klettererkollege falsch verhält, spreche ihn in der Regel darauf an. Denn niemand will Ärger oder dass im schlimmsten Fall sogar Felsen gesperrt werden. Die Kletterer arrangieren sich.

Das zeigt etwa ein Beispiel aus Schönhofen: Dort haben die Kletterer mit dem Sportverein vereinbart, dessen Parkplätze nutzen zu dürfen – allerdings nicht, wenn auf dem Fußballplatz daneben ein Spiel ausgetragen wird und Zuschauer nach Parkplätzen suchen. Diese eiserne Schönhofen-Regel hat der DAV inzwischen auch in seinen Publikationen verzeichnet – etwa auf www.dav-felsinfo.de. Probleme gibt es nur noch selten.

Jakob Schels, als Leiter der Polizeiinspektion Nittendorf zuständig für Klettergebiete im Raum Schönhofen/Nittendorf und Beratzhausen, kann sich an keinen einzigen Einsatz wegen falschparkender Kletterer rund um die Kletterfelsen erinnern. Überhaupt haben er und seine Kollegen bisher noch nie ein besonderes Augenmerk auf die Kletterer haben müssen. „Das sind sind alles Sportler, die sich keine Vorwürfe machen lassen müssen“, sagt Schels. „Das sind anständige Leute.“

Der Polizeichef, die Konzeptentwickler und die Naturschützer – sie alle sind insgesamt guter Dinge, dass sich die Kletterer an die neuen Regeln aus dem ersten Kletterkonzept für den Landkreis Regensburg halten werden. Und die Vogelschützer freuen sich besonders, dass die Sportler auch ein Auge auf den Uhu an der Roten Wand bei Friesenmühle haben. Denn üblicherweise geht es den Königen der Nacht in Klettersportgebieten besonders schlecht, weil sie die Menschen immer wieder stören.

Zehn Tipps, wie Sie sicher klettern:

Weitere Nachrichten für den Landkreis Regensburg finden Sie hier.

Umfrage

Wo gehen Sie im Landkreis Regensburg Klettern?

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht