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Tiere

Rehkitze „sinnlos abgeschlachtet“

Immer wieder geraten Rehbabys unter Mähmaschinen. In Niedergebraching gab es jetzt einen besonders krassen Fall.
Von Wolfgang Ziegler

Rehkitze laufen bei Gefahr nicht etwa davon. Sie ducken sich vielmehr in ihr Versteck und sind so dem Tod geweiht. Foto: Bayerischer Jagdverband dpa/lby
Rehkitze laufen bei Gefahr nicht etwa davon. Sie ducken sich vielmehr in ihr Versteck und sind so dem Tod geweiht. Foto: Bayerischer Jagdverband dpa/lby

Regensburg.Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 100 000 Rehkitze, weil sie unter Mähmaschinen geraten. Nackte Zahlen – sie sagen nichts darüber aus, welches Martyrium und welches Tierleid sich dahinter verbirgt. Dieses mussten Kerstin Macht und Barbara Gruber vor wenigen Tagen aus nächster Nähe in der Gemeinde Pentling mit ansehen. Dort metzelte ein Traktorfahrer mit seinem Mähwerk zwei kleine Rehkitze nieder. Das besonders Tragische an diesem Fall: Beide Frauen standen mit Helfern parat, um vor dem Mähen das Feld zu durchkämmen und die Bambis aufzuscheuchen. Der Fahrer wollte allerdings nicht warten.

Die Schilderung von Kerstin Macht und Barbara Gruber klingt dramatisch: Die Nachbarinnen eines Wiesengrundstücks in der Gemeinde Pentling wurden am frühen Nachmittag des 16. Juni darüber informiert, dass die Wiese tags darauf gemäht werden sollte. Sie hatten um diese Auskunft gebeten, weil sie wussten, dass sich in der Wiese mit dem meterhohen Gras eine Ricke mit zwei gerade gesetzten Rehkitzen aufhält. Die wollten die beiden Frauen retten. Sie hatten sich dazu mit weiteren Helfern am 17. Juni, einem Sonntag, um 9.30 Uhr verabredet, um das Grundstück zu durchstreifen und die Rehkinder aufzuscheuchen.

„Als ich bei dem verletzten Kitz ankam, sah ich, wie es sich blutend in das verbliebene Gras zurückrobbte. Zwei Beine hingen nur noch leblos an dem kleinen Körper.“

Tierschützerin Kerstin Macht

Zu dieser Zeit war der mit dem Mähen beauftragte Traktorfahrer entgegen der Ankündigung mit einem sechs bis acht Meter breiten Mähwerk aber schon bei der Arbeit. Nach Auskunft der Frauen war er darüber informiert worden, dass sich die Tiere in der Wiese aufhielten.

Die Tierschützer, darunter vier Kinder, begaben sich dennoch sofort auf das Grundstück – und damit selbst in Gefahr. Sie fingen gerade damit an, das Grundstück zu durchkämmen, als der Mäher das erste Kitz erfasste. „Ich schrie und winkte dem Fahrer zu, sofort zu stoppen, was er auch tat. Als ich bei dem verletzten Kitz ankam, sah ich, wie es sich blutend in das verbliebene Gras zurückrobbte. Zwei Beine hingen nur noch leblos an dem kleinen Körper. Das Kitz schrie und blutete an verschiedenen Stellen“, erzählt Kerstin Macht.

Ricke sucht ihre Kitze bis heute

Der Fahrer stieg daraufhin zwar kurz aus, kümmerte sich aber nicht und fuhr kurz darauf eine weitere Runde, bei der er auch das zweite Kitz erwischte. Die Augenzeugin: „Bei diesem quollen die Eingeweide aus einem Schlitz in der Flanke. Zudem zog es ein Bein hinterher, das nahezu abgetrennt worden war.“ Diesmal stieg der Fahrer nicht einmal mehr aus. Da der Mann nicht – wie vorgeschrieben – die Telefonnummer eines Jägers dabei hatte, riefen die Frauen die Polizei an, die wiederum den Jäger alarmierte. Er erschoss die beiden Jungtiere. Die Ricke läuft noch heute laut rufend über die gemähte Wiese und sucht ihre Kitze.

Lesen Sie auch: Eine Drohne rettet Rehen das Leben

Für Kerstin Macht und Barbara Gruber war der Tod der beiden Rehkinder „ein sinnloses Abschlachten“. Sie seien schließlich vor Ort gewesen, um unentgeltlich zu helfen. Außerdem hätte der Fahrer im Wissen um die Kitze geeignete Maßnahmen ergreifen müssen. Er habe deren Tod aber billigend im Kauf genommen und damit gegen Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes verstoßen. Dieses sieht eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor, „wenn ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet wird oder einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt werden“. Die beiden Frauen erwägen daher nun eine Strafanzeige.

Das erste Kitzrettungssystem

  • Die Technik:

    Mit dem Copter von BJV und er Firma geo-konzept können Rehbabys effektiv vor dem Mähtod gerettet werden. Beide Partner machen sich dafür stark, dass diese Technik vom Bayerischen Staat gefördert wird.

  • Das System:

    Die Drohne mit Wärmebildkamera wird über die zu mähende Wiese gesteuert und dabei Kitze aufgespürt, die sich im Gras verstecken. Gleichzeitig können die Landwirte ihre Wiesen ohne Unterbrechung und ohne Zeitverlust mähen.

Diese könnte nach den Erfahrungen des Bayerischen Jagdverbandes durchaus von Erfolg gekrönt sein. Wie Pressesprecher Thomas Schreder gegenüber unserem Medienhaus sagte, gebe es bereits „etliche einschlägige Urteile“. Das werde keineswegs locker gesehen, denn wer Felder abmäht, müsse alles tun, um Tierleid zu verhindern. Den Tod der beiden Rehbabys in der Gemeinde Pentling bezeichnete Schreder als „fürchterlichen Fall, der beleuchtet werden muss“. Allerdings wollte der Diplom-Biologe, Presseprecher und Jäger nicht verallgemeinern: „In der Regel sind die Bauern achtsam, das Miteinander funktioniert.“

Kids basteln „Kitzretter“

Diese beiden Jäger suchen während der Zeit der Wiesenmahd mit Hilfe einer Drohne mit Wärmebildkamera nach Rehkitzen und retten sie vor den Mähdreschern. Foto: Matthias Balk/dpa
Diese beiden Jäger suchen während der Zeit der Wiesenmahd mit Hilfe einer Drohne mit Wärmebildkamera nach Rehkitzen und retten sie vor den Mähdreschern. Foto: Matthias Balk/dpa

Schreder appellierte vielmehr an Politiker und Industrie. Ein Mähdrescher oder ein Mähwerk kosteten mehrere Tausend Euro, da müsse es doch möglich sein, eine Technik zu entwickeln, die Tiere schütze, meinte er. Einen Antrag, sich genau dafür einzusetzen, habe die Jägerschaft bereits an die CSU-Fraktion im Landtag gerichtet. Darüber hinaus hat der Jagdverband die Initiative „Kids for Kitz!“ ins Leben gerufen, die vor zwei Jahren mit dem Bayerischen Tierschutzpreis ausgezeichnet wurde. Dieses Umweltbildungsprojekt ist an Kinder und Jugendliche gerichtet und fordert unter dem Motto „Gemeinsam gegen den Mähtod“ auf, Wildscheuchen in Schulen und Kindergärten als sogenannte „Kitzretter“ zu basteln und diese den Jägern vor Ort zu übergeben. Die Jäger bringen diese Wildscheuchen vor der Mahd in den Wiesen aus und sorgen dadurch für mehr Sicherheit für Rehbabys, weil die Ricken diese Areale dann meiden.

Mit Drohnen werden Rehkitze gerettet:

Vor dem Tod bewahrt: Rehkitz-Retter aus Schwaben

Der Bauernverband kennt die Problematik natürlich. Wie Bezirksgeschäftsführer Josef Wittmann der Mittelbayerischen sagte, seien die Fälle, in denen Rehkitze unter Mähmaschinen geraten, aber „überschaubar“. Das liege nach seinen Worten daran, dass der erste Schnitt inzwischen siliert werde und daher vor der Setzzeit der Rehe durchgeführt werden könne. Außerdem werde immer weniger Heu gemacht. Und wenn, dann viel später im Jahr. Dennoch müssten die Landwirte beim Mähen grundsätzlich Vorsicht walten lassen. Technische Möglichkeiten stünden ihnen laut Wittmann nur eingeschränkt zur Verfügung. Vieles funktioniere in der Realität nicht so, wie es Prospekte versprächen.

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  • PH
    Peter Franz Hammer
    02.07.2018 20:57

    Wie wir Menschen heute mit der uns anvertrauten Schöpfung Flora und Fauna umgehen spottet jeglicher Beschreibung - von Tierhaltung , Tiertransporten usw. bis hin zu dieser Tragödie. Wer übernimmt dafür die Verantwortung - unsere Politiker auf jeden Fall nicht ! !

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    • JP
      Jürgen Prasch 03.07.2018 11:20

      So lange Lobbyisten ungehindert im Bundesstag aus und eingehen können, wird sich hinsichtlich Tier- und Umweltschutz nichts verbessern. Dafür ist der Einfluss dieser Damen und Herren einfach auf die sogenannten Volksvertreter einfach zu groß.

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  • KW
    Katharina Wittmann
    02.07.2018 08:42

    Unglaublich....ich bin entsetzt.

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    • RG
      Rudolf Gruteser 03.07.2018 11:20

      Leider kommt ed sehr häufig vor, wird nur nicht immer an die Öffentlichkeit getragen. Hoffentlich schaltet sich hier der Staatsanwalt ein um endlich ein Umdenken anzustossen !

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    • JP
      Jürgen Prasch 03.07.2018 11:24

      Herr Gruteser, ich hoffe auch, dass die Justiz hier tätig wird und eine empfindliche Strafe verhängt. Aber leider wird sich die Staatsanwaltschaft dieses Falles nur annehmen, wenn eine entsprechende Anzeige vorliegt.

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