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Freitag, 20. April 2018 26° 2

Verkehr

Unfall auf A 3: Gaffern droht Gefängnis

Nach dem Lkw-Unfall sagt die Regensburger Polizei: Einen derart krassen Fall von Schaulustigen hat sie noch nie erlebt.

Während Rettungskräfte auf der A 3 einen verunglückten Autofahrer geborgen haben, haben auf der Gegenfahrbahn viele ihr Smartphone gezückt. Polizisten fotografierten die Gaffer, um diese mutmaßliche Straftat zu beweisen. Foto: Alexander Auer

Wörth.Johann Datzer, Sprecher der Verkehrspolizei Regensburg, hat in seinen 43 Dienstjahren bei der Polizei schon viel erlebt. „Ich war an x Unfallstellen. Aber das, was mir die Kollegen jetzt geschildert haben, ist schon ein besonders krasser Fall“, sagt er. Nach dem Unfall am Dienstagnachmittag auf der A 3 bei Wörth hatte sich auf der Gegenfahrbahn ein rund zehn Kilometer langer Stau gebildet. Der Grund: Auto- und Lastwagenfahrer, die die Unfallstelle passierten, filmten und fotografierten, während in dem verunglückten Lastwagen ein Mann um sein Leben rang. Die Polizisten, die vor Ort waren, schätzen den Anteil der Gaffer auf 60 Prozent. Am Mittwoch hat die Polizei nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft nun gegen elf Gaffer ein Strafverfahren wegen „Verdachts der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen nach §201a Strafgesetzbuch“ eingeleitet.

„Schlimm, wie unsere Gesellschaft mittlerweile ticket.“

Johann Datzer, Verkehrspolizist

Den Gaffern droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe. Dies teilte Polizeihauptkommissar Datzer mit. Konkret geht es darum, dass die Schaulustigen unbefugt eine sogenannte Bildaufnahme erstellt haben, die die Hilflosigkeit des Lkw-Fahrers zur Schau stellt und damit „den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person“ verletzt. Datzer sagt: „Ich finde es krass, wie sich jemand daran ergötzen kann. Schlimm, wie unsere Gesellschaft mittlerweile tickt.“

Wie sehr auch Rettungskräfte unter Gaffern leiden, lesen Sie hier.

Smartphones als Schutzschild

Laut Nils Ellebrecht, der an der Freiburger Uni zu Notfallsituationen forscht, ist es zur kulturellen Routine geworden, besondere Ereignisse mit dem Smartphone festzuhalten. „Wir können unsere Erlebnisse anderen dann scheinbar so zeigen, wie wir sie gesehen haben“, erklärt er. Zudem verschaffe der Blick durch das Smartphone eine gewisse Distanz zum Ereignis. Auf dem Bildschirm finde der Unfall wie im Fernsehen statt – und nicht direkt vor dem Schaulustigen. Smartphone-Nutzer müssten noch lernen, „die Schamgrenzen anderer nicht zu verletzen“, sagt Ellebrecht.

Die Szenerie, die sich am Dienstag nach 14.30 Uhr auf der Autobahn zwischen den Anschlussstellen Wiesent und Rosenhof gezeigt und viele Schaulustige angelockt hat, war keine äußerst Ungewöhnliche: Am Stauende war ein Zwölftonner ungebremst auf einen Hänger-Lkw gefahren. Der schwer verletzte Lastwagenfahrer, der offenbar keinen Sicherheitsgurt angelegt hatte, musste von der Feuerwehr aus seinem total beschädigten Führerhaus geschnitten werden.

Ein Video vom Einsatz sehen Sie hier:

A3: Gaffer sorgen nach Unfall für Ärger

Würzburger Polizisten halfen den Regensburgern

Fakt ist: Wie so oft hätten die Verkehrspolizisten auch diesmal gegen die Gaffer machtlos sein können. Denn üblicherweise bindet schon der Unfall – die Aufnahme des Geschehens und die Verkehrsabsicherung – alle Kräfte. Doch jetzt spielte den Beamten der Zufall in die Karten: Eine Einheit der Würzburger Bereitschaftspolizei stand selbst im Stau auf der A 3. Die Regensburger riefen die Würzburger um Hilfe; auch eine Streife der Polizei Neutraubling eilte herbei. „Dann haben wir zurückgefilmt“, sagt Datzer. „Und nur vier der 15, die wir gefilmt haben, hatten Glück.“ Diese vier Schaulustigen können wahrscheinlich wegen der schlechten Bildqualität in diesen Fällen nicht strafrechtlich verfolgt werden. Elf müssen demnächst aber mit einem Brief der Polizei rechnen. Die Ermittler werden ihnen darin zwei Termine für eine sogenannte Beschuldigtenvernehmung nennen.

Ein „populistischer Vorstoß“

2015 ist in den Paragraph 201a des Strafgesetzbuchs der Passus aufgenommen worden, in dem es um die Fotos und Videos geht, die die Hilflosigkeit anderer Personen zur Schau stellen. Auch das Strafmaß für die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ ist damals von einem auf zwei Jahre erhöht worden. Der Regensburger Strafrechtler Prof. Dr. Jan Bockemühl hat diese Verschärfung immer als „populistischen Vorstoß“ in Zeiten, in denen die Smartphone-Nutzung zunimmt, kritisiert. Schließlich hatte zuvor schon das Kunsturhebergesetz verboten, derartige Fotos und Videos ohne Einwilligung des Abgebildeten zu verbreiten.

Weitere Bilder vom Einsatzort sehen Sie hier:

Unfall auf A 3: Hohe Strafe für Gaffer

Bockemühl selbst hat noch nie einen Schaulustigen vertreten. Denn noch bitten nur wenige Gaffer Anwälte um Rat. Bockemühl zufolge könnte das manchmal aber sinnvoll sein. Zum Beispiel, wenn jemand, gegen den bereits eine Bewährungsstrafe verhängt worden ist, nun auch noch als Gaffer auffällt. Oder wenn jemand deshalb zwar Post von der Polizei erhält, aber bisher noch nie polizeilich in Erscheinung getreten ist. Womöglich lässt sich die Strafe dann noch abwenden.

Ob das der Bekämpfung der Schaulust an Unfallstellen dient, ist eine andere Frage.

Alle Informationen zum Ausbau der A 3 sowie einen aktuellen Verkehrsticker finden Sie in unserem MZ-Spezial.

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