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Tradition

Was hinter dem 11-Uhr-Läuten steckt

In der Hemauer Kirche St. Johannes läutet es täglich drei Minuten lang. Den Brauch erklären Hans Seiberl und Ernst Böhm.
Von David Santl

Stadtpfarrer Thomas Gleißner neben der Salvatorglocke, die jeden Tag um 11 Uhr die Mittagszeit ankündigt. Fotos: Santl
Stadtpfarrer Thomas Gleißner neben der Salvatorglocke, die jeden Tag um 11 Uhr die Mittagszeit ankündigt. Fotos: Santl

Hemau.Wer um Punkt 11 Uhr in der Nähe der Hemauer Stadtpfarrkirche St. Johannes unterwegs ist, hat sich vielleicht schon gewundert: Wieso läutet dort nach den Stundenschlägen für gut drei Minuten eine Glocke? Dahinter verbirgt sich ein uralter Brauch, der nicht mehr in jeder Pfarrei zu finden ist. Deshalb kann der Sinn der im Volksmund „11-Uhr-Läuten“ genannten Tradition regional unterschiedlich sein, wie Professor Martin Kellhuber, Glockensachverständiger des Bistums Regensburg, mitteilt. Aus theologischer Sicht erinnere es laut Kellhuber an das Leiden Jesu am Kreuz.

Ursprünge im 15. Jahrhundert

Ortsheimatpfleger Ernst Böhm (lnks.) und Kirchenpfleger Hans Seiberl Foto: Santl
Ortsheimatpfleger Ernst Böhm (lnks.) und Kirchenpfleger Hans Seiberl Foto: Santl

Auf dem Eichlberg, in Hohenschambach und Beratzhausen läuten die Glocken noch jeden Tag um 11 Uhr. Hemaus Stadtpfarrer Thomas Gleißner kannte das 11-Uhr-Läuten aus seiner Heimat nicht. „Wir haben für unsere Kirche aber auch erst später einen Turm bekommen. Dort wurde nur um Zwölf geläutet“, erzählt er. Deshalb sei es ihm gleich aufgefallen, als er nach Hemau kam. „Ich hab’ mich schon gewundert, was es damit auf sich hat“, gibt Gleißner zu.

Aus historischer Sicht hat das 11-Uhr-Läuten einen interessanten Ursprung, wie der Hemauer Ortsheimatpfleger Ernst Böhm berichtet: „Es existiert bereits seit dem 15. Jahrhundert“, informiert er. „1457 wurde es von Papst Kalixt III. in allen katholischen Kirchen eingeführt, um für die Abwehr der Osmanen zu danken.“ Deshalb sei anzunehmen, dass auch in Hemau seit dem 15. Jahrhundert um 11 Uhr geläutet wird, ergänzt der Kirchenpfleger der Hemauer Stadtpfarrkirche, Hans Seiberl. Früher wurde laut Böhm sogar drei Mal geläutet, so dankbar war man, dass die Osmanen abgewehrt werden konnten.

„Außer um 11 Uhr wurde um 5 Uhr früh und um 18 Uhr geläutet“, informiert Böhm. Das 11-Uhr-Läuten hieß damals auch „Ave-Maria-Läuten“ und die Menschen beteten ein „Gegrüßet seist du Maria“, weiß der Ortsheimatpfleger. Mit der Reformation wurde dies abgeschafft und das Läuten um 11 Uhr hat seine kirchliche Bedeutung verloren. „Deshalb ist es wohl auch schrittweise verschwunden“, vermutet Böhm.

Läuten strukturierte den Tag

Für die Leute früher hatte dieses Geläut aber noch einen wichtigen Nutzen, wie Kirchenpfleger Hans Seiberl berichtet: „Die Bauern hatten auf den Feldern ja keine Armbanduhr“, erklärt er. Deshalb haben die Kirchenglocken geholfen, den Tag zu strukturieren.

„Früher sind die Leute auf den Bauernhöfen ja schon um vier oder fünf Uhr morgens aufgestanden und haben mit der Arbeit begonnen. Da haben sie natürlich auch eher Hunger bekommen“, erklärt Seiberl. Deshalb wurde bereits um 11 Uhr geläutet, um den Bauern, Knechten und Mägden anzuzeigen, dass jetzt Mittagszeit ist und sie nach Hause zum Essen kommen sollten. „Aus diesem Grund heißt es in unserer Region auch Mittagsläuten“, ergänzt Böhm.

Böhm und Seiberl erklären das Läuten im Video:

Salvatorglocke ruft zum Essen

Professor Martin Kellhuber kennt aus seiner Heimat sogar kleine Glockentürmchen auf den Bauernhöfen direkt. „Dort haben die Frauen dann ihren Männern auf dem Feld geläutet, wenn das Essen fertig war“, erzählt er. Seiberl kann sich sogar erinnern, dass das 11-Uhr-Läuten für ihn selbst noch relevant war. „Früher bin ich mit meiner Oma manchmal auf dem Feld gewesen. Da haben wir uns teils schon nach den Glocken gerichtet“, erinnert er sich. Für Ernst Böhm und Hans Seiberl ist das 11-Uhr-Läuten in Hemau nicht wegzudenken. „Wenn es mal nicht läutet, sagt man doch gleich: Da stimmt was nicht“, schmunzelt Seiberl. Früher sei das auch notwendig gewesen, da Hemau trotz allem noch ländlich geprägt war, sind sich Böhm und Seiberl einig.

Im Übrigen habe es in Hemau aber noch einen anderen Zeitmesser gegeben. „Das war die Säge im damaligen Sägewerk Maag. Diese hat immer exakt um halb zwölf aufgehört“, weiß Seiberl zu berichten. Auch Altbürgermeister Hans Schuster kennt diese Säge: „Um fünf Uhr nachmittags ging dort immer eine Werkssirene. Da wusste man, dass es Zeit für Feierabend war“, erzählt Schuster. „Das 11-Uhr-Läuten gehört einfach zu unserem Leben“, findet Seiberl. Deshalb solle es auch nicht abgeschafft werden, auch, wenn es durch Armbanduhren und Handys mittlerweile seinen Sinn als Zeitmesser verloren hat. Böhm findet außerdem, dass das 11-Uhr-Läuten ein echtes Kulturgut ist. „Ich finde es schade, wenn Glockengeläut als Lärm bezeichnet wird oder sogar abgeschafft wird“, kritisiert er. Stadtpfarrer Thomas Gleißner sieht ebenfalls keinen Grund, es abzuschaffen. „Für mich sind die Glocken schon so zur Gewohnheit geworden, dass ich sie gar nicht mehr höre – obwohl ich direkt daneben wohne“, lacht er.

Eine ganz besondere Geschichte

Die 11-Uhr-Glocke von St. Johannes, die auch Salvatorglocke genannt wird, hat eine ganz besondere Geschichte. Sie ist bereits 1730 gegossen worden und hängt seitdem im Hemauer Kirchturm. Mit einem Gewicht von 1,1 Tonnen ist sie zudem die zweitgrößte Glocke in Hemau. Größer ist mit 1,5 Tonnen nur noch die Josefsglocke, die zu besonderen Anlässen läutet.

Auch der Zweite Weltkrieg konnte der Salvatorglocke nichts anhaben: Sie wurde als einzige Glocke nicht vom Turm geholt, um eingeschmolzen zu werden. Die anderen vier Glocken, die nun im Hemauer Kirchturm hängen, sind allesamt erst 1948 gegossen worden.

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