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Konsum

Wirbel um Einkauf auf der grünen Wiese

Braucht Wenzenbach ein Nahversorgungszentrum? Das ist umstritten. Der Bund Naturschutz sorgt sich – nicht nur um die Natur.
Von Kathrin Robinson

Hier soll ein Nahversorgungszentrum entstehen: Bürgermeister Sebastian Koch (r.) und Geschäftsleiter Benjamin Leistner beim Ortsbesuch Foto: Strasser
Hier soll ein Nahversorgungszentrum entstehen: Bürgermeister Sebastian Koch (r.) und Geschäftsleiter Benjamin Leistner beim Ortsbesuch Foto: Strasser

Wenzenbach.Wenn Hans Lengdobler von seiner Heimatgemeinde Wenzenbach spricht, dann erzählt er von einer weitgehend intakten Naturlandschaft, in die der Ort eingebettet ist und die zur Erholung einlädt. Und er erzählt von einem Ortskern, in dem – anders als in anderen Gemeinden – das Leben floriert, weil es dort einen Supermarkt und kleine Läden gibt, in denen die Bürger Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen können. In Wenzenbach, so scheint es, funktioniert es noch, das Dorfleben. Doch all dies sieht der Vorsitzende der Ortsgruppe des Bundes Naturschutz nun in Gefahr.

Der Grund: Die Gemeinde plant den Bau einer Westumfahrung, um das Baugebiet Roither Berg besser anzubinden, und überprüft im Zuge dessen derzeit auch die Ansiedlung eines neuen Nahversorgungszentrums entlang dieser Straße.In einer Pressemitteilung, der auch ein Schreiben an die Wenzenbacher Gemeinderäte voranging, kritisiert Lengdobler den „enormen Flächenverbrauch auf der grünen Wiese“, den das Vorhaben mit sich bringe.

Ein schützenswertes Moor

Hans Lengdobler kritisiert die Pläne der Gemeinde. Foto: Privat
Hans Lengdobler kritisiert die Pläne der Gemeinde. Foto: Privat

Zudem befürchtet er eine massive Beeinträchtigung der Wenzenbach-Aue und die Zerstörung eines Feuchtbiotops, das sich auf dem Gebiet befindet. „Es handelt sich dabei um ein besonders schützenswertes Moor“, erklärt Lengdobler im Gespräch mit der MZ. Aus rein wirtschaftlichen Gründen werde hier einmal mehr Lebensraum für Tiere und Pflanzen, der zugleich Naherholungsraum für die Menschen ist, unwiederbringlich geopfert. „Wenn die Straße nicht gebaut würde, gäbe es die Diskussion um ein neues Nahversorgungszentrum überhaupt nicht“, ist er überzeugt. Denn: „Wir haben eine gute Versorgung durch den Edeka-Markt in der Ortsmitte.“

„Wir haben eine lebendige Ortsmitte und setzen das aufs Spiel.“

Hans Lengdobler, Bund Naturschutz

Der Bund Naturschutz befürchtet, dass ein Nahversorgungszentrum am Ortsrand über kurz oder lang auch zur Verödung der Ortsmitte führen wird. „Da muss man nur andere Orte anschauen, wie etwa Regenstauf, wo jetzt mit einem Millionenaufwand versucht wird, die Ortmitte wiederzubeleben. Und wir haben eine lebendige Ortsmitte und setzen das aufs Spiel“, warnt Lengdobler.

Sebastian Koch, Bürgermeister von Wenzenbach, kann die Bedenken durchaus nachvollziehen. „Natürlich sind auch wir in Sorge, dass der Ortskern ausbluten könnte“, sagt er. Deshalb habe man von einem – wie er betont – unabhängigen Markterkundungsbüro eine Analyse darüber durchführen lassen, wie sich ein Nahversorgungszentrum auf Wenzenbach auswirkt. Das Ergebnis: Auch das Gutachten bestätigt der Kommune eine gute Einkaufssituation. Doch weil auch viel Kaufkraft in andere Orte abwandert, sieht es dennoch Potential für ein Nahversorgungszentrum, das einen Discounter, einen großen Vollsortiment-Supermarkt sowie ein Drogeriemarkt umfassen könnte. Der Supermarkt im Ortskern hat demnach – in verkleinerter Form – am ehesten eine Chance, zu bestehen, wenn der Vollsortimenter auch ein Edeka-Markt ist.

Das Risiko, dass der Supermarkt im Ortskern langfristig dennoch nicht überlebt, gebe es natürlich trotzdem, gesteht Sebastian Koch. „Natürlich kenne ich Beispiele in Orten, wo das erst funktioniert, und wo der Markt in der Ortsmitte dann irgendwann doch eingeht.“ Deshalb warte die Gemeinde nun auf ein innovatives, zukunftsfähiges Konzept des Betreibers des bestehenden Edeka-Markts im Ort, Raphael Dirnberger.

Was wollen die Bürger?

Am jetzigen Edeka-Standort fehlt der Platz für einen Ausbau. Foto: Strasser
Am jetzigen Edeka-Standort fehlt der Platz für einen Ausbau. Foto: Strasser

Dieser äußert sich im MZ-Gespräch positiv über die Pläne der Gemeinde. Er könne sich gut vorstellen, einen großen Vollsortimenter im neuen Nahversorgungszentrum und einen verkleinerten „Rumpfmarkt“ im Ort zu betreiben, denn am bestehenden Standort mangele es an Platz. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt er. „Die Kunden wünschen ein größeres Angebot.“

Allerdings: Was die Kunden, respektive die Bürger, wünschen, ist nicht so eindeutig. Betrachtet man die Diskussion zu dem Thema im Netz – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Die Wenzenbacher“ –, dann ergibt sich ein gespaltenes Stimmungsbild. Viele würden es begrüßen, wenn sie künftig Aldi oder dm in nächster Nähe hätten, und finden, dass ein Ort der Größe Wenzenbachs mehr Einkaufsalternativen bieten muss. Doch es gibt auch zahlreiche Stimmen, die negative Folgen für die Ortsmitte und den ländlichen Charakter der Kommune befürchten.

„Ob mit oder ohne Nahversorgungszentrum – die Fläche wird versiegelt.“

Sebastian Koch, Bürgermeister

Im Kern geht es bei der Diskussion in Wenzenbach um Fragen, die viele Gemeinden umtreiben: Welche Einkaufsmöglichkeiten muss ein Ort bieten, damit er zukunftsfähig und weiter attraktiv für seine Bürger bleibt. Und wie verhält sich dies zum Wunsch nach Landleben, Naherholung und einem vitalen Ortszentrum? Auch der Bürgermeister ist unentschlossen: „Um ehrlich zu sein, ringe ich derzeit selbst mit einer Entscheidung zur Nahversorgung.“ Die Bürger möchte er transparent am weiteren Entscheidungsprozess teilhaben lassen. In einer anderen Sache ist er sich jedoch sicher: „Ob mit oder ohne Nahversorgungszentrum – die Fläche wird versiegelt. Dafür werde ich entschieden eintreten.“ Denn das Baugebiet solle langfristig weiter entwickelt werden.

Der Bund Naturschutz plant derweil eine Info-Veranstaltung für Bürger vor Ort. „Die Diskussion im Internet zeigt mir, dass wir mit unserer ablehnenden Haltung zum Flächenverbrauch keineswegs auf verlorenem Posten stehen“, sagt Hans Lengdobler.

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In vielen Gemeinden entstehen Nahversorgungszentren. Damit wollen die Kommunen für ihre Bürger attraktiv bleiben und die Abwanderung von Kaufkraft verhindern. Was halten Sie davon?

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Stand der Dinge

  • Grundsatzbeschluss:

    Anfang Mai votierte der Gemeinderat Wenzenbach mit 13 zu 5 Stimmen dafür, die Möglichkeiten der Ansiedlung eines Nahversorgungszentrums entlang der Westspange zu prüfen.

  • Bedingung:

    Der Gemeinderat will der Ansiedlung eines Vollsortimenters aber nur zustimmen, wenn im Ortskern für die Bürger gleichzeitig langfristig auch die Möglichkeit zur Grundversorgung erhalten bleibt.

  • Alternative

    Der Bürgermeister kann sich andernfalls auch ein abgespecktes Nahversorgungszentrum ohne Vollsortimenter vorstellen – „wenn andere Handelsketten da mitziehen“.

  • Konzept:

    Aktuell arbeitet Raphael Dirnberger, Betreiber des Edeka-Marktes, an einem Konzept, wie die Koexistenz eines großen Marktes am Ortsrand und eines kleinen Frischemarktes im Zentrum gewährleistet werden kann.

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