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Gegensätze

Wörth: Vorne Hölle, hinten Paradies

Wörth bietet himmlische Idylle – und teuflischen Verkehr. Nebenan magische Orte und einen Kultort voller Wünsche zum Staunen.
Von Heinz Klein

Die Einsiedelei – Kultort und ein Häuserl voll guter Wünsche Foto: Klein
Die Einsiedelei – Kultort und ein Häuserl voll guter Wünsche Foto: Klein

Wörth.Es gibt ganz besondere Orte in Wörth, wunderschöne und sehr gegensätzliche. Wörth hat sogar ein eigenes Paradies und da darf man fragen: Wer hat so was schon? Jeder darf rein ins Paradies, Sünden wurden hier noch keine großen gemacht. Der Biber gestaltet es gerade um, schafft in ganzer Talbreite einen paradiesischen Auwaldlebensraum für viele Pflanzen und Tiere. Und sogar die Stille wohnt hier. Auch der Weg ins Paradies ist himmlisch und führt am Rande einer Idylle vorbei – dem Waldbad, vom Perlbach gespeist. Natur pur – fast.

Wörth hat aber auch so etwas wie die Hölle. Nicht die himmlisch schöne Hölle zwischen Brennberg und Postfelden, nein – die Hölle, die die Autobahn im teuflischen Takt der Staus und Unfälle als Blechflut in die Stadt schickt. Mitten durch, da, wo es am engsten ist und Wörth mit seinem anrückenden Schlossberg zu kämpfen hat. Wenn sich die 40-Tonner durch die engen Straßen wälzen, verdunkeln sich hinter manchen Schaufenstern die Räume. Im nahen Wörther Krankenhaus versteht man sich darauf, Bypässe zu legen.

Das idyllische Waldbad, vom Perlbach gespeist. Foto: Klein
Das idyllische Waldbad, vom Perlbach gespeist. Foto: Klein

Für den Verkehr haben das die Planer vergessen. Die Blechflut fließt durch die Aorta, das Herz von Wörth. Wo es ganz eng wird, müssen Brummi-Fahrer zwischen den Hauswänden haargenau manövrieren. Hat deshalb der Friseur sein Geschäft dort „Haargenau“ getauft?

Besuch in der Mutmacherei

Gegen diesen Verkehr könnten Dämme, wie sie Biber bauen, auch nichts ausrichten. Doch nun sollen noch viel höhere Dämme gebaut werden, Giga-Dämme, die als Polder die Hochwasserflut begrenzen, wenn sich die Donau vor den Toren Wörths ausbreiten darf, um die Überflutungsgefahr in Passau zu entschärfen. Die BI gegen die Flutpolder hat ein Holzgerüst mit neun Metern Höhe aufgestellt, das die Ausmaße verdeutlichen soll. Auch das ist ein ganz besonderer Ort: Mahnmal dafür, dass das Land schlucken soll, was der Stadt erspart bleibt. Dabei sind es doch die Städte, die den Flüssen keinen Platz mehr gelassen haben.

Engstelle in Wörth am Friseurgeschäft „Haargenau“ Foto: Klein
Engstelle in Wörth am Friseurgeschäft „Haargenau“ Foto: Klein

Es sind Orte, die mit Problemen kämpfen, gegen die Blechflut und die Wasserflut. Woanders dagegen wird versöhnt. Wer in Wiesent in die Höllbachstraße einbiegt und sich an der Waffenschmiede vorbei auf den Weg Richtung Dietersweg macht, kommt an der Einsiedelei vorbei. Die winzige Holzhütte steht direkt am Ufer der Wiesent. Als „Mutmacherei“ weist ein grünes Schild diesen Ort aus. Um in diese Mutmacherei zu gelangen, braucht man keine Tür zu öffnen, denn es gibt keine. Ein kleiner Tisch, links und rechts eine schmale Bank, sauber mit Schaf-Fellen belegt, es ist eng für Zwei in dieser Einsiedelei. Doch gleich geht einem das Herz auf und dann muss man lesen, schauen, staunen. Die Bretterwände dieses Häuschens sind bis zur Decke hinauf übersät mit Zetteln, Sprüchen, Botschaften, Bitten, Sterbebildern, Rosenkränzen, Trockenblumen. Auch Nostradamus ist hier zuhause.

„Maria + Hans » Fusion = Kernschmelze“

Ein Spruch in der „Mutmacherei“

In inzwischen neun Gästebüchern haben hunderte Besucher Botschaften hinterlassen: lustige und traurige, nachdenkliche und verzweifelte, auch glückliche. „Habe wieder dieselbe Angst – bitte hilf“, steht da. Auch um Liebe geht es. „Maria + Hans » Fusion = Kernschmelze“, schreiben zwei Glückliche. „Glück ist nichts Äußeres, nur ein leises Klingen der Seele“ , weiß ein anderer. „Mit meiner Geburt – wer wollte sich da wieder verwirklichen?“, fragt ein Nachdenklicher. „Lass es die Katzen noch geben, dass ich sie bekommen kann, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, bittet eine Tierfreundin. „Danke für diesen wunderschönen Ort – für Ruhe, Gelassenheit, Friede, Freude, Herzensnähe“, schreibt eine Besucherin der Einsiedelei. Und ein vermutlich junger Gast, der Schulstress und Bildungswahn verdammt, gesteht: „... lieber bin i a Einsiedler ohne Apitur.“

Wunschzettel mit kleinen orthografischen Eigenheiten. Foto: Klein
Wunschzettel mit kleinen orthografischen Eigenheiten. Foto: Klein

Korrekte Orthografie ist wahrlich kein Muss in der Einsiedelei. Es geht um die Inhalte, nicht um die Form. Eine wohl brandneue Botschaft, auf einen kleinen Zettel geschrieben und der Wichtigkeit wegen ganz augenfällig drapiert, besagt: „Alles hatt eine Seele, was du eine Seele giebst.“ Es wird einem warm ums Herz in dieser kleinen Einsiedlei, in der so viele Menschen Ruhe, Zuflucht, Hoffnung oder sogar sich selbst gefunden haben.

„Ein ganz, ganz großer Kraftort“

Zur 1225-Jahr-Feier der Gemeinde Wiesent hatte der Landwirt Franz Prechtner das kleine Häuschen aus Teilen eines alten Stadels gezimmert. Beim Umzug im Jahr 2006 saß als „waschechter Einsiedler“ mit langem Bart der inzwischen verstorbene Dr. Eberhard Klein aus der Höllmühle drin. Danach bekam das Häusl an der Wiesent, gleich da, wo von 1686 bis 1787 eine echte Einsiedelei stand, einen neuen Platz und wurde schnell zum Kultort. Kein Wunder, denn da, „wo des Heisl steht, da ist ein ganz, ganz großer Kraftort“, sagte der Franz Prechtner damals. Er musste es wissen, denn er konnte die Energie von Orten fühlen.

Zum Abschied grüßt Brennberg den hinausfahrenden Autofahrer mit der Anzeige seiner Geschwindigkeit. Foto: Klein
Zum Abschied grüßt Brennberg den hinausfahrenden Autofahrer mit der Anzeige seiner Geschwindigkeit. Foto: Klein

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Orte von besonderer Kraft, Schönheit oder Magie ziehen sich fast wie an einer Perlenschnur die Vorwaldhänge hinauf. Nur ein paar Steinwürfe von der Einsiedelei entfernt ragen an solch einem Ort die Mauerreste der einstigen Burg Heilsberg zwischen Baumwipfeln hervor. Steigt man die Hänge weiter hinauf, finden sich in den Wäldern auffallende Felsen, die in keltischer Zeit als Schalensteine Kultstätten gewesen sein sollen.

So kommt man schließlich nach Brennberg, das auch mystische Orte zu bieten hat. Sowie einen Ort voller Rätsel, die sich auftun, wenn man Brennberg Richtung Fahrndorf verlässt. Am Ortsende befindet sich eine Geschwindigkeitsanzeige, wie es so viele in Ortschaften gibt. Die Displays loben oder maßregeln je nach Tempo Autofahrer, wenn sie in den Ort hineinfahren. Die Anzeige in Brennberg aber teilt dem Autofahrer mit, wie schnell er ist, wenn er den Ort verlässt. Ein erstaunlicher Service, mit dem sich Brennberg von dem Hinausfahrenden verabschiedet und ihn ob der Sinnhaftigkeit dieser Aktion ins Grübeln entlässt.

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