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Justiz

Acht Monate auf Bewährung für den Jäger

Das Gericht verurteilte den Schützen wegen fahrlässiger Körperverletzung. Er hatte einen Jagdkollegen schwer verletzt.
Von Marion von Boeselager, MZ

Statt eines Wildschweins traf ein Jäger aus dem Landkreis einen 58-jährigen Mann und verletzte ihn lebensbedrohlich. Jetzt verurteilte das Amtsgericht den Schützen wegen fahrlässiger Körperverletzung.
Statt eines Wildschweins traf ein Jäger aus dem Landkreis einen 58-jährigen Mann und verletzte ihn lebensbedrohlich. Jetzt verurteilte das Amtsgericht den Schützen wegen fahrlässiger Körperverletzung. Archivfoto: dpa

Regensburg.Zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und einer Geldauflage von 3000 Euro verurteilte das Amtsgericht am Donnerstag einen 43-jährigen Jäger aus dem Landkreis, der im Oktober vergangenen Jahres einen 58-Jährigen angeschossen und schwer verletzt hatte. Richter Peter König kam zu dem Schluss, dass der bisher unbescholtene Täter seine Sorgfaltspflicht vor der Schussabgabe erheblich verletzt hatte und verurteilte ihn wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Am Abend des 10. Oktober war das spätere Opfer, der 58-jährige Jagdpächter des Reviers Eichhofen in der Gemeinde Nittendorf auf dem Weg zu einem Hochsitz, um von dort aus auf Schwarzkittel zu lauern. Allerdings wusste er nicht, dass auf dem Hochsitz bereits der 43-Jährige saß und ebenfalls nach Wildschweinen Ausschau hielt. Als der Jagdpächter gegen 20.30 Uhr das abgeerntete Maisfeld vor dem Sitz überquerte, sah er plötzlich nach eigenen Worten „einen Feuerball“. Im gleichen Moment traf ihn eine Kugel des Kalibers 7x57 R aus dem Drilling des Jägers auf dem Hochsitz in die rechte Brustkorbseite und trat an der rechten Gesäßseite wieder aus.

Opfer wurde 23-mal operiert

Das Geschoss zertrümmerte sein Becken und richtete im Bauchraum schwerste Verletzungen an, die bisher 23 Operationen erforderlich machten. Dem Jagdpächter gelang es, selbst noch per Handy die Rettungskräfte zu verständigen. Mit dem Hubschrauber wurde er ins Uniklinikum verbracht und in ein künstliches Koma versetzt. Sein Überleben stand wochenlang auf Messers Schneide. Am Donnerstag humpelte der Nebenkläger an Krücken in den Gerichtssaal. „Ich bin seit 10. Oktober ein Krüppel, habe erhebliche gesundheitliche Probleme und eine schwere Leidenszeit durchgemacht“, berichtete der 58-jährige Geschädigte im Zeugenstand. Seine Gehbehinderung sei irreparabel.

Der Angeklagte aus dem Landkreis Regensburg ist nach Angaben von Jagdkameraden seit 22 Jahren als „ruhiger und gewissenhafter Jäger“ bekannt. Er beteuerte vor Gericht, dass er sich heute noch nicht erklären könne, wie es zu dem fatalen Fehlschuss im Jagdgebiet Eichhofen kommen und wie er den Jagdkollegen mit einem Keiler verwechseln konnte.

Der Hochsitz sei ihm vom Inhaber eines Begehungsscheins in dem Revier zugewiesen worden, berichtete der 43-Jährige. Schon nach zehn Minuten habe er hinter sich im Wald Wildschweingeräusche gehört. Dann sah er durchs Fernglas von links „zu 100 Prozent ein großes Stück Schwarzwild“ über das vor ihm liegende Maisfeld auf sich zukommen. Er meinte sogar, die Eckzähne des Tieres wahrzunehmen. „Ich weiß nicht, was da in meinem Hirn vorgegangen ist“, sagte er vor Gericht. Als das vermeintliche Tier rund 40 Meter entfernt war, schoss er.

„Herr R. fing sofort zu schreien an. Ich sprang zum Hochsitz und sah, dass es sich um einen Menschen handelte“, berichtete der Angeklagte. Sein Handy hatte keinen Empfang. „Ich sagte ihm, ich müsse Hilfe holen und schob ihm meinen zusammengelegten Mantel unter den Kopf.“ Auch der Schütze forderte kurz danach Hilfe an. Nur dem raschen Eintreffen der Rettungskräfte ist es zu verdanken, dass der Verletzte nicht verblutete.

Späte Entschuldigung vor Gericht

Aus Angst „der meistgehasste Mensch der Familie R. zu sein“ hatte der Angeklagte bisher jeglichen Kontakt mit dem Geschädigten vermieden. Nun wandte er sich, sehr spät, vor Gericht, direkt an ihn: „Ich würde alles dafür geben, wenn ich diese verdammte Kugel zurückholen könnte.“ Bereits unmittelbar nach dem Vorfall hatte er seinen Jagd- und seinen Waffenschein abgegeben.

Jagd und Sicherheit

  • Ziel muss erkannt sein:

    Ein Jäger darf grundsätzlich nur schießen, wenn er das Tier „ansprechen“ kann. Das bedeutet: Der Jäger

  • muss vor dem Schuss genau erkennen, welche Tierart welchen Geschlechts vor ihm steht. Zudem muss immer ein „Kugelfang“ vorhanden sein, also gewachsener Boden, der die Kugel „fängt“. Es darf nie auf eine Kuppe geschossen werden oder parallel zum Boden.

  • 900 Verletzungen:

    Bei der Jagd in Deutschland gibt es jährlich etwa 900 ernsthafte Verletzungen, die gemeldet werden. Dabei handelt es sich vornehmlich um Knochenbrüche und Stauchungen sowie um Verletzungen mit dem Messer (Ausnehmen der Wildtiere). Verletzungen mit Schusswaffen sind selten, allerdings erfasst das Statistische Bundesamt nicht explizit tödliche Unfälle mit Jagdwaffen, sondern nur tödliche Unfälle mit Langwaffen. Bei etwa 6,4 Millionen legalen und geschätzten 20 bis 40 Millionen illegalen Waffen gab es laut dem Bundesamt in Deutschland 2011 insgesamt 13 tödliche Unfälle mit Waffen.

  • Sicherheitsvorschriften:

    Für die Jagd gelten strenge Sicherheitsvorschriften, die in den Unfallverhütungsvorschriften (UVV Jagd) geregelt sind. Dort steht, dass Jagdteilnehmer signalfarbene Kleidung bei Bewegungsjagden tragen sollen, dass die Waffe erst auf dem Hochsitz geladen werden darf, und dass nur geschossen werden darf, wenn das Ziel eindeutig erkennbar ist. Quelle: Deutscher Jagdverband

Nach Angaben von Sachverständigen war das vom Schützen benutzte Zielfernrohr „für die Sichtverhältnisse nicht geeignet.“ Der medizinische Sachverständige schloss aus dem Schusskanal der Kugel auf eine „leicht nach vorne geneigte Haltung“ des Geschädigten. Er schloss jedoch eine stärkere Beugung, die eine Verwechslung mit einem Tier vielleicht begünstigt hätte, aus.

„Wenn die Lichtverhältnisse gut genug gewesen wären, hätte der Schütze sehen müssen, dass es ein Mensch ist. Wenn nicht, hätte er nicht schießen dürfen“, brachte der Nebenklägervertreter den Sachverhalt auf den Punkt. Er forderte elf Monate mit Bewährung, einen Monat mehr als der Staatsanwalt. Verteidiger Helmut Mörtl beantragte für die „visuelle Fehleinschätzung“ seines Mandanten eine Bewährungsstrafe von sieben Monaten. Zugunsten des Angeklagte wertete das Gericht Geständnis und Reue des Angeklagten, zu seinen Lasten aber die schwerwiegenden Folgen für den Forstdirektor aus dem Landkreis Kelheim.

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