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Literatur

Als Dr. Porno den Vornamen wechselte

Benno Hurt sorgte 2002 mit „Der Samt der Robe“ für Aufregung. Der Richter blickte durchs Schlüsselloch der Justiz – und war plötzlich selbst Angeklagter.
Von Felix Jung, MZ

  • Ehemals ein angesehener Offizier des Rechts, jetzt ein renommierter Schriftsteller: Benno Hurt am Brunnen des Regensburger Justizgebäudes. Foto: Lex
  • 2002 im Foyer der Regensburger Justiz: Dr. Heribert Prantl führt in das Werk von Benno Hurt ein. Foto: Archiv/Hurt

Regensburg. Benno Hurt ist ohne Robe gekommen. Der 72-Jährige hat das gute Stück längst an den Nagel gehängt und den Richtersessel mit dem Autorenstuhl getauscht. Doch die Jurisprudenz lässt den ehemaligen Vorsitzenden des Jugendschöffengerichts in Regensburg einfach nicht los. Ein Rechtsgelehrter mit der Berufung zur Literatur ist, gerade wenn es um Innenansichten aus der Justiz geht, ein gefragter Experte in den Medien.

Im Garten eines Bistros unweit des Regensburger Gerichtskomplexes hat Hurt Platz genommen und eines seiner Bücher mitgebracht. Es trägt den Titel „Der Samt der Robe“. Bereits 2002 ist das Werk erschienen. Jetzt, nach elf Jahren, gibt es eine Neuauflage.

Hurt ist seit den 60er Jahren Schriftsteller. Marieluise Fleißer, die Grande Dame des sozialkritischen Volkstheaters, hat ihn dazu ermutigt. Im Laufe der Jahrzehnte hat er sich die Anerkennung bei Kritikern und Lesern verdient. 1999 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Regensburg, 2012 den Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Denis Scheck, neben Marcel Reich-Ranicki wohl einer der bedeutendsten deutschen Literaturkritiker, erklärte schon: „Benno Hurt ist ein großer deutscher Erzähler.“

Diese 39 „Erzählungen aus der Justiz“ hatten damals einigen Staub aufgewirbelt, bezog der schreibende Richter doch die Anregungen zu den Texten aus seinem Arbeitsalltag am Regensburger Jugendgericht. Ein Kollege erwirkte sogar eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung.

Anspielungsreich und durchaus rau

Vor allem eine der Kurzgeschichten sorgte für Unbill, die heute den Titel „Dr.-Porno-Max, eine Legende, die sich bewegt“ trägt. In den nicht einmal fünf Seiten umfassenden Kapiteln ist von Porno und Sex deutlich weniger zu lesen als im Vormittagsprogramm der deutschen Fernsehanstalten zu sehen ist. Auffallend natürlich das Laissez-faire, das der Hauptperson angehängt wird und der Müßiggang in den Fluren des Gerichts. In all den Geschichten rund um die Justiz merkt man, dass es unter den Talaren nicht mehr muffelt, aber menschelt. Die Sätze sind oft kunstvoll anspielungsreich, manchmal auch rau.

Jedenfalls fühlte sich Hurts damaliger Regensburger Richterkollege durch das Buch verunglimpft. Flankiert von einem der besten Advokaten der Republik schritt der vor das Landgericht in Hamburg und erwirkte dort bundesweit den Einzug des Werkes. Eigentlich viel Ehre für Hurt: Ausgerechnet das Hamburger Landgericht, wo sonst Prinzessin Caroline ihre Fehden mit der Regenbogenpresse austrägt, wurde angerufen, um das kleine, 200 Seiten starke Buch zu stoppen.

Mit 30000 Euro durch die Instanzen

Der Plot, um den es in der Klage ging: Im fiktiven „Kolberg“ (Regensburg ist gemeint) wird eine Unterschriftenaktion zur Kür des „Playmate des Jahres“ im „Playboy“ gestartet. Initiator ist ein Richter, „Connaisseur amerikanischer Comics“ und „Abonnent des New Yorkers“. Von Kollegen wird er respektvoll „lebende Legende“ oder eben „Dr. Porno“ genannt.

Weil der Weg durch die Instanzen wohl leicht 30000 Euro hätten kosten können und Hurt vor allem kein Prozesshansel ist, gaben er und der Lichtung-Verlag schnell nach. Viel musste er jedoch nicht umschreiben. Die Parteien einigten sich darauf, eine Figur in „Max“ umzubenennen – in Dr. Porno-Max, Richter am Landgericht. Außerdem verpflichteten sich Hurt und der kleine Verlag in Viechtach, einen Betrag in Höhe von 800 Euro zu zahlen. 400 Euro bekam der Tierschutzverein Regensburg, 400 Euro der klagende Kollege.

Die wichtigste Frage vor der Präsentation im Foyer des Justizpalastes damals: Bin ich drin? So mancher übrigens wollte in „Richter Hans Kurz“ den Autor selbst wiedererkannt haben. Und Dr. Heribert Prantl frohlockte in seiner Einführung: Gerade der Blick durchs Schlüsselloch der Gerichtstüren sei es, der das Buch so spannend mache. Prantl war selbst in den 80er Jahren Staatsanwalt und Richter in Regensburg gewesen und ist heute einer der führenden Kommentatoren in der Medienlandschaft.

Begeistert äußerte sich Prantl, der auch das Vorwort zu „Der Samt der Robe“ schrieb: „Als ich das Buch gelesen habe, habe ich mich das erste Mal seit Jahren wieder gefragt, wo meine alte Robe ist.“ Mit einer präzisen und klaren Sprache widme sich Hurt wunderbar den Details im Juristenalltag. Indes waren die Schlagzeilen von damals teils sensationsgeifernd und hart im Urteil. „Richter Nestbeschmutzer, Dr. Porno und die Deppen der Justiz“, hieß es da etwa in der Boulevard-Presse. „Ich fühle mich missverstanden. Schließlich ist mein Buch kein Gerichtsprotokoll, sondern Literatur“, sagt er damals wie heute. Zwar habe er sich durchaus inspirieren lassen von kleinen Details, die er während Verhandlungen, Besprechungen und Urteilsverkündungen beobachtet habe; sie hätten ihm aber lediglich als Ausgangspunkt gedient. Viele hätten darauf beharrt, Vorbild einer Figur in seinen Büchern gewesen zu sein. Dabei habe er nicht im Traum an diese Person gedacht. sagt Hurt zur MZ.

Kunstfiguren und Satire

Danach war Hurt sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten und ließ bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz seinen Anwalt eine umfangreiche Erklärung verlesen, in der betont wurde, die in dem Buch beschriebenen Personen seien allesamt Kunstfiguren, die mit lebenden Personen nicht identisch seien. Und auch heute vermeidet Hurt sorgsam, den Namen des vergrätzten Richterkollegen zu nennen und verweist nahezu gebetsmühlenartig auf die literarische Form der Satire. Seinen Standpunkt hat sich nicht geändert: „Literatur, die ich meine, kopiert nicht, sondern erfindet.“ Es gelte, die im Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Kunstfreiheit zu schützen.

Dichterkollegen wie der verstorbene Herbert Rosendorfer, ebenfalls Jurist und häufig Anfechtungen ausgesetzt, spendeten damals Trost für den Autor und Häme für den Kläger. Größtes Bedauern drückte Albert von Schirnding darüber aus, dass er nicht Jurist in Regensburg sei, da er sonst das Glück gehabt hätte, in einer von Hurts Erzählungen in den literarischen Unsterblichkeitshimmel einzugehen.

Einige ehemalige Kollegen aus dem Justizpalast sehen die Sache allerdings nicht so locker. Sie fühlen sich erkannt. Mancher geht seit damals grußlos am Richterliteraten vorüber. „Ja, das Dichten und das Richten“, sagt Hurt nachdenklich und blickt auf den Buchdeckel, der zwei Roben zeigt, die am Kleiderständer hängen.

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