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Kultur

Aus Krisen entsteht Kunst

Die Ausstellung „Gratwanderung“ macht in Kallmünz Station. 38 Exponate von 29 Künstlern wurden von einer Jury ausgewählt.
Von Martina Neu

Vera Mojzis und Thomas Plecher vor dem Kunstwerk „In anderen Sphären“ Fotos: Neu
Vera Mojzis und Thomas Plecher vor dem Kunstwerk „In anderen Sphären“ Fotos: Neu

Kallmünz.Eine ganz besondere Ausstellung ist bis zum 30. August im Alten Rathaus zu sehen. „Gratwanderung“ ist ein außergewöhnliches Projekt, das auf die Ausgrenzung psychisch kranker Menschen aufmerksam macht. Aus über 80 Bewerbungen wählte die Jury 38 Exponate und Texte, die nun in einer Wanderausstellung in der gesamten Oberpfalz zu sehen sind.

HOPE: Der Künstler, der unter Pseudonym ausstellt, zeigt „Skill“ Fotos: Neu
HOPE: Der Künstler, der unter Pseudonym ausstellt, zeigt „Skill“ Fotos: Neu

Der Verein „Irren ist menschlich“ hat sich getraut, gemeinsam mit dem Bezirk Oberpfalz und der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) der Diözese Regensburg, das künstlerische Schaffen von Menschen mit seelischen Krisen in die Öffentlichkeit zu tragen. „Entstanden ist die Wanderausstellung aus einem künstlerischen Wettbewerb anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Regensburger Vereins „Irren ist menschlich“, erklärt Klaus Nuißl, Vorstandsmitglied des Vereins.

Den Urlaub unterbrochen

Das Kultureck hat diese Ausstellung nach Kallmünz gebracht. Luisa Friedrich, Sprecherin des Kulturecks, dankte bei ihrem Grußwort besonders Ursula Wohlfeld, die für die Gestaltung der Ausstellung zuständig war und hierfür extra ihren Urlaub unterbrochen hatte. Bezirksrat Thomas Gabler, der die Wünsche von Bezirkstagspräsident Franz Löffler, der Schirmherr der Ausstellung ist, überbrachte, sagte, dass das Projekt „Gratwanderung“ etwas ganz Besonderes sei. Es soll der Blick auf die psychisch erkrankten Menschen gelenkt werden. Die Bezirke haben sich zum Ziel gesetzt, die Bereiche Kunst/Kultur und Inklusion stärker miteinander zu verbinden.

Tone Schmid:„Deepression“ Fotos: Neu
Tone Schmid:„Deepression“ Fotos: Neu

Gabler wusste, dass jeder Dritte einmal in seinem Leben psychisch erkranke, jeden von uns könne es treffen, so Gabler. „Was in dieser Ausstellung an der Qualität der Werke zu sehen ist, traut man psychisch kranken Menschen oft nicht zu“, betonte er. Dabei sei ja bekannt, dass menschliche Krisen und künstlerisches Schaffen in engem Zusammenhang stehen können, wie man bei Vincent van Gogh sehen könne. „Die Ausstellung soll dazu anregen, sich die Frage zu stellen, ob Kunst ohne Krisenerfahrung überhaupt möglich ist“, so Gabler weiter.

Bernhard Hübl, der 2. Bürgermeister von Kallmünz, sagte, es mache Freude, sich auf diese Ausstellung einzulassen. Zum Alten Rathaus, das ja selbst ein Juwel sei, sagte er, dass seit geraumer Zeit nicht nur Trauungen in den ehrwürdigen Mauern stattfinden, sondern dass mit den künstlerischen Veranstaltungen neues Leben in die alten Mauern eingezogen sei. „Diese Events regen einerseits zum Nachdenken an, andererseits kann man aber auch einmal die Seele baumeln lassen und sich dem Kunstgenus hingeben“, erklärte Hübl.

Thomas Plecher:„O banana“  Fotos: Neu
Thomas Plecher:„O banana“ Fotos: Neu

Michael Eibl, Direktor der KJF, sagte, dass hier Bilder von enormer Tiefe und großem Ausdruck zu sehen seien, die den Betrachter zum Nachdenken anregen. Er selbst war in der Jury tätig und es sei wahrlich kein Zuckerschlecken gewesen, aus den gesamten Beiträgen die herauszupicken, die nun gezeigt werden. Klaus Nuißl informierte bei der Eröffnung kurz über den Verein und sagte, dass es wichtig sei, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und Begegnungen zu ermöglichen.

Ein künstlerischer WettbewerbThomas Gabler

Aber wie kam es eigentlich zur „Gratwanderung“? Im den Jahren 2014/2015 entstand über Regensburg inklusiv und dem Projektleiter Thomas Kammerl die Idee, ein Kunstprojekt ins Leben zu rufen, resümierte Nuißl. Gemeinsam mit dem Bezirk Oberpfalz und der KJF wurde ein künstlerischer Wettbewerb entworfen, die „Gratwanderung“ war geboren.

Inge Anna Bergmann: „Eine Maske zerbricht“ Fotos: Neu
Inge Anna Bergmann: „Eine Maske zerbricht“ Fotos: Neu

Der Verein „Irren ist menschlich“ feierte im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen und anlässlich dieses Geburtstages wurde im Oktober die Ausstellung erstmals in Regensburg gezeigt.

Zu sehen sind Zeichnungen, Skulpturen und Objekte, darunter auch mit Preisen ausgezeichnete Werke von Tone Schmid, „Hope“, „Harriett Burden“ (beide Pseudonym) und Johannes Frank. Aus diesem Kreis ging bereits eine Kunsttherapiegruppe hervor.

„Die Ausstellung soll dazu anregen, sich die Frage zu stellen, ob Kunst ohne Krisenerfahrung überhaupt möglich ist.“

Thomas Gabler

Die Vernissage wurde von Saxattack unter der Leitung von Thomas Rappl musikalisch mit Welthits wie Bohemian Rhapsody von Queen oder Sir Duke von Stevie Wonder umrahmt. Ursula Wohlfeld trug außerdem das Gedicht „Zerreißprobe“ von Monika Schüßler vor. Die Ausstellung ist jeden Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Anschließend setzt sie ihren Weg durch die Oberpfalz fort, nächster Ausstellungsort ist ab 3. September Parsberg.

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Die Künstler und ihre Exponate

  • Thomas Plecher:

    Er hat sich für die Banane entschieden. Sein Bild „O banana“ ist eine Eigenkreation, die aus Druckerfarbe entstand. Vor jeder renommierten Kunstgalerie wird eine Banane an die Wand gesprüht. Sogar Andy Warhol hat schon ein „Bananencover“ entworfen.

  • Inge Anna Bergmann:

    Sie ist mit dem Bildern „Eine Maske zerbricht“ und „Der geborstene Mann“ vertreten. Außerdem verfasst sie Gedichte. Als Gründungsmitglied des Vereins „Irren ist menschlich“ hat sie schon manche Höhen und Tiefen erlebt.

  • Tone Schmid

    . Er sicherte sich mit seiner Assemblage „Deepression“ den ersten Preis. Schmid ist in der Szene bekannt und macht gerne bewegliche Objekte, besonders aus Fundstücken. Deepression zeigt, wie schwer die psychische Last oftmals auf die Brust drückt.

  • HOPE:

    Der Künstler, der unter Pseudonym ausstellt, erhielt für seinen Skill den zweiten Preis. Skill ist kein normaler Holzstuhl, sondern wurde mit Acrylfarbe und Verbandsmaterial bearbeitet. Der Skill erzählt in der Ausstellung seine Geschichte.

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