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Theater

Brandner Kasper in der Unterwelt

Im Himmel ist es fad: Joseph Berlinger schickt die Hauptfigur seines neuen Stücks in die Hölle – und das an himmlischem Ort.
Von Florian Sendtner, MZ

Hohengebraching.Zu den bleibenden Verdiensten von Joseph Ratzinger gehört, dass er als Papst das Fegefeuer abgeschafft hat. Bleibend? Nicht ganz: Gegenpapst Joseph Berlinger führt es jetzt wieder ein, noch dazu auf dem Territorium der Gemeinde Pentling. Ja, richtig gelesen: Das Fegefeuer bzw. die Vorhölle, von Traditionalisten und Strenggläubigen schmerzlich vermisst, wird in diesem Sommer im Schloss Hohengebraching fröhliche Urständ feiern. Und der einschränkende Zusatz: aber nur auf dem Theater – der zählt nicht, denn die Religion hat das Theater schon immer als bare Münze genommen.

Die Sache ist die: Der Brandner Kasper schaut ins Paradies. Genauer gesagt: er sitzt mitten drin, und das tut er jetzt seit bald 150 Jahren. Aber auf die Dauer kann einem das schönste Paradies langweilig werden. Am Ende ist die Hölle vielleicht spannender? Das ist, ganz grob umrissen, der Grundgedanke von Joseph Berlinger. Außerdem: Waren nicht alle großen Figuren der abendländischen Literatur mal aus purer Neugier in der Unterwelt? Odysseus zum Beispiel?

Den Stoff gegen den Strich bürsten

Joseph Berlinger hat da keinerlei Skrupel: „Das klingt vielleicht großkotzig, aber was die Odyssee für die Griechen oder das Gilgamesch-Epos für die Babylonier, das ist der Brandner Kasper für die Bayern. Da geht’s um die Frage: Was will uns jemand verwehren?“ Typisch Berlinger. Andere würden sagen: Um Gotteswillen, der Brandner Kasper, 150 Jahre rauf und runter gespielt – was will man denn aus dem noch rausholen? Kann man dieses alte Stück überhaupt noch ernst nehmen? Und: War Franz Xaver Kroetz in der Verfilmung von Joseph Vilsmaier 2008 nicht der würdige Abschluss?

Auf so eine Idee würde Joseph Berlinger nie kommen. Ein Stoff wie der Brandner Kasper, 1871 von Franz von Kobell veröffentlicht, „so eine Urgeschichte“, ist für Berlinger dazu da, bearbeitet, weitergeschrieben, gegen den Strich gebürstet zu werden. Und damit hat der Autor und Regisseur weiß Gott Erfahrung. Um nur ein Stichwort zu nennen: „Dollinger“, das große Theaterspektakel vor 20 Jahren auf dem Haidplatz.

Die Geschichte beginnt im Lindenhain

Im Lindenhain: Projektmanagerin Daniela Bittl-Meinelt, Autor und Regisseur Joseph Berlinger, Schlossherr Hermann Zitzelsberger (stehend) und Schauspielerin und Dramaturgin Eva Sixt (von links)
Im Lindenhain: Projektmanagerin Daniela Bittl-Meinelt, Autor und Regisseur Joseph Berlinger, Schlossherr Hermann Zitzelsberger (stehend) und Schauspielerin und Dramaturgin Eva Sixt (von links) Foto: Kreissl

„Der Brandner Kasper in der Hölle“ – die Uraufführung seines Stücks kann Berlinger an einem Ort inszenieren, der mit dem Haidplatz jederzeit konkurrieren kann, auch wenn er nicht ganz so bekannt ist. Daniela Bittl-Meinelt, die das Theaterprojekt managt, brachte den Regisseur mit dem Schlossherrn von Hohengebraching zusammen, mit Hermann Zitzelsberger. Und der hat zwar keineswegs die Absicht, sein wunderbares Dorfschloss, das er seit bald 15 Jahren hegt und pflegt, „zu einer event location werden zu lassen“, wie er bei der Vorstellung des Projekts betont. Aber es einmal im Jahr „nach außen zu öffnen“ – dafür sei der Zeitpunkt jetzt gekommen, da das Schloss „mittlerweile in einem sehr schönen Zustand“ sei.

Wer könnte da widersprechen. Berlingers „Brandner Kasper“ beginnt im Himmel – das ist in Hohengebraching der alte Lindenhain vor dem Schloss, der von einer Schar von Engeln bevölkert sein wird. Der Weg führt dann in die Vorhölle, einen Saal von großer Schlichtheit und berückender Aura, und schließlich in die Hölle, nämlich ins kalte Kellergewölbe. Den zentralen Spielort innerhalb des Prachtbaus will der Schlossherr bei der Pressekonferenz nicht herzeigen: „Wir kalken den Raum gerade neu.“ Der Saal ist sozusagen unpässlich: „Das ist so, wie wenn Sie im Schlafanzug rumlaufen würden.“ Doch Eva Sixt, die die Gottesmutter Maria spielt und vor allem die Dramaturgie besorgt, verrät schon mal so viel: „Der Raum hat was von einem Escher-Verwirrbild.“ Und Daniela Bittl-Meinelt ergänzt: „Wenn man das erste Mal reingeht, hat man den Eindruck, hier kann das Wasser auch nach oben fließen.“

Egon J. Greipl gibt den Petrus

Der Himmel auf Erden: Autor Joseph Berlinger im Lindenhain, hinter dem die Hohengebrachinger Kirche durchschimmert
Der Himmel auf Erden: Autor Joseph Berlinger im Lindenhain, hinter dem die Hohengebrachinger Kirche durchschimmert Foto: Sendtner

Uraufführung ist am 26. Juni, der „harte Kern“ der Besetzung besteht aus Profis, der von zwei Dutzend Amateuren ergänzt wird. Für den Brandner Kasper konnte Berlinger Burchard Dabinnus gewinnen, der jahrelang unter Dieter Dorn am Residenztheater spielte. Werner Rösch ist der Boandlkramer, Egon Johannes Greipl, pensionierter bayerischer Generalkonservator und vormaliger Regensburger Kulturreferent, spielt den Petrus. Fritz Barth übernimmt eine Doppelrolle als Hans Moser und Heinz Rühmann, die Tänzerin Kilta Rainprechter führt die Heerscharen der Engel an.

Da fehlen nur noch die Posaunen. Die werden bei jeder Aufführung von einem anderen Musiker übernommen. Ein fester Soundtrack wird an jedem Abend von einem anderen Musiker live überspielt: von Bertl Wenzl, Anka Draugelates, Mike Reisinger, Regina Frank, Norbert Vollath, Rainer Hofmann, Sepp Frank und Hans „Yankee“ Meier.

Die Geschichte vom Deal mit dem Tod wird immer wieder neu erzählt. Bei Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ ist es eine Schachpartie, die dem Ritter Aufschub gewährt, bei Janoschs „Zurück nach Uskow“ erzählt der Steinmetz Steiner sein ganzes Leben, um den Tod so lange noch aufzuhalten. Man darf gespannt sein, was Joseph Berlinger nun daraus macht, wenn er den Brandner Kasper in die Hölle schickt.

Brandner Kasper

  • „Der Brandner Kasper in der Hölle“

    Autor und Regisseur ist Joseph Berlinger. Eva Sixt, die die Gottesmutter Maria spielt, besorgt auch die Dramaturgie des Stücks. Sandra Münchow gestaltet die Kostüme. Den Brandner Kasper spielt Burchard Dabinnus, der lange Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel unter Dieter Dorn arbeitete; Werner Rösch ist der Boandlkramer; Egon Johannes Greipl, bis vor kurzem oberster bayerischer Denkmalschützer, der Petrus.

  • Weitere Rollen

    Josef Eder, bekannt als Hausmeister Gustav Pospischil in der TV-Serie „Kaiser von Schexing“, den Erzengel Michael. Fritz Barth ist in einer Doppelrolle als Heinz Rühmann und Hans Moser zu sehen, Ulrich Bärenfänger als Nantwein und die Tänzerin Kilta Rainprechter als Anführerin der Engels-Riege. Es wirken eine Reihe von Amateurschauspielern aus Stadt und Landkreis Regensburg mit.

  • Musikalische Gestaltung

    Bei der musikalischen Gestaltung geht der Regisseur einen ungewöhnlichen Weg: An jedem der Aufführungsabende wird die Geschichte von einem anderen Regensburger Musiker live „vertont“: unter anderem von Rainer Johannes Hofmann, Norbert Vollath, Regina Frank, Hans „Yankee“ Meier, Anka Draugelates, Bertl Wenzl, Sepp Frank, Mike Reisinger. Das heißt: Keine Aufführung wird sein wie die andere.

  • Vorstellungstermine

    Uraufführung ist am 26. Juni, weitere Vorstellungen von „Der Brandner Kasper in der Hölle“ sind am 27. und 28. Juni, am 3., 4. und 5. Juli sowie am 10., 11. und 12. Juli und am 17., 18. und 19. Juli. Zwei Ersatztermine sind angesetzt, für Vorstellungen, die wegen schlechten Wetters eventuell ausfallen müssen: am 18. und 20. Juli. Karten sind ab 28. April im Vorverkauf, Informationen: im Internet unter www.kulturvorort-hohengebraching.de/

Der Brandner Kasper in der Hölle

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