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Prozesse

Der Eremit vom Guggi steht vor Gericht

Wilde Szenen am Guggenberger Weiher: Ein Mann legt sich mit zwei Polizisten an und verletzt sie. Wird er nun eingewiesen?
Von Wolfgang Ziegler

Andreas B. (37) wird von Rechtsanwalt Jörg Meyer verteidigt. Foto: Ziegler
Andreas B. (37) wird von Rechtsanwalt Jörg Meyer verteidigt. Foto: Ziegler

Regensburg.Was sich an einem November-Abend vergangenen Jahres auf dem südöstlichen Parkplatz am Guggenberger Weiher abspielte, hatte das Zeug zu einem Krimi-Trailer: Ein 37-jähriger Mann, der dort seit Wochen in einem BMW kampiert, beleidigt zunächst eine Zivilstreife der Polizei in übelster Weise, setzt sich danach in sein Auto und rammt den Einsatzwagen, flüchtet erst über einen Feldweg, dann über die Ortsverbindungsstraße zwischen Mintraching und Neutraubling und legt plötzlich eine Vollbremsung hin, so dass die ihn verfolgenden Polizisten mit ihrem Streifenwagen in das Heck des BMW krachen.

Seit Freitag muss sich der arbeitslose Mechaniker Andreas B. aus Regensburg deshalb vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Regensburg unter Vorsitz von Richter Georg Kimmerl verantworten. Dabei geht es aber nicht um eine etwaige Haftstrafe, sondern um eine längere Unterbringung im Bezirkskrankenhaus. Der Mann leidet laut Antragsschrift von Staatsanwalt Dr. Alexander Guth an einer paranoiden Schizophrenie und ist möglicherweise gemeingefährlich. Er meinte laut einer Erklärung seines Verteidigers, Rechtsanwalt Jörg Meyer, bei den beiden Polizisten in Zivil habe es sich um Mitglieder der Mafia gehandelt, die ihn beobachtet und ihm nachgestellt hätten.

Überlaute Selbstgespräche

Zum Zeitpunkt seiner Tat lebte Andreas B. schon mehrere Wochen auf dem Parkplatz am Guggi. Seine Großeltern, wo er zusammen mit seiner Mutter untergekommen war, hatten ihn vor die Tür gesetzt, weil er ab September 2018 seine Medikamente abgesetzt, sich seine Krankheit in der Folge verschlimmert und er immer häufiger und immer lauter Selbstgespräche geführt hatte. An dem Baggersee wohnte er in dem BMW 318i seiner Mutter, die ihn auch mit Nahrungsmitteln und Getränken versorgte. Je länger er auf dem Parkplatz übernachtete, desto mehr fühlte er sich von Spaziergängern und Joggern gestört, die er regelmäßig beschimpfte.

Die Krankheit

  • Typus:

    Paranoide Schizophrenie ist die häufigste Form der Schizophrenie (ca. 60 Prozent).

  • Kennzeichen:

    Wesentliche Merkmale der paranoiden Schizophrenie sind Wahnerlebnisse und Halluzinationen. Auch Ich-Störungen sind häufig.

  • Auswirkungen:

    Die wahnhaften Erlebnisse führen oft zu großer Angst und starkem Misstrauen.

An jenem November-Abend war er wieder in Fahrt. Er schrie lauthals herum, weshalb die beiden Zivilfahnder der Polizei zunächst an einen Streit glaubten. Alsbald mussten sie allerdings erkennen, dass es keinen zweiten Beteiligten gab. Ursprünglich waren die Beamten an den Guggi gekommen, um Dealer aufzuspüren, die dort ihren Stoff verkaufen. Jetzt waren sie neugierig geworden und parkten ihren zivilen Audi A6 ganz in der Nähe des BMW, was den Eremiten noch zorniger machte. „Was wollt Ihr?“, „Haut ab!“, „Lasst mich in Ruhe!“, „Verpisst Euch!“ waren noch die harmloseren Tiraden. Andreas B. kannte auch andere Kraftausdrücke und Beschimpfungen.

Schließlich wurde es ihm zu bunt. Er setzte sich ans Steuer des BMW, ließ ihn an, gab Gas, beschleunigte und preschte frontal in den Audi der Polizisten. Durch die Kollision wurden beide Fahrzeuge erheblich beschädigt, der BMW verlor Kühlwasser, begann zu qualmen, war aber noch so weit fahrbereit, dass der 37-Jährige flüchten konnte – die beiden Polizisten, nun mit Kojak-Leuchte auf dem Dach, hinterher.

Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Regensburg mit den Berufsrichtern Markus Herbst, Georg Kimmerl (Vorsitzender) und Wolfgang Schirmbeck Foto: Ziegler
Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Regensburg mit den Berufsrichtern Markus Herbst, Georg Kimmerl (Vorsitzender) und Wolfgang Schirmbeck Foto: Ziegler

Andreas B. raste zunächst in Schlangenlinien in Richtung Neutraubling, bog links in den Feldweg zum Gut Lerchenfeld ein und befuhr dann die Lerchenfelder Straße in Richtung Mintraching. Laut Anklageschrift kamen ihm die Zivilfahnder dort so nahe, dass er bei voller Fahrt unvermittelt auf die Bremse stieg und den Streifenwagen auffahren ließ. Damit war aber auch seine Flucht zu Ende. Die durch die beiden Kollisionen leicht verletzten Polizisten zogen den 37-Jährigen aus seinem beschädigten Wagen und – im wahrsten Sinne des Wortes – aus dem Verkehr.

Seit Jahren erkrankt

Staatsanwalt Dr. Guth wies bereits in seiner Antragsschrift darauf hin, dass Andreas B. spätestens seit 2014, möglicherweise aber schon seit mehr als zehn Jahren, an einer paranoiden Schizophrenie leidet. Er habe Wahnvorstellungen gehabt, seine Steuerungsfähigkeit sei zur Tatzeit nicht ausschließbar aufgehoben gewesen. Gleichzeitig wies der Anklagevertreter darauf hin, dass von dem 37-Jährigen „mit einer Wahrscheinlichkeit höheren Grades“ erhebliche rechtswidrige Taten bis hin zu Tötungsdelikten zu erwarten seien.

Rechtsanwalt Meyer erklärte für seinen Mandanten, dieser sei an jenem Abend so sehr neben sich gewesen, dass er in seiner Wahrnehmung getrübt gewesen sei. Jedenfalls habe er niemanden verletzen wollen – auch nicht mit seiner angeblichen Vollbremsung zwischen Neutraubling und Mintraching. Aufgrund des Qualms, der seinem defekten Kühler entströmte, sei er massiv in seiner Sicht beeinträchtigt gewesen und habe das nachfolgende Auto gar nicht sehen können.

Der Prozess wird am Dienstag, 23. Juli, mit den Plädoyers und dem Urteil fortgesetzt.

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