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Prozesse

Der Fehler der Masken-Gang

Die Räuber von Sinzing flogen auf, weil sich einer nicht an den Plan hielt. Jetzt stehen sie zum zweiten Mal vor Gericht.
Von Wolfgang Ziegler

Die Räuber von Kleinprüfening stehen seit Montag erneut vor Gericht. Unser Foto zeigt sie mit zwei ihrer Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Georg Karl (r.) und Christoph Schima (2. v. l.). Foto: Ziegler
Die Räuber von Kleinprüfening stehen seit Montag erneut vor Gericht. Unser Foto zeigt sie mit zwei ihrer Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Georg Karl (r.) und Christoph Schima (2. v. l.). Foto: Ziegler

Regensburg.Es war eine Szene, wie man sie aus „Aktenzeichen XY... ungelöst“ kennt, die ein Geschäftsmann (41) und seine Frau (40) in ihrem Haus im Sinzinger Ortsteil Kleinprüfening erlebten: An einem September-Abend des Jahres 2016 waren sie gegen 22.30 Uhr gerade vom Essen mit Freunden nach Hause gekommen, rauchten in der Küche bei offenem Fenster noch eine Zigarette, als es an der Haustüre klingelte. Es begann ein Alptraum, der das Ehepaar noch heute nicht ruhen lässt.

Der arglose Hausherr hatte noch nicht richtig geöffnet, als ihn ein Faustschlag am linken Auge traf und er ins Haus zurückgedrängt wurde. Vor ihm standen zwei mit Pistolen bewaffnete und mit Unterziehhauben vermummte Männer, die zudem Masken der Anonymous-Bewegung trugen. Seine anfängliche Gegenwehr gab er schnell auf, als ihm einer der Täter seine Waffe an die rechte Schläfe hielt und er mit einem Schlag auf den Kopf niedergestreckt wurde. Bäuchlings auf dem Boden liegend wurden ihm die Hände auf den Rücken gedreht und mit silberfarbenem Panzertape gefesselt.

Einer kam durchs Fenster

Seine Ehefrau, die durch den Lärm im Flur aufgeschreckt worden war, konnte ihrem Mann in dieser Situation nicht helfen, da zeitgleich ein dritter, ebenfalls bewaffneter und maskierter Täter durch das geöffnete Fenster in die Küche eingestiegen war und die 40-Jährige sofort mit seiner Waffe bedrohte. Auch sie musste sich auf den Boden legen, wurde gefesselt, mit vorgehaltener Pistole mehrfach aufgefordert, den Ort des Tresors preiszugeben und ins Büro geschleppt.

Das Fluchtfahrzeug mit dem vierten Täter wartete beim Feuwehrhaus von Kleinprüfening. Foto: Weidner
Das Fluchtfahrzeug mit dem vierten Täter wartete beim Feuwehrhaus von Kleinprüfening. Foto: Weidner

Für sie sollte es aber noch schlimmer kommen: Denn nachdem der Jüngste des Trios, ein heute 27-jähriger Arbeiter, ihre Bewachung übernommen hatte, dauerte es nicht lange, bis es zu unsittlichen Berührungen kam. Erst gab ihr der Mann nur einen Klaps auf das Gesäß. Danach kniete er sich aber neben die völlig verängstigte Frau, schob ihr die Beine auseinander, streichelte sie und berührte sie über ihrer dünnen Stoffhose mehrfach im Genitalbereich. Schließlich wurde er deutlich: „Ich könnte Dich jetzt vergewaltigen“, sagte er ihr. „Und das würde Dir sogar gefallen.“

Dass es nicht so weit kam, war zum einen der Gegenwehr der Frau zu verdanken, als er versuchte, sie auf den Rücken zu drehen. Zum anderen hatte der 27-Jährige aber just in diesem Moment den Tresor in einem Sideboard erspäht. Er rief seine Komplizen, die nun auch den Hausherrn in das Büro verfrachteten, wo ihn der jüngste Täter unvermittelt mit einem Fußtritt gegen die Rippen empfing und damit niederstreckte. Die 40-jährige Ehefrau verriet schließlich den Code für den Safe – die Räuber erbeuteten Euro-Noten, Devisen und Goldmünzen im Wert von weit mehr als 30 000 Euro.

Das sagt Paragraph 239a

  • Straftatbestand:

    Erpresserischer Menschenraub ist gegeben, wenn ein Täter sich eines Menschen bemächtigt, um die Sorge des Opfers um sein Wohl oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung auszunutzen, oder wer die von ihm durch eine solche Handlung geschaffene Lage zu einer solchen Erpressung ausnutzt.

  • Strafmaß:

    Erpresserischer Menschenraub wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr. Verursacht der Täter durch die Tat wenigstens leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren.

Wieder war es der jüngste Täter, der sich danach hervortat. Während sich zwei der Räuber verabredungsgemäß zum Fluchtfahrzeug begaben, wo der vierte Gangster und Ideengeber für den Überfall wartete, nahm er den Mercedes des Geschäftsmannes an sich, fuhr zunächst davon und stieß schließlich am Feuerwehrhaus von Kleinprüfening auf seine Komplizen. In unmittelbarer Nähe ließ er den Wagen auch zurück – und brachte die Polizei damit recht schnell auf die Spur des Quartetts. Der 27-Jährige hatte übersehen, dass der Wagen mit einer automatischen Dashcam ausgestattet war, die ihn unbemerkt gefilmt hatte. Ohne die Aufzeichnung wären die für ihren Coup aus Niederbayern angereisten Räuber wohl unerkannt entkommen.

BGH kassierte das Erst-Urteil

Von der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Regensburg waren die Täter wegen des brutalen Überfalls im Januar 2018 zu Haftstrafen zwischen sechs Jahren, neun Monaten und acht Jahren verurteilt worden. Im März dieses Jahres hatte der Bundesgerichtshof dieses Urteil in der Revision aber kassiert, an eine andere Kammer des Landgerichts Regensburg zurückverwiesen und angeregt, dass auch der Straftatbestand des erpresserischen Menschenraubs geprüft werden sollte. Außerdem sahen die Bundesrichter eine mögliche eingeschränkte Schuldfähigkeit bei einem der Angeklagten und bei einem zweiten einen Strafzumessungsfehler als gegeben an. Deshalb verhandelt nun seit Montag die 1. Strafkammer den Fall neu.

Wie im Erst-Verfahren räumten die Angeklagten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft ein. Somit werden nur Teile der ersten Hauptverhandlung neu aufgerollt. Die Aussagen der Opfer, die Plädoyers und das Urteil sind für den 15. Oktober geplant.

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