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Theater

Der Haderlump irrt durch den Hades

Joseph Berlinger schickt den Brandner Kasper in Hohengebraching in die Hölle: ein göttliches, teuflisches Happening.
Von Florian Sendtner, MZ

Eine Szene aus dem „Brandner Kasper“ in Hohengebraching: eine Gaudi und gleichzeitig eine hochartifizielle Performance. Foto: Tino Lex

Hohengebraching. Der Brandner Kasper ist ein Regensburger. Folglich ist das Paradies, in dem der Brandner Kasper seit 144 Jahren sitzt, nichts anderes als ein imaginärer, elysischer Kneitinger-Biergarten: ein endloser Hain von alten Linden, in den schräg die leuchtend warme Abendsonne fällt, dazwischen Schaukeln, auf denen anmutige blonde Engel sitzen, die es hier anscheinend in Hülle und Fülle gibt: Die gleichen Rauschgoldengel, ganz in Weiß (und alles andere als geschlechtsneutral, sondern unübersehbar weiblich), tragen unermüdlich frischgefüllte Maßkrüge herbei.

Joseph Berlingers „Brandner Kasper“, am Freitagabend im Hohengebrachinger Schloss (und im Lindenhain davor) uraufgeführt und gleich auch noch am Samstag gezeigt, beginnt da, wo Franz von Kobells dürrer Urtext von 1871 genauso wie dessen süffige Ausmalung durch Kurt Wilhelm 100 Jahre später endet: im Paradies. Doch ach, was ist das für ein Paradies! Da ist ja alles verboten, was das Männerherz begehrt! Kaum langt ein Männerarm reflexartig um die Hüfte von einer dieser Engelsbedienungen, ertönt sofort der Engelschor: „Derf ma net!“ Die Wächterinnen der Korrektheit sind sofort zur Stelle, wenn ein Mannsbild an einen Baum hinbieselt, und erst recht bei so verbotenen Ausdrücken wie „Kreizdeifi“ oder „Kruzitürken!“ Immer nur: „Derf ma net!“

Im Himmel es richtig fad

Ein rätselhaftes Damenbein ragt aus der Kutsche des Boandlkramers. Foto: Tino Lex

Nein, es ist nimmer schön im Himmel. Dem Brandner Kasper (ein wunderbarer Kraftbursch und Hallodri: Burchard Dabinnus) ist richtig fad. Auch seine andauernden Verstöße gegen das himmlische Korrektheitsreglement helfen ihm nichts: Fünf Mal hat ihn der heilige Portner schon rausgeschmissen (endlich darf Bayerns ehemaliger Generalkonservator Egon Johannes Greipl mal in einem Generalsmantel aufmarschieren!) und fünf Mal ist er von der heiligen Gottesmutter (eine ziemlich handfeste Madonna im Strahlenkranz: Eva Sixt) wieder begnadigt worden. Schließlich bescheißt der Brandner Kasper den Boandlkramer (ein krächzend kerschgeistlechzendes Elend: Werner Rösch) ein zweites Mal, jubelt ihm wieder den Grasober unter, aber diesmal in anderer Absicht: Er will in die Hölle.

Nach einer halbstündigen Pause, in der man sich mit Bier und Bratwürstel stärken kann, geht es ins Hohengebrachinger Schloss hinein, in eine veritable Höllenfahrt auf vier verschiedenen Ebenen. Es beginnt mit einem Kabinettstück von Gottes Gnaden in einem gotischen Gewölbe: Der Erzengel Michael mutiert zum Seelenwäger, wird Ankläger und Richter in einer Person. Ihm gegenüber am anderen Ende einer langen Tafel: die arme Seele, der Delinquent an sich. Er heißt Heinz Rühmann und plappert feuerzangenbowlenforsch drauflos, um sein irdisches Dasein vielleicht doch noch irgendwie zu rechtfertigen. Das ist angesichts seiner unleugbaren Verfehlungen – der himmlische Staatsanwalt hält ihm unter anderem vor, 1940 bei einem Geburtstagsfilm für Goebbels Regie geführt zu haben – nicht ganz einfach. Rühmann war eine tragende Säule im teuflischen Tempel des Propagandaministers und will es nicht gewesen sein.

Doch irgendwann muss sogar Heinz Rühmann Luft holen. Er setzt sich auf sein Rollwagerl – und ist auf der Stelle Hans Moser. Der hat wiederum gegenüber dem Jüngsten Gericht genau die gleichen Probleme (auch Hans Moser kroch vor Goebbels zu Kreuze, auch er spielte mit bis zum bitteren Ende) und versucht genauso, sich herauszuwinden.

Ein irremachendes Wortgefecht

Werner Rösch als Boandlkramer, in Joseph Berlingers „Brandner Kasper“ Foto: Tino Lex

Fritz Barth wechselt in Sekundenbruchteilen von Rühmann zu Moser, von Moser zu Rühmann – eine leibhaftige Allegorie für die Austauschbarkeit des willfährigen Opportunisten –, während Josef Eder als strenger Erzengel Michael dem einen wie dem andern erbarmungslos zusetzt. Man haut sich Bibelstellen um die Ohren, dass es nur so staubt. Ein einziges peinliches Verhör vor der himmlischen Inquisition, die sowieso alles weiß, ein schwindelerregendes, irremachendes Wortgefecht. Und vor dem Gerichtssaal steht, den Eintritt erst einmal verwehrend, die gehörnte Türwächterin (Sabine Hrach), wie es (bei Kafka) geschrieben steht.

Ganz unten, in den Verließen der Finsternis, tanzt eine einsame Verworfene (Kilta Rainprechter) den Tanz der Verzweiflung und der Vergeblichkeit, nebenan ragt eine regelrechte Klagemauer in die Höhe, aufgetürmt aus Verdammten. Und über all dem (durch die eigensinnige Architektur des Schlosses gibt es Durchblicke) schaut man in einem wahrlich apokalyptischen Saal, getragen von vier mindestens acht Meter hohen Arkaden, das höllische Finale. Auf den ersten Blick denkt man an die 120 Tage von Sodom. Die zuckersüßen Bedienungen haben sich in sadistische Foltermägde verwandelt (exzellente Kostüme: Katharina Dobner), der Gottesmutter ist ein Widdergeweih gewachsen, und alles dreht sich unter wimmernd-jaulenden Cellotönen (Sepp Frank) im Kreis der ewigen Wiederkehr. Beim Eintritt hier lasst alle Hoffnung fahren.

Eine Gaudi – aber hochartifiziell

Szene aus dem „Brandner Kasper“, mit Werner Schubert: Die Inszenierung in Hohengebraching steckt voller magischer Bilder. Foto: Tino Lex

Joseph Berlinger lässt es richtig krachen – und dabei rutscht er nie ab. „Der Brandner Kasper in der Hölle“ ist – getreu der Vorlage – eine richtige Gaudi. Und gleichzeitig eine sehr ernste, hochartifizielle Performance. Ein Spektakel von Orffscher Opulenz und ein kafkaeskes Naturtheater von Oklahoma. Berlinger schafft es locker, den Regensburger Kneitinger und die Münchner Kammerspiele unter einen Hut zu bringen. Ein göttliches, ein teuflisches Happening, das man gesehen haben muss.

Der Brandner Kasper

  • Das Stück:

    Autor und Regisseur ist Joseph Berlinger. Eva Sixt, die die Gottesmutter Maria spielt, hat die Dramaturgie des Stücks besorgt. Katharina Dobner hat die Kostüme gestaltet.

  • Die Darsteller:

    Den Brandner Kasper spielt Burchard Dabinnus, Werner Röschn ist der Boandlkramer, Egon J. Greipl spielt Petrus, Josef Eder den Erzengel Michael, Ulrich Bärenfänger den Nantwein und die Tänzerin Kilta Rainprechter ist Anführerin der Engel.

  • Die Musik:

    Bei jeder Aufführung vertont der anderer Regensburger Musiker die die Geschichte live: unter anderem Norbert Vollath, Regina Frank, Hans „Yankee“ Meier, Anka Draugelates, Bertl Wenzl, Sepp Frank, Mike Reisinger.

  • Die Vorstellungen:

    Termine sind am 3., 4. und 5. Juli sowie 10., 11. und 12. Juli und 17., 18. und 19. Juli. Zwei Ersatztermine sind angesetzt, für Vorstellungen, die wegen Regens ausfallen müssen: am 18. und 20. Juli. Karten: www.kulturvorort-hohengebraching.de/

Der Brandner Kasper in der Unterwelt
Der Brandner Kasper in der Unterwelt

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