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Der rätselhafte Tod von Maria Baumer

Die Oberpfälzerin war fast eineinhalb Jahre verschwunden. Dann fand man sie tot in einem Wald. Einzelheiten konnten bis heute nicht geklärt werden.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Es gibt keinen Todestag auf dem Sterbebild von Maria Baumer. Bis heute ist nicht geklärt, wann, wie und wo sie starb.Foto: Archiv

Bernhardswald.Es ist wie mit einem Puzzle, bei dem Teile verloren gegangen sind. Wenn man es zusammensetzt, wird kein Bild daraus. Der rätselhafte Tod der 26-jährigen Maria Baumer ist so ein Puzzle. In den Ermittlungen zu dem Verbrechen, das die Menschen in diesem Jahr weit über die Oberpfalz hinaus erschüttert hat, gibt es entscheidende Lücken. Nichts passt zusammen. Und nichts macht Sinn. Wie, wo und warum – keine Antworten auf Fragen. Der Verlobte. Zu Unrecht verdächtigt? Nur eines ist klar: Maria Baumer ist tot. Und irgendjemand trägt die Schuld daran.

Es passte einfach nicht zu ihr

Im September dieses Jahres lösten Pilzsammler den Vermisstenfall. Die monatelang verfolgte Spur zum Jakobsweg hatte sich als falsch erwiesen. Maria Baumer aus Muschenried war nicht auf einem religiösen Ego-Trip, wie ihr manche unterstellten, sie lag in einem präparierten Grab in einem Waldstück bei Bernhardswald (Lkr. Regensburg). Seit Pfingstsamstag 2012 war die 26-Jährige verschwunden. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Es passte einfach nicht zu ihr. Die engagierte Katholikin hatte gerade ihr Studium beendet und einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Eine Woche vor ihrem Verschwinden ließ sie sich zur Landesvorsitzenden der Katholischen Landjugendbewegung in Bayern wählen. Auch privat lief es allem Anschein nach gut. Sie war verlobt, wollte im 8. September 2012 ihren Lebensgefährten, mit dem sie seit vier Jahren zusammen war, heiraten. Von außen betrachtet hatte sie ihr Leben im Griff. Es gab keinen Grund, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Die Eltern, die Geschwister waren überzeugt, dass Maria so einen radikalen Bruch mit der Familie nicht vollziehen würde. Warum auch?

In der Regel tauchen die meisten vermissten Menschen nach kurzer Zeit von selbst wieder auf. Doch Maria Baumer meldete sich nicht mehr. Den letzten Kontakt hatte sie mit ihrem Verlobten. Zwei Telefonate soll sie am Pfingstsamstag mit ihm geführt haben. Sie sei in einem verwirrten Zustand gewesen, sprach von einer Fahrt nach Nürnberg, dann von Hamburg, sagte der 28-Jährige später. Als die Polizei dies Monate danach überprüfen will, können die Daten nicht mehr rekonstruiert werden. Auch andere wichtige Informationen fehlen bis heute. Am Tag vor ihrem Verschwinden war Maria mit ihrem Verlobten auf dem Reiterhof von dessen Bruder. Es war das letzte Mal, dass sie von mehreren Zeugen gesehen wurde. Bei der Toten wurden keine Kleidungsreste gefunden, die Hinweise darauf hätten geben können, ob es dieselbe Kleidung war, die sie auf dem Reiterhof trug. Fuhr sie von Bernhardswald aus noch mit ihrem Auto, einem Ford, zurück nach Regensburg? Die Angaben des Verlobten dazu sind nicht überprüfbar. Das Auto wurde nach MZ-Informationen nie auf Spuren untersucht. Der Schlüsselbund fehlt bis heute.

Mysteriöser Brief am Laptop

Nach MZ-Informationen wurden auf dem Laptop von Maria Baumer am Morgen des Pfingstsamstags noch zwei Briefe geschrieben. Sie wurden angeblich später gelöscht. Der Wortlaut eines der Briefe: „Ich liebe dich, es tut mir leid. Denk daran, was wir uns versprochen haben.“ In der Nachttischschublade fand der Verlobte später den Ring von Maria sowie ihr Handy. Also doch eine Art freiwilliger Abschied am Samstagmorgen gegen 10 Uhr, so wie es der Verlobte in seinen Zeugenaussagen stets gesagt hatte? Oder wollte hier jemand genau diesen Eindruck vermitteln?

Im Umfeld des Krankenpflegers hegt man den Verdacht, dass ein unbekannter Dritter dem 28-Jährigen das Verbrechen in die Schuhe schieben will. Derjenige könnte die Spur ganz bewusst in diese Richtung lenken und dafür auch entsprechende Vorkehrungen treffen. Was die Ermittlungsbehörden von solchen Mutmaßungen halten, das lässt sich nicht erfahren. Der Fall ist so brisant, dass die Medien so gut wie keine Auskünfte mehr dazu erhalten. Weder zu dem Spaten mit zehn DNA-Spuren und einem Haar, der in der Nähe des Leichenfundortes lag, zu den Löschkalkanhaftungen an der Leiche oder den Ergebnissen der rechtsmedizinischen Untersuchungen. Staatsanwalt Markus Pfaller teilte Mitte Dezember auf MZ-Nachfrage lediglich mit, dass die Ermittlungen weiter in alle Richtungen laufen. Ob und wann mit neuen Erkenntnissen zu rechnen ist, sagte er nicht.

Polizei unter enormem Druck

Die Polizei steht im Fall Maria Baumer unter enormem Druck. Schnell musste ein Tatverdächtiger präsentiert werden. Schließlich hatte der Fall nach der Ausstrahlung in der Sendung „Aktenzeichen xy“ bundesweit Interesse erregt. Vier Tage nach dem Fund der Leiche saß der Verlobte in Untersuchungshaft. Die Ermittlungsbehörden sehen ein Motiv. Sie halten einen Streit zwischen dem Paar für wahrscheinlich. Ihre Theorie: Der 28-Jährige wollte sein Studium der Medizin abbrechen. Dies habe zu einer tödlichen Auseinandersetzung geführt. Dem widersprach der Verlobte stets. Er habe diese Entscheidung erst Monate nach dem Verschwinden von Maria getroffen.

„Die beiden haben sich geliebt und wollten heiraten“, hielt Anwalt Michael Haizmann stets dagegen. Weniger als acht Wochen brauchte der Verteidiger, um den 28-Jährigen aus der Untersuchungshaft zu holen. Er zerpflückte die 2000 Seiten dicken Ermittlungsakten. „Der Nachweis eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes ist nicht zu führen“, stellte er fest und bezog sich dabei auf die gänzlich unklaren Todesumstände. Das Landgericht Regensburg sah dies am 6. November bei der Beurteilung der zweiten Haftbeschwerde genauso und erklärte, dass es keinen hinreichenden Tatverdacht mehr gegen den 28-Jährigen gebe.

Medien urteilten vor einem Gericht

Der Verlobte hat sich seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft an einen unbekannten Ort zurückgezogen. Seine Familie und sein Anwalt bitten darum, ihn zur Ruhe kommen zu lassen. Aufgrund seines Auftritts bei „Aktenzeichen xy“ war er massiv angegriffen worden. Ein „perfides Spiel“ warf man ihm vor, sprach von einem „TV-Heuchel-Auftritt“ und einer gespaltenen Persönlichkeit. Auch die Medien urteilten noch vor einem Gericht.

Ob es im Fall Maria Baumer noch irgendwann zu einem Prozess kommen wird, das ist völlig offen. Anwalt Haizmann rechnet – zumindest was seinen Mandanten betrifft – nicht mehr damit. „Ich bin zuversichtlich, dass die Ermittlungen irgendwann ohne Ergebnis eingestellt werden.“ Und Maria Baumers Familie? Wie es heißt, hätten sich die Eltern und Geschwister immer wieder positiv über den Verlobten geäußert. Auch sie glauben nicht, dass er die 26-Jährige getötet hat. Vielleicht müssen sie mit der Ungewissheit leben lernen. Manche Puzzles bleiben für immer unlösbar.

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