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Die unsichtbare Gefahr

Spargel aus Niederbayern, Gemüse und Milch aus der Oberpfalz – drei Bauern und ihre ganz persönlichen Erinnerungen an 1986.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Die fruchtbaren Schwemmlandböden in Regensburg Winzer brachten auch 1986 eine gute Ernte. Das Gemüse musste jedoch wieder in die Erde geackert werden. Foto: Moosburger/altrofoto.de
Die fruchtbaren Schwemmlandböden in Regensburg Winzer brachten auch 1986 eine gute Ernte. Das Gemüse musste jedoch wieder in die Erde geackert werden. Foto: Moosburger/altrofoto.de

Regensburg.Vollmilch Domspitz 11 Becquerel, Schaffleisch aus Mötzing 48 Becquerel, Milka Nussschokolade 59 Becquerel. Heute wissen Verbraucher mit solchen Angaben, wie sie die Mittelbayerische Zeitung in den Jahren 1986 und 1987 abdruckte, kaum noch etwas anzufangen. Doch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war der Becquerelwert, der die radioaktive Belastung von Lebensmitteln anzeigt, weit wichtiger als Ernährungsampeln und Kalorienangaben. Was konnte man noch unbesorgt essen, wovon sollte man lieber die Finger lassen? Die Bevölkerung war in großer Sorge – auch deshalb, weil der Katastrophenplan des bayerischen Umweltministerium eine einzige Katastrophe war.

Die politischen Spitzen in München begegneten im Sommer 1986 der Angst der Menschen vor einer Verstrahlung bajuwarisch pragmatisch. „Es gibt sowieso kein ewiges Leben“, sagte Ministeriumssprecher Günter Graß auf die Frage von Journalisten, ob der Verzehr von verstrahlten Lebensmitteln das Krebsrisiko erhöhen könnte. Umweltminister Alfred Dick ging sogar soweit, dass er vor laufender Kamera mit Cäsium 137 belastete Molke aß, um zu zeigen, wie ungefährlich diese sei. Er kommentiert dies mit den Worten „Des tut mir nix!“ Der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Wolfgang Gröbl, und sein bayerischer Amtskollege Max Fischer aus Roding luden zum sogenannten „Tschernobyl-Essen“ ein. Es wurde hochbelastetes Wild aus den Kreuther Bergen serviert. Allerdings erfuhren die Gäste erst nach dem Verzehr, dass das Fleisch mit 1200 bis 1300 Becquerel verstrahlt war.

Die Bauern entlang des Alpenrandes traf es besonders hart

Landwirt Hans Mayer hat auf einer Verbandstagung vom Reaktorunfall erfahren. Foto: MZ-Archiv
Landwirt Hans Mayer hat auf einer Verbandstagung vom Reaktorunfall erfahren. Foto: MZ-Archiv

Hans Mayer, Landwirt und Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes aus Schirndorf bei Kallmünz (Lkr. Regensburg) hörte bei einer Verbandstagung in Herrsching von dem Reaktorunfall. „In dem Raum herrschte damals eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Respekt und Angst. Angst vor allem davor, dass die Verbraucher die landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht mehr kaufen könnten.“ Mayer selbst hatte großes Glück, dass seine Äcker vom radioaktiv verseuchten Regen, dem sogenannten Fallout, verschont blieben. „700 Meter vor Kallmünz hörte der Regen auf, als wir die Proben unseres Wiesengrases einschickten, wurde festgestellt, dass sie fast nicht belastet waren.“ So ein Glück hatten nicht alle Landwirte. „Besonders schlimm traf es die Bauern entlang des Alpenrandes“, erinnert sich Mayer.

30 Jahre nach dem Super-GAU bei Tschernobyl ist die Gegend um das ehemalige Atomkraftwerk nach wie vor radioaktiv verseucht. Fotos aus dem Sperrgebiet sehen Sie in unserer Bildergalerie:

30 Jahre Tschernobyl

Der Wiesenschnitt wurde in den Silos eingelagert und später doch an die Kühe verfüttert. Und so gab es im Winter 1986/87 prompt wieder einen Anstieg der Messwerte bei Milch. Daraufhin gab man das Futter den Bullen, weil sich die Radio-Nukleide im Fleisch nicht so gut einlagern können. Inzwischen ist das Cäsium im Ackerboden circa 30 Zentimeter tief in den Boden gewandert. Nachweisbar ist es bis heute, sagt Landwirt Mayer. „In den Staubfiltern der Schlepper kann man nach der Bearbeitung der Äcker bis heute erhöhte Konzentrationen nachweisen.“ Mayer sagt, dass ihm durch die Katastrophe von Tschernobyl klargeworden sei, „mit welcher gefährlichen Energie wir uns umgeben haben“.

Sieben Tage nach dem Super-Gau kam die erste Warnung

Josef Köstlmeier durfte 1986 sein Gemüse nicht verkaufen. Foto: altrofoto.de
Josef Köstlmeier durfte 1986 sein Gemüse nicht verkaufen. Foto: altrofoto.de

Gemüsebauer Josef Köstlmeier aus Regensburg-Winzer musste im Mai 1986 sein Gemüse in die Erde ackern. Salat, Spinat, Rettich – nichts durfte in den Verkauf gelangen. „Es war ein enormer Verlust, den wir damals erlitten haben“, erinnert sich Köstlmeier, der in dritter Generation Gemüseanbau betreibt. Nur ein Teil sei später aus Entschädigungsfonds erstattet worden. Wie Köstlmeier erging es auch den vielen Kleingärtnern in der Oberpfalz. Sieben Tage nach dem Super-Gau, am 2. Mai 1986, warnte die Bundesregierung erstmals vor dem Genuss von Frischmilch und Blattgemüse, später auch vor anderen Gemüsearten, und riet, frisches Obst und Gemüse gründlich zu waschen.

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„Man konnte die Gefahr nicht sehen, das war das große Problem“

Josef Köstlmeier, Gemüsebauer

Nicht jeder Hobbygärtner war allerdings bereit, seine mühsam gezogenen Pflänzchen dem Erdboden gleichzumachen. „Man konnte die Gefahr nicht sehen, das war das große Problem“, sagt Gemüsebauer Köstlmeier. Auch in seiner Familie habe man nach der Reaktorkatastrophe nicht jede Warnung ernst genommen. „Wir haben unser Gemüse trotzdem noch gegessen. Krankgeworden sind wir davon nicht.“

Spargel verkaufte sich besonders gut

Der Spargel von Agnes Waltl hatte sich 1986 besonders gut verkauft, weil es sonst kaum Gemüse gab. Foto: MZ-Archiv
Der Spargel von Agnes Waltl hatte sich 1986 besonders gut verkauft, weil es sonst kaum Gemüse gab. Foto: MZ-Archiv

Im Spargelanbaugebiet rund um Abensberg herrschte zunächst große Verunsicherung, was mit dem gerade sprießenden Frühlingsgemüse zu tun ist. „Es gab ja keine Grenzwerte, niemand wusste so genau, was man noch ohne Bedenken essen kann und was nicht“, sagt Agnes Waltl vom Spargelhof Waltl. Auch rund um Abensberg hatte es radioaktiven Fallout gegeben, aber nicht in dem Ausmaß wie im 40 Kilometer entfernten Regensburg. Zudem wächst der Spargel unter der Erde heran, was die Experten aus dem bayerischen Gesundheitsministerium damals als Schutz vor einer Kontaminierung bewerteten und Entwarnung gaben, zumal Spargel vor der Zubereitung geschält und danach gekocht wird. „Also haben wir gestochen“, sagt Agnes Waltl. Der Spargel habe sich in dem Jahr besonders gut verkauft, erinnert sie sich, „sicherlich auch, weil ja anderes Gemüse nicht mehr gegessen werden sollte.“

Lesen Sie mehr zum Thema „30 Jahre Atomkatastrophe von Tschernobyl“ hier in unserem MZ-Spezial!

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