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Geschichte

Ein letzter Rest Mittelalter

Die Ruine im Garten des Vermessungsamts ist vielen Hemauern als „Hexenturm“ bekannt. Doch das ist ein Irrtum.
Von David Santl

Die Ruine beim Vermessungsamt gilt als Hexenturm – doch das stimmt nicht. Foto: Santl
Die Ruine beim Vermessungsamt gilt als Hexenturm – doch das stimmt nicht. Foto: Santl

Hemau.Der „Hexenturm“ – viele Hemauer können auch heute noch etwas mit diesem Begriff anfangen. „Ist das nicht diese Ruine im Garten des Vermessungsamts?“, lautet die Frage dann oft. Tatsächlich findet man dort neben einem kleinen noch erhaltenen Stück der Stadtmauer die Reste eines Turms. Aber handelt es sich hierbei um den Hexenturm? Ortsheimatpfleger Dr. Thomas Feuerer hat hierauf eine klare Antwort: „Die Bezeichnung Hexenturm ist für diese Ruine beim Vermessungsamt definitiv falsch“, erklärt er.

Zwölf Türme um Hemau

Bei ihr handle es sich um die Überreste eines ehemaligen Wachturms. „Hemau war ja früher von einer Stadtmauer umgeben, die zwölf sogenannte Schalentürme hatte“, erzählt Feuerer. Die Mauer und die Türme dürften zwischen 1300 und 1350 entstanden sein. Viel ist davon aber nicht mehr übrig. Nachdem sie im österreichischen Erbfolgekrieg von 1741 bis 1748 stark beschädigt wurden, begann ihr langsamer Verfall. Ab dem Jahr 1808 wurde die Mauer mit allen Toren und Türmen schließlich abgebrochen. Nur im Garten des Vermessungsamts findet man noch ein Stück der Stadtmauer – direkt neben dem „falschen“ Hexenturm.

Kreisheimatpfleger Dr. Thomas Feuerer kennt sich in der Stadtgeschichte bestens aus. Foto: Santl
Kreisheimatpfleger Dr. Thomas Feuerer kennt sich in der Stadtgeschichte bestens aus. Foto: Santl

Aber es gab auch einen richtigen Hexenturm – mit einer sehr interessanten Geschichte. „Der eigentliche Hexenturm war gut 40 Meter hoch und stand in der Nähe der Stadtpfarrkirche“, so Feuerer. Und tatsächlich: Auf vielen alten Stadtansichten sieht man schräg hinter dem Zwiebelturm von St. Johannes einen markanten Turm mit einer Spitze.

Feuerer ist sich sicher, dass das Kellergewölbe des heutigen Pfarrhofs das Fundament des Hexenturms war. Früher war dieser Turm der Bergfried der Hemauer Burg, die später durch das „Neue Schloss“, den Sitz des heutigen Vermessungsamts, ersetzt wurde. Von 1200 an prägte er gut 600 Jahre das Hemauer Stadtbild.

Hier wurden „Hexen“ gefoltert

Offiziell hieß er eigentlich Hofturm, doch im Volksmund wurde aus ihm schnell der Hexenturm – und das nicht ohne Grund. Ein gewisser Pater Roman Degl schrieb 1805 in einer Handschrift: „In den oberen Etagen befanden sich gar manche Werkzeuge zur peinlichen Folter, namentlich Räder, Geigen und Leitern mit spitzigen eisernen Sprossen.“ Gemeint sind damit Foltermethoden zur Zeit der Hexenverfolgungen. Sowohl die Folterwerkzeuge als auch die Mauern des Turmes seien laut Degl sogar mit Blut bespritzt gewesen.

„Es gab diese Ruine und den Namen Hexenturm. Das hat sich dann vermischt.“

Dr. Thomas Feuerer, Ortsheimatpfleger

In der ersten Etage war das Gefängnis untergebracht. Auch hierfür findet Degl drastische Worte: „Dort waren mehrere starke, von Holz gezimmerte und mit Eisenbändern beschlagene Käfige angebracht, die zur Einkerkerung der Verurteilten dienten und ungefähr wie Schweineställe aussahen.“ Ganz oben auf dem Turm war früher das Wachlokal. „Dort haben dann auch die Türmer drin gewohnt“, berichtet Feuerer.

Ihre Aufgabe war es, Gefahren zu erkennen und rechtzeitig Alarm zu schlagen. Dafür brauchten sie natürlich eine besondere musikalische Ausbildung: „Die Musikgeschichte von Hemau hängt eng mit dem Hexenturm zusammen“, so Feuerer. Die Türmer seien früher Musiklehrer gewesen. „Man kann auch sagen, dass der Hexenturm die erste Hemauer Musikschule war“, schmunzelt er.

Eine Ruine mit Charme

Später musste die Türmerwohnung in den Turm verlegt werden und das Gefängnis in die Schmiedgasse – der Hexenturm war nämlich baufällig. Im Jahr 1797 wurde er zur Hälfte abgebrochen, 1810 verschwand er dann völlig aus der Hemauer Stadtsilhouette. Doch sein Name hält sich bis heute. „Obwohl der Hexenturm schon seit 200 Jahren nicht mehr steht, können viele Leute mit dem Begriff noch etwas anfangen“, freut sich Feuerer. Dass fälschlicherweise auch die Ruine beim Vermessungsamt so bezeichnet wird, erklärt er sich so: „Es gab diese Ruine und den Namen Hexenturm. Irgendwann hat sich das in den Köpfen der Leute vermischt.“ Am Ende wurde für die Turmruine sogar die Flurbezeichnung „Hexenturm“ eingetragen. Doch selbst wenn sie nicht der berüchtigte Hexenturm ist, einen gewissen Charme hat die Ruine doch: „Dort fanden auch schon schöne kulturelle Veranstaltungen statt“, erinnert sich Feuerer. Wer weiß: Vielleicht kann an diesem besonderen Ort auch in Zukunft die alte Stadtgeschichte wieder lebendig werden.

MZ-Extra: Alte und neue Ansichten

Foto: Archiv Feuerer
Foto: Archiv Feuerer

Auf dieser Zeichnung von 1772 hat der Hexenturm, links neben der Stadtpfarrkirche, das Stadtbild noch deutlich geprägt.

Foto: Archiv Feuerer
Foto: Archiv Feuerer

Auf dem Bild aus dem Jahr 1800 steht noch die Hälfte des Hexenturms, zehn Jahre darauf wurde er komplett abgerissen.

Foto: Santl
Foto: Santl

Der Hexenturm war Bergfried der Hemauer Burg. Diese wurde durch das Neue Schloss (heute Vermessungsamt) ersetzt.

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