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Ausstellung

Fake News aus dem Mittelalter

Ein kleines Büchlein mit haarsträubenden „Nachrichten“ sorgt für Aufsehen bei den Besuchern im Kloster Frauenzell.
von Resi Beiderbeck

Mehrere Jahrhunderte alte, wertvolle Buch-Raritäten werden im Kloster Frauenzell gezeigt. Foto: Beiderbeck
Mehrere Jahrhunderte alte, wertvolle Buch-Raritäten werden im Kloster Frauenzell gezeigt. Foto: Beiderbeck

Frauenzell.Am Sonntag ist die Ausstellung „Sehenswert: Drucke aus der Zeit von 1474 bis heute“ noch einmal geöffnet. Es ist dies die letzte Gelegenheit, 500 Jahre alte, dicke, zwölf Kilo schwere Wälzer zu begutachten. Man kann aber auch ein nur sieben Zentimeter breites Büchlein mit haarsträubendem Inhalt kennen lernen.

Hat Donald Trump Fake News erfunden? Nein. Schon im Mittelalter wurden ungeniert abenteuerliche Thesen verbreitet. Hinter vorgehaltener Hand weitererzählt und im Jahr 1566 schwarz auf weiß gedruckt wurde unfassbarer Blödsinn in dem Buch „De secretis mulierum“, zu deutsch „Über die Geheimnisse der Frauen“. Bei den Besuchern der Frauenzeller Ausstellung stößt das mit nur sieben mal zehn Zentimetern kleinste Buch auf großes Interesse. Entsetztes Kopfschütteln und ungläubige Verwunderung sind die Reaktionen der Gäste auf diesen medizinischen Traktat zu Fragen der Gynäkologie wie Empfängnis, Embryologie und Geburtshilfe.

Lange auf dem Index

Das in Frauenzell gezeigte Exemplar ist eine nur in drei deutschen Bibliotheken (Schwerin, Frankfurt und Passau) nachgewiesene Rarität und stand lange auf dem kirchlichen Index. „Der lateinische Text wurde 1992 von der Harvard-Professorin Helen Rodnite-Lamay übersetzt“, erklärt Hans Rudolph, der über die ausgestellten Exponate viel zu erzählen weiß. Die Schrift richtete sich primär an Mitglieder des Klerus und Mönche, denen auf diese Weise die „Tatsachen des Lebens“ und die menschliche Fortpflanzung nahegebracht werden sollten.

Auf alten Landkarten ist der Ortsname für das heutige Frauenzell noch als „Unserer Frauen Zell“ (1568) bzw. „Marienzell“ (1630) angegeben.  Foto: Beiderbeck
Auf alten Landkarten ist der Ortsname für das heutige Frauenzell noch als „Unserer Frauen Zell“ (1568) bzw. „Marienzell“ (1630) angegeben. Foto: Beiderbeck

Aufgrund seines Mini-Formats konnte das Buch diskret gelesen werden und passte unauffällig in jedes Mönchshabit. Der Text hatte einen verheerenden Effekt: Er wurde als Beleg dafür benutzt, dass Frauen bösartige, lüsterne Kreaturen seien und legte den Grundstock für die Verfolgung der Frauen im Mittelalter.

Inhalte des Buches muten befremdlich an. Die Frau als wesentlicher Bestandteil der Fortpflanzungskette wird als ein „kaltes und feuchtes Wesen“ beschrieben, dessen Ziel es ist, die Lebensdauer des Mannes zu verkürzen, indem es die Wärme aus seinem Körper und seiner Seele saugt. „Der Koitus ist vorteilhaft für die Frau, weil sie durch ihn ihre überflüssige Kälte verliert und Wärme erhält und dies ihre frigide Natur temperiert“, steht da. Und weiter: „Deshalb verkürzen Frauen, die häufigen Geschlechtsverkehr haben, ihr Leben nicht, wie dies bei Männern der Fall ist.“ Der Samenerguss mache, dass der Körper des Mannes zunehmend trockener werde, da das Sperma die Kraft zur Befeuchtung und Erwärmung besitze, heißt es da. „Wenn der Körper ausgetrocknet und die Feuchtigkeit entzogen wird, werden seine Kräfte geschwächt. Dies ist der Grund, warum Männer, die häufigen Geschlechtsverkehr haben, nicht lange leben.“ Weiter wird behauptet: „Es geschieht oft, dass eine Frau empfängt, wenn sie sich im Badewasser befindet, in welches ein Mann ejakuliert hat, weil die Vulva das Sperma stark anzieht und das Sperma dann gerade sehr stark ist und sich nicht verflüchtigt hat, kann es einen Fötus produzieren.“ Und es wird sogar noch angefügt: „Dies ist durch Erfahrung belegt.“

Noch mehr Behauptungen werden aufgestellt: „Wenn eine Katze auf Salbei ejakuliert hat und ein Mann von diesem Salbei isst, entstehen Katzen in seinem Bauch, die durch Erbrechen beseitigt werden müssen.“ Brrr – man kann sich nur schütteln bei so viel Dummheit. Kein Wunder, dass Besucher häufig mit Erleichterung und Dankbarkeit darüber reagieren, in einer aufgeklärten Zeit leben zu dürfen und den schrecklichen Irrtümern des Mittelalters entronnen zu sein.

Hintergrundwissen ist gefragt

Im Rahmen der Reihe „Kultur.Erbe“ des Landkreises wird im ehemaligen Bibliothekssaal des Klosters Frauenzell seit Anfang August eine Vielzahl von illustrierten Büchern und Grafiken gezeigt. Rund 500 Gäste ließen sich bisher von den „Klosterfreunden“ Wissenswertes über die Exponate erzählen. „Es sind die Geschichten hinter den Büchern, von denen sich unsere Besucher faszinieren lassen“, hat Olga Brandl festgestellt. Interesse erfährt die Ausstellung von Auswärtigen und Einheimischen. „Das ist bemerkenswert“, lobt Alois Herrlein Auswahl und Aufbau der Ausstellung. Dem 93-jährigen Brennberger gefällt auch die Kombination mit aktueller Kunst, darunter Fotodrucke von Josef Roßmaier. Interessant finden viele Besucher auch die alten Ortsansichten von Altenthann, Brennberg, Frauenzell, Donaustauf und Wörth. Insbesondere die frühen Landkarten, auf denen der Ortsname für das heutige Frauenzell noch als „Unserer Frauen Zell“ (1568) bzw. „Marienzell“ (1630) angegeben ist, werden gerne eingehend betrachtet.

Entwicklung der Drucktechniken

  • Vortrag:

    Über die kunsthistorische und bildnerische Entwicklung der Drucktechniken (Holzschnitt, Buchdruck, Kupferstich, Radierung) spricht Brennbergs Ortsheimatpfleger Robert Böck am Sonntag, 9. September, um 16 Uhr im ehemaligen Bibliothekssaal des Klosters Frauenzell. Der Eintritt zur Ausstellung und zum Vortrag ist frei.

  • Inhalt:

    Böck beleuchtet in seinem Vortrag die historische Entwicklung und Bedeutung dieser Druckverfahren, den engen Zusammenhang zwischen der Technik und den daraus resultierenden bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten, sowie das Spannungsfeld zwischen Reproduktion und eigenständigem künstlerischen Ausdruck. (lbi)

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