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Schutzgebiet

Gesucht: die Europäer unter den Vögeln

In Wäldern der Kreise Kelheim, Regensburg und Neumarkt werden Vogelarten kartiert, die für die EU besonders bedeutsam sind.
Von Martina Hutzler

Der Uhu gehört zu den Arten, die im Vogelschutzgebiet entlang von Altmühl, Donau, Laber und Naab kartiert werden. Allein in der Weltenburger Enge leben mehrere Brutpaare.
Der Uhu gehört zu den Arten, die im Vogelschutzgebiet entlang von Altmühl, Donau, Laber und Naab kartiert werden. Allein in der Weltenburger Enge leben mehrere Brutpaare. Foto: dpa

Kelheim.Was piept und flattert im Wald? Das gilt es heuer und vor allem nächstes Jahr zu erforschen, und zwar für die Hangwälder und Felsen entlang der Altmühl, Naab, Laber und Donau. Die sind schon seit elf Jahren als vielteiliges EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen; jetzt soll auch ein „Management-Plan“ erstellt werden, wie es die zugrunde liegende EU-Richtlinie vorschreibt. Zuständig dafür sind die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten (AELF) der Landkreise Kelheim, Regensburg und Neumarkt. Sie stellen das Projekt bei einer Auftaktveranstaltung am 11. November in Painten allen Grundstücksbesitzern, Verbandsvertretern und sonstigen Interessierten vor. Für die MZ erklären die zuständigen Forst-Fachleute vorab, worum es geht.

Hans-Jürgen Hirschfelder (re.), Jens Ossig und Annette Scholz werden auch am 11. November das Projektgebiet vorstellen.
Hans-Jürgen Hirschfelder (re.), Jens Ossig und Annette Scholz werden auch am 11. November das Projektgebiet vorstellen. Foto: Hutzler

Nämlich konkret um rund 4800 Hektar Grund, die, grob gesagt, in einem Dreieck zwischen Berching und Eitlbrunn im Norden sowie Weltenburg im Süden liegen. Größtenteils sind die Flächen bewaldet; aber auch einige Felsen und freie Flächen finden sich in diesem „SPA-Gebiet 7037-471“. Unter dieser Bezeichnung hat der Freistaat Bayern die „Felsen und Hangwälder im Altmühl-, Naab-, Laber- und Donautal“ im Jahr 2004 an die EU gemeldet, als Bestandteil des europaweiten Biotopverbunds „Natura 2000“.

„Natura 2000“ soll vor allem diejenigen natürlichen und naturnahen Lebensräume sowie Tier- und Pflanzenarten bewahren und fördern, die für Europa typisch sind und für die die EU daher besondere Verantwortung hat. Wie das konkret geht, legt für jedes Gebiet in Bayern ein Managementplan fest. Dafür freilich muss man wissen, was im Gebiet überhaupt kreucht und fleucht – deshalb startet jetzt die Kartierung entlang der vier Flüsse.

Infoveranstaltung am 11. November

Zuvor sollen Grundstücksbesitzer, Verbände wie Waldbesitzervereinigungen oder Naturschutzorganisationen und überhaupt die Öffentlichkeit über das Projekt informiert werden, so der Wille vom Forst- und vom Umweltministerium Bayerns, begründet Annette Scholz, Gebietsbetreuerin für „Natura 2000“ am AELF Regensburg, die Infoveranstaltung. Eine persönliche Einladung an alle Grundeigner – mehrere Tausend – sei bei dieser Gebietsgröße nicht mehr möglich. Vor allem im Kreis Regensburg sind viele Flächen in Privatbesitz. Die relevanten Verbände wurden aber schriftlich nach Painten-Maierhofen eingeladen.

Das Schutzgebiet erstreckt sich über drei Landkreise und verteilt sich auf mehrere Einzel-Areale.
Das Schutzgebiet erstreckt sich über drei Landkreise und verteilt sich auf mehrere Einzel-Areale. Bild: MZ-Infografik

Verantwortlich für Kartierung und Planung sind in Wald-Gebieten die örtlichen AELF und die Natura 2000-Kartierteams. Leiter des niederbayerischen Teams ist der Kelheimer Hans-Jürgen Hirschfelder. Anders als in FFH-Gebieten kartieren und beplanen er und seine Kollegen die Vogelschutzgebiete nicht selbst: Hier werden externe Planungsbüros beauftragt. Wenn in etwa zwei Jahren alle Arbeiten im Feld und am Schreibtisch abgeschlossen sind, wird es eine zweite öffentliche Veranstaltung geben, zur Präsentation der Ergebnisse; diese werden dann an einem „Runden Tisch“ mit Betroffenen, Behörden, Verbänden und sonstigen Interessierten diskutiert und in den Managementplan eingearbeitet.

Bis dahin müssen die Kartierer nicht jeder Kohlmeise und Co. hinterherlauschen, die in den 4800 Hektar herumfliegt. Die EU hat für das Kartieren eine Liste von Vogelarten festgelegt, erklärt Hirschfelder: „Das sind zum einen solche Arten, die in Europa ihren Verbreitungsschwerpunkt haben und für die wir deshalb besonders verantwortlich sind: in Deutschland zum Beispiel Wespenbussard und Rotmilan. Zum anderen sind ,Zeiger-Arten’ genannt.“ Dazu zählen zum Beispiel die Spechte, Baumeister des Waldes. Finden sie Bäume, in die sie ihre Höhlen hacken dürfen, ist es dort auch für Nachmieter lebenswert: Meisen, Hohltauben, Käuze und viele sonstige Höhlenbrüter und -bewohner besiedeln verlassene Spechthöhlen.

Das Schutzgebiet im Überblick

  • Zweierlei Regelwerke

    Bekannter als die EU-Vogelschutzgebiete sind ihre „großen Brüder“, die Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (FFH). Die gleichnamigen EU-Richtlinien stammen aus den Jahren 1992 bzw. 1979. Den bürokratischen Aufwand, beide Regelwerke und die zugehörigen Schutzgebiete zu vereinen, sparte sich die EU. Mit der Folge allerdings, dass sich vielerorts jetzt Gebiete der zwei Kategorien überlappen, aber trotzdem zwei Mal kartiert und bearbeitet werden müssen, bedauert Hans-Jürgen Hirschfelder. Denn die FFH-Richtlinie nennt andere Zeiger- und Leitarten als die Vogelschutz-Richtlinie. An manchen Stellen könne es sogar sein, dass sich Vorschläge für Maßnahmen widersprechen; dann müssen die Natura 2000-Teams den goldenen Mittelweg finden.

  • Die Kartierung

    Im Vogelschutzgebiet „Felsen und Hangwälder im Altmühl-, Naab-, Laber- und Donautal“ werden insgesamt 17 Vogelarten kartiert: Schwarzstorch, Wander- und Baumfalk, Uhu, Raufuß- und Sperlingskauz, Rotmilan, Wespenbussard, Mittel-, Schwarz- und Grauspecht, Hohltaube, Eisvogel, Neuntöter, Dorngrasmücke, Halsbandschnäpper und Flussregenpfeifer. Die Kartierung erfolgt nach bayernweit einheitlichen Regeln. Ziel ist es, den Bestand der 17 Arten zu erfassen sowie ihren „Erhaltungszustand“ im Gebiet. Daraus sind bei Bedarf Hilfsmaßnahmen abzuleiten.

  • Infoabend

    Die öffentliche Auftakt-Veranstaltung zur Schutzgebiets-Kartierung findet am Mittwoch, 11. November, um 19.30 Uhr im Gasthaus Eichenseher in Painten-Maierhofen statt.

Bei manchem Waldbesitzer dürfte das die Sorge wecken, dass ihm nun, wenn solche Vogel-Biotope in seinem Wald offiziell kartiert werden, zur „Strafe“ neue Bewirtschaftungseinschränkungen drohen. Das verneint Hans-Jürgen Hirschfelder. Für Privatleute haben die Maßnahmen im Managementplan nur Vorschlags-Charakter; die Umsetzung ist freiwillig. Dafür gibt es zum Beispiel das „Vertragsnaturschutz-Programm Wald“, das vor allem für Natura 2000-Gebiete gedacht ist, ergänzt Jens Ossig, Natura 2000-Betreuer am AELF Abensberg. Aus dem Programm können Waldbesitzer zum Beispiel eine Prämie erhalten, wenn sie „Biotop-Bäume“ stehen lassen, etwa solche mit Spechthöhlen.

„Vorschläge für Privatleute“

Ansonsten gilt für private Eigentümer im Schutzgebiet lediglich ein Verschlechterungsverbot, erklärt Hirschfelder: Das verbietet zum Beispiel die komplette Rodung eines Waldes, nicht aber die normale Holzernte. Für diese gelten in jedem Wald, ob geschützt oder nicht, die Vorgaben des Naturschutzgesetzes, ergänzt er: etwa, dass Bäume mit Höhlen nicht während der Brutzeit gefällt werden dürfen. Weitergehende Einschränkungen seien allenfalls denkbar, wenn Raritäten wie der Schwarzstorch in einem Wald leben: Dann könnte zum Beispiel während der Brut eine Schutzzone rund um den Horst festgelegt werden.

Rechtsverbindlich für Behörden

Rechtsverbindlich wird der Managementplan hingegen für staatliche Behörden. Das könnte zum Beispiel von Bedeutung werden, wo felsenbrütende Vögel von Kletterern gestört zu werden drohen. In der Praxis allerdings sind diese Konflikte schon weitgehend gelöst, erklärt Jens Ossig, der Natura 2000-Betreuer am AELF Abensberg: Der Landkreis Kelheim hat für die Felsen an Donau und Altmühl seit vielen Jahren ein Kletterkonzept, der Kreis Regensburg erarbeitet gerade eines. Und die hier brütenden Vögel wie Uhu und Wanderfalke stehen seit vielen Jahren unter Beobachtung von Naturschutzverbänden, die sich für den Schutz der Brutreviere einsetzen.

Gerade im Kelheimer Bereich ist ein Großteil der Wälder an Donau und Altmühl überdies auch noch nach nationalen Bestimmungen geschützt, als Naturschutzgebiet, teils auch Naturwald-Reservat. Überdies handelt es sich hier großteils um Staatswald, wo die Maßgabe der „vorbildlichen Bewirtschaftung“ auch in Sachen Naturschutz gilt – egal ob die EU mit im Spiel ist oder nicht.

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