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MZ-Serie

Kampfstoffe in der Oberpfalz vergraben

WOCHE-Serie: Die Überbleibsel aus den Weltkriegen lagerten in Schierling und Grafenwöhr. Die Bevölkerung wusste davon nichts.

  • Das Innenministerium wusste selbst nicht, welche Gefahr noch von den Lagerstätten ausging.Foto: dpa
  • Im November 1979 berichtet die WOCHE über die versteckten Kampfmittel.

Regensburg.Das zu lesen, was Kollegen in anderen Zeitschriften veröffentlichen, gehört zum täglichen Brot eines Journalisten. Und manchmal entsteht aus dem Bericht eines überregionalen Magazins ja sogar eine Titelgeschichte für das eigene regionale Blatt. Wichtig dabei: Nicht nur abschreiben, sondern auch selbst nachrecherchieren.

Wehrexperte warnte vor Gefahren

Auslöser der Geschichte über das Giftgas, das im Oberpfälzer Boden vergraben war, war eine Geschichte im Magazin „Stern“. Dort veröffentlichte ein bekannter Wehrexperte eine Karte mit Lagerstätten des hochgiftigen Gelbkreuzgases, die vor dem 2. Weltkrieg von der Wehrmacht eingerichtet wurden. Zu den genannten Orten gehörten auch Grafenwöhr in der nördlichen Oberpfalz und Schierling im Landkreis Regensburg.

Ob das Gas, das im 1. Weltkrieg Hunderttausende von Opfern forderte, später vernichtet wurde, konnte niemand genau sagen. Die Bewohner der genannten Orte lebten möglicherweise auf einer Zeitbombe, ohne über die Gefahren aufgeklärt zu sein. 42 Tonnen des chemischen Kampfmittels „Clark“, ein Reizstoff den die Amerikaner entwickelten, sollen laut dem Wehrexperten in einem Stollen versteckt worden sein. Weitere hundert Kanister mit dem tödlichen Gelbkreuzgas sollen nur zwei Meter unter der Erde gelagert werden – nach den Recherchen der WOCHE im Raum Grafenwöhr. Das Brisante an den Informationen: Die nächste Siedlung lag in unmittelbarer Nähe.

Behörden wiegelten ab.

Auf Nachfragen der WOCHE reagierten die Behörden wie erwartet. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wiegelte das bayerische Innenministerium ab: Keinesfalls sei bewiesen, dass an jenen Stellen noch Kampfgase lagern. Das halbherzige Dementi überzeugte die recherchierenden Journalisten aber keineswegs. „Nach dem Krieg wurden zwar einige Lager mit Giftkampfgasen geräumt, ob aber der tödliche Kampfstoff auch in den genannten Depots bei Schierling und Grafenwöhr beseitigt worden ist, darüber gibt es von offiziellen Stellen nur peinliches Schweigen“, schreiben sie in ihrem Artikel und stellen die Frage: „Haben Behörden und Politiker geschlafen?“

Drei Wochen später freute sich der bayerische Innenminister Gerold Tandler in der Fragestunde vor dem Landtag, dass sich Schierling im Landkreis Regensburg nicht als Fundgrube für Giftgas erwiesen habe. Doch der Minister war schlecht informiert. Bereits einen Tag vorher hatte das Landesräumkommando in Schierling drei Glasbehälter mit einer „merkwürdigen“ braunen Flüssigkeit gefunden. Die Untersuchungen ergaben, dass es sich um „S-Lost“ handelte, einem der gefährlichsten Giftkampfstoffe, die je entwickelt worden waren. Die Ampullen lagen nur 20 Zentimeter tief im Waldboden verscharrt. Das Landratsamt leitete sofort umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen ein. Die WOCHE hatte Recht gehabt. Doch niemand konnte sich darüber freuen.

Weitere Teile unserer Serie über die Schlagzeilen aus der WOCHE lesen Sie hier:

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