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Hobby

Kleinetzenberg ruft die Welt

Seit 30 Jahren besteht die BMW-Amateurfunkergruppe. Ihr Jubiläum feiern sie unter einer neuen Kurzwellen-Antenne.
Von Peter Pavlas

In einer Jagdhütte frönen die Amateurfunker von BMW ihrem Hobby. Fotos: Peter Pavlas
In einer Jagdhütte frönen die Amateurfunker von BMW ihrem Hobby. Fotos: Peter Pavlas

Laaber.„Was issn des?“, wundern sich vorbeiwandernde Kinder angesichts einer riesigen Wäschespinne, die neben einer alten Jagdhütte hoch über dem Labertal bei Kleinetzenberg steht. „Das ist ein transportabler Faltbeam, also eine Antenne für mehrere Kurzwellenfrequenzbereiche samt Rotor“, klärt sie Franz Pirkl auf. Er ist der Organisator des „Field Days“ der Amateurfunkergruppe des BMW-Werks Regensburg. Aber Antennen kennen die Kleinen nicht mehr, dabei hat jedes Handy eine, unsichtbar verbaut. Zum 17. Mal treffen sich die Funker zwischen Kornfeld und Obstgarten in der „Sperberhütte“. 37 Mitglieder zählt der Club, der heuer sein 30-jähriges Bestehen feiert. Beim Field Day packen Funker ihre Station zusammen und frönen ihrem Hobby in der freien Natur, aber auch auf Leuchttürmen, Berggipfeln oder Burgen. Puristen erzeugen dabei sogar ihren eigenen Strom.

Wenn Funk Leben rettet

Unter Jagdtrophäen und alten Fotos steht eine Apparatur, die ihnen erlaubt, mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Mit einem vergleichsweise einfachen Sender, einer Lastwagen-Batterie und zehn Metern Draht klappt das auch aus dem Herzen von Afrika.

Was ist das Besondere am Amateurfunk? In einer Welt, die durch Smartphones, Internet und soziale Netzwerke gekennzeichnet ist, steht Amateurfunken für Unabhängigkeit, verständliche Technik und weitestreichende, zuverlässige Kommunikation. Zentrale Handy-Server würden bei Stromausfall nach rund zwei Stunden den Geist aufgeben und so im Katastrophenfall schnell nutzlos sein. Nicht so die Geräte der Amateurfunker. Die funktionieren auch ohne Zwischenstationen. In den USA etwa sind Funker die verlässlichsten Übermittler von Nachrichten, wenn fast „nichts mehr geht“. Dies habe man auch während einer Schneekatastrophe in Norddeutschland erlebt, erklärt Professor Dr. Hellmuth Cuno, emeritierter Dozent für Nachrichtentechnik an der OTH. Die beim Funken verwendeten Wellen durchdringen Fels, Erde oder Seewasser. Seiner Gattin Ingrid half die Funktechnik dabei, eine Geisterfahrerin schnell dingfest machen zu lassen.

Lisa Aßmann hatte sich mit Gatten Gerd einmal in einem Gebirge verlaufen, wo es auch heute noch keinen Handyempfang gibt. „Ab jetzt gehen wir nie mehr ohne Funkgerät los“, schwor sie sich und präsentiert ein schwarzes Kasterl, das nicht viel größer als ein Handy ist.

Gerd Aßmann, Jugendbetreuer und stellvertretender Distriktsvorsitzender von Ostbayern des deutschen Amateur-Radio-Clubs, benutzt gern die Morsetaste. Ein primitiver Sender genüge, um Botschaften in Dreiergruppen von kurzen und langen Signalen über alle Landesgrenzen hinweg zu senden. „Diese Einfachheit ist faszinierend, und um die Morsesprache zu erhalten, erhielt sie vor einigen Jahren sogar den Rang des Weltkulturerbes.“

Das sagen die Teilnehmer

  • Johannes Peck:

    Der Funker-Vorsitzender half einmal einem blinden Amateurfunker in Straubing beim Antennenaufbau. Die entstandene Begeisterung mündete in die Gründung der BMW-Funkergruppe im Werk Regensburg vor 30 Jahren .

  • Professor Hellmuth Cuno:

    Er verfasste ein Standardwerk zur Prüfungsvorbereitung für Funker-Neulinge. Es wurde 80 000 Mal verkauft, „insgesamt 800 Regalmeter“.

  • Lisa Aßmann:

    Sie meint, „ein richtiger Funker hat mindestens fünf Geräte“. Ihr Gatte Gerd besitzt sieben. Sie selbst schätzt ihr leichtes Sprechfunkgerät. Mit dem kann sie sich auch an Orten verständigen, die keinen Handy-Empfang haben.

  • Günter Sinzinger:

    Der 2. Vorsitzende wandte sich vor Jahrzehnten ab vom damaligen CB-Funk. „Zu viele Pöbeleien!“ Im Kurzwellenbereich fand er per einfacher Stabantenne schnell einen Gleichgesinnten am anderen Ende der Welt – Thomas im australischen Adelaide.

Eine große Gemneinschaft

„Pater Manfred von den Salesianern in Burghausen hat mir gezeigt, wie ich als Schüler aus Oberbayern mit seinem 1-Watt-AM-Gerät und einer 50-Zentimeter-Antenne mit jemandem in Tschechien kommunizieren konnte. Der Sender hat jetzt bei mir einen Ehrenplatz“, erinnert sich Schriftführer Franz Pirkl. Moderne Geräte sind ab etwa 1000 Euro zu haben. Und die dürfen lizenzierte Funker auch selbst bauen. Die Faszination von durchschaubarer Technik, die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten in aller Welt, das „Geerdet-Sein“ in einer Welt von zunehmend virtuellen Erscheinungen könne auch Jung-Funker begeistern. Nach einer Prüfung in Gesetzeslage, Technik und Betrieb der Station bekommen sie ein eigenes Rufzeichen zugeteilt.

Mit Besitzern von Rufzeichen in möglichst entlegenen Regionen zu kommunizieren und sich den Empfang per QSL-Karte bestätigen zu lassen, stelle einen besonderen Reiz dar. Auf rund 35 000 Kontakte hat es die Gruppe bisher gebracht. „Funkamateure haben keine Nachnamen“, erklärt Lisa das Gleichheitskonzept. Bernd und Dieter von einem Regensburger Club sind ins Labertal gekommen, um Freunde zu treffen.

Auch persönliche Freundschaften entstehen bei Besuchen vor Ort – wie die mit dem amerikanischen Funker Charly, der als Bomberpilot in den letzten Kriegstagen nahe Neutraubling abgeschossen wurde. Der Club ernannte ihn zum Ehrenmitglied.

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