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Kultur

Kunst als Ergebnis einer Gratwanderung

Im Zehentstadel stellen Patienten mit seelischen Krisenerfahrungen Werke aus. Der Verein „Irren ist menschlich“ lädt ein.

Bezirkstagspräsident Franz Löffler wies als Schirmherr darauf hin, dass Menschen mit psychischer Beeinträchtigung noch immer diskriminiert würden. Foto: Pavlas
Bezirkstagspräsident Franz Löffler wies als Schirmherr darauf hin, dass Menschen mit psychischer Beeinträchtigung noch immer diskriminiert würden. Foto: Pavlas

Beratzhausen. „So wie die Verrücktheit in einem höheren Sinn der Anfang aller Weisheit ist, so ist Schizophrenie der Anfang aller Kunst, aller Phantasie“, schreibt Hermann Hesse in seinem Roman „Steppenwolf“. Aristoteles und Seneca waren in der Antike ähnlicher Meinung. Komponist Robert Schumann und Maler Vincent van Gogh können als weitere Belege für diese These gelten.

Mittlerweile akzeptiert ist die Anschauung, dass Künstler oft höchst sensible Menschen sind, die manchmal dennoch an einfachen Anforderungen des Alltags scheitern und die beide Seiten ihrer komplexen Persönlichkeit nur in einer „Gratwanderung“ ausbalancieren können.

Im Beratzhausener Zehentstadel sind bis Ende Februar 38 Werke von 29 oberpfälzer Künstlern zu sehen, die aus 80 Einsendungen ausgewählt wurden. Collagen, Bilder und Assemblagen sind zu sehen, dazu laden fünf literarische Texte zum Lesen ein. Alle Künstler hatten als Patienten Kontakt mit psychiatrischen Einrichtungen.

Zusammengetragen hat die Ausstellung der Verein „Irren ist menschlich“ im Rahmen seines 20-jährigen Bestehens. Der Bezirk Oberpfalz, die Katholische Jugendfürsorge und das „Kuratorium europäische Kulturarbeit“ hatten sie im Zehentstadel möglich gemacht. Gitarrist Hannes Schmitz umrahmte die Vernissage musikalisch. Kulturreferent Michael Eibl dankte den Organisatoren und Künstlern. Schirmherr und Bezirkstagspräsident Franz Löffler wies darauf hin, dass Menschen mit psychischer Beeinträchtigung noch immer diskriminiert würden.

Die Ausstellung „Gratwanderung“ würde deutlich machen, wie viel diesen Menschen zugetraut werden könne. Die Schau liefere so einen wichtigen Beitrag zur Inklusion. Um einer möglichen Stigmatisierung zu entgehen, haben einige Kunstschaffende ihre Werke mit Pseudonymen versehen.

Für den Verein „Irren ist menschlich“ hob Harald Kelsch das Engagement seines Vorstandskollegen Klaus Nuißl als treibende Kraft bei den Jubiläumsprojekten hervor und dankte den Sponsoren. Themenbezogene Lesungen und eine Filmreihe hätten bereits stattgefunden.

Monika Schüsslers Ehemann verlas an Stelle seiner abwesenden Gattin deren berührendes Gedicht „Zerreißprobe“. „Hope“ (Pseudonym) erläuterte sein Objekt, den mit Verbandsmaterial und Beschriftungen versehenen Stuhl „Skill“. „Der ist zugleich mein Freund und mein Feind.“ Einen interessanten Perspektivwechsel vollzog der junge Preisträger dann angesichts des zahlreichen Publikums, das im Saal interessiert die Exponate begutachtete.

„Heute Abend sind einmal Sie es, die sich in unsere Welt integrieren, und nicht umgekehrt!“ Susan Fromm erläuterte ihre Acryl-Arbeiten im Einzelgespräch und Tone Schmid – ein weiterer Preisträger – berichtete von seiner künstlerischen Weiterentwicklung: Seine Assemblage „Deepression“, in der sich ein Stahlträger tief in weichen Schaumstoff bohrt, erscheine ihm mittlerweile eher als Symbol der Leichtigkeit. Die qualitätvollen Exponate sind übrigens käuflich – in erschwinglichem Preisrahmen. Bürgermeister Konrad Meier denkt bereits über einen Ankauf nach. (las)

Die Ausstellung

  • Termine:

    Die Verkaufsausstellung im Zehentstadel, Paracelsusstraße 29, ist bei freiem Eintritt bis zum 28. Februar an Montagen und Donnerstagen von 17 bis 20 Uhr sowie freitags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

  • Vereinsziele:

    Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen, Vernetzung mit ähnlichen Organisationen, Interessensvertretung in Gremien und Arbeitskreisen, Austausch mit psychiatrischen Kliniken, Etablierung von Psychiatrie-Erfahrenen als Experten in eigener Sache (EX-IN) und Ermöglichung von mehr Teilhabe von Psychiatrie-Erfahrenen.

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