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Asyl

Lehrer kämpfen gegen Abschiebung

Nach dem EU-Abkommen mit Afghanistan werden die Flüchtlinge in das Land vermehrt zurückgebracht. Saheb droht die Ausreise.
von Walter Schiessl, MZ

  • Deutschlehrer Torsten Tomenendal und Sozialarbeiterin Katharina Brunner helfen dem afghanischen Schüler, um dessen Abschiebung zu verhindern.
  • Bäckermeister Harald Krois ist von Sahebs Leistungen angetan. Foto: Neuhoff

Regensburg.Das Abschiebeabkommen, das die EU und damit auch die Bundesregierung mit Afghanistan im September beschlossen hat, greift. Hautnah zu spüren bekommen hat das als einer der ersten im Landkreis der 18-jährige Saheb Jussuf (Name geändert). Gegen die Entscheidung des Bundesamts für Migration, den jungen Mann schnell abzuschieben, gingen Lehrer des beruflichen Schulzentrums Regensburger Land und der VHS im Landkreis auf die Barrikaden. Saheb, der vor einem Jahr über den Landweg in die Bundesrepublik gekommen ist und seitdem in der Plattlinger Straße unterrichtet wurde, werden von ihnen allerbeste Leistungen und größter Integrationswillen bescheinigt.

Sogar eine Lehrstelle hätte der junge Mann gefunden, im Fall, dass er bleiben dürfte. Der Nittendorfer Bäckermeister Harald Krois, bei dem Saheb seit Anfang September ein Praktikum absolviert, ist voll des Lobes über den Afghanen, der täglich den ersten Bus nimmt, der ihn von seinem Wohnort Hemau bis zur Backstube fährt. „So einen Lehrling bekommt man kaum noch“, sagt der Ausbilder über ihn.

„Eine tragische Entscheidung“

Aber Saheb ist einer der ersten, die das Abkommen, gegen das in diesen Tagen hunderte von Menschen in München, Berlin, Stuttgart, Düsseldorf und Tübingen auf die Straßen gegangen sind, persönlich zu spüren bekommen. Der Afghane war am 9. Oktober vergangenen Jahres nach Regensburg gekommen und hatte bis März in einer Flüchtlingsunterkunft in der Altmühlstraße gelebt. Er wohnt seit April 2016 in einer Wohnung des Nardini-Kinderheims in Hemau zusammen mit drei jungen Flüchtlingen und einem behinderten jungen Mann.

Saheb besuchte zunächst einen Deutschkurs und seit Februar das Berufsvorbereitungsjahr im BSZ Regensburger Land. Dort erwarb sich der Afghane, dessen Mutter und zwei Brüder noch in seiner Heimat leben, schnell viele Sympathien. Schulleiterin Ernestine Schütz attestierte Saheb ein ausgeprägtes Gespür für die Anforderungen des Bildungs- und Arbeitslebens, speziell wenn es um Fragen der Pünktlichkeit, des Arbeitsverhaltens und der Disziplin gehe. Sein soziales Verhalten könne als vorbildlich angesehen werden.

„Als Sahebs Lehrer und Lehrerinnen wäre es für uns eine tragische und völlig unverständliche Entscheidung, wenn dieser besondere Mensch und dieses schulische Talent aufgegeben und nach Afghanistan zurückgeschickt würde“, schrieb die Schulleiterin mit zwei Lehrern in einer Stellungnahme an die Regierung, die die Zustimmung zur Berufsausbildung bei der Bäckerei Krois mit dem Argument bislang verweigerte, dass die Berufsausbildung länger als das noch laufende Verfahren dauern würde. Für die Lehrer ist klar: „Er hat eine Chance verdient, seinen Teil für ein ökonomisch und demokratisch erfolgreiches Deutschland einzusetzen. Wir bitten Sie deshalb eindringlich, Sahebs Abschiebung auszusetzen und ihm einen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen:“ Die Lehrkräfte fuhren, nachdem sie von der drohenden Abschiebung erfahren hatten, zur zentralen Ausländerbehörde in der der Regensburger Zeissstraße, mussten sich aber bei der Frage, was man dagegen tun könne, sagen lassen, dass man sich höchstens ein anderes Herkunftsland suchen solle. An der Berufsschule im Landkreis werden etwa 60 jugendliche Afghanen unterrichtet.

„In meinem Heimatland gibt es nach wie vor keine Sicherheit“

Saheb Jussuf

Viele afghanische Jugendliche hatten im Sommer Ausbildungsplätze gesucht oder konnten vermittelt werden, immerhin sind in der Region Regensburg laut Auskunft der Agentur noch 600 Lehrstellen nicht besetzt. Aber selbst ein unterschriebener Ausbildungsvertrag nützt den Afghanen jetzt nichts mehr: Die Behörden genehmigen diese nach einer Anweisung aus dem Staatsministerium jetzt einfach nicht mehr. „Es ist frustrierend, wenn man Bewerbungen mit den Jungs geschrieben hat, beim Vorstellungsgespräch war, ein Praktikum erfolgreich absolviert wurde, und dann sage die Regierung, er dürfe keine Lehre anfangen, denn dann werde es ja schwieriger, ihn nach Kabul abzuschieben“, klagte eine Sozialpädagogin.

Widerspruch eingelegt

Die GEW Oberpfalz kritisierte zusammen mit Organisationen wie dem Bayerischen Flüchtlingsrat, dass mit Afghanistan ein Land für sicher erklärt wurde, in das selbst ein deutscher Innenminister nur mit schusssicherer Weste reise. Fast täglich werde von Selbstmordattentaten berichtet.

Saheb hatte im August sein Interview beim Bundesimmigrationsamt, das ihm im nach einer Woche die Ablehnung schickte. Zum 24. September sollte er ausreisen. Dagegen legte Saheb über einen Anwalt Widerspruch auf. Um den Juristen bezahlen zu können, lieh er sich Geld von Freunden, das er monatlich abstottert. Auch Sahebs Lehrer greifen in die Taschen und versuchen, den restlichen Betrag über Spenden hereinzubekommen. Sahebs Worten zufolge gebe es in seinem Heimatland nach wie vor keine Sicherheit. Sein Vater, ein Regierungsangestellter, sei von Taliban getötet worden. In ständiger Angst zu leben, das wolle er nicht.

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