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Geschichte

Ein Mahnmal soll die Augen öffnen

Ein Gedenkstein erinnert an das Elend der KZ-Märsche von 1945. Marschgruppen zogen auch durch Schwaighausen.
Von Josef Dummer

Pfarrer Stefan Drechsler und Diakon Elmar Wechsler segneten das Mahnmal in Schwaighausen vor großer Kulisse. Fotos: Dummer

Schwaighausen.Das Thema liegt immer noch vielen Menschen am Herzen. Nur so ist es zu erklären, dass sich an einem Sonntagnachmittag nahezu 200 Leute, nicht nur aus Lappersdorf, die Zeit nahmen, an der Segnung des Mahnmals zur Erinnerung an den KZ-Elendsmarsch durch Schwaighausen teilzunehmen.

Nicht nur für Bürgermeister Christian Hauner war es „ein bewegender Moment“, als so viele Menschen das gemeinsame Erinnern mit ihrer Anwesenheit bekunden wollten. Es war ein Erinnern an Verfolgte, die Bitteres erleiden mussten und grausam umgebracht wurden. Das neue Mahnmal soll ein Bestandteil der Bemühungen sein, die Geschichte von Lappersdorf während der Nazi-Diktatur aufzuarbeiten und das Andenken auch für künftige Generationen zu bewahren.

Entwurf von Bernhard Frahsek

Die Nazis hätten Menschen abgewertet, einzig weil sie anderen Ethnien angehörten oder andere politische Überzeugungen vertraten, krank oder homosexuell waren, und maßten sich an, diesen Menschen das Recht auf Leben abzusprechen. „Das können und dürfen wir nicht vergessen“, forderte Bürgermeister Hauner. Denn nach wie vor seien auch in der heutigen Zeit Rassismus und Antisemitismus weit verbreitet.

„Mahnmäler tragen das Gedenken mitten in den öffentlichen Raum und sollen zu einem wichtigen Teil unserer Erinnerungskultur werden“, sagte der Bürgermeister, der sich deshalb bei allen beteiligten Personen bedankte, die dieses Mahnmal initiiert und daran mitgewirkt haben. Besonders dankte er für die Erinnerung und Überlieferung „dieses dunklen und belastenden Kapitels unserer Heimatgeschichte“, der Zeitzeugin Maria Schönsteiner-Islinger sowie Hubert Magdas, von dem der Anstoß zu dem Denkmal kam, Ortsheimatpfleger Bernhard Frahsek, Dr. Karl Kick und Erwin Hadwiger. „Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen, und es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen“, sagte Hauner, nach dessen Worten mit diesem Projekt ein Erinnerungs- und Mahnmal eingeweiht wurde, „das uns und den folgenden Generationen die Augen öffnen kann“.

Zeitzeugin Maria Schönsteiner-Islinger (Mitte) sowie Thomas Muggenthaler (links) und Erwin Hadwiger

Mit der Wissensgrundlage von Hadwiger und der Idee von Magdas hat Frahsek nach seinen Worten einen Entwurf für das Denkmal gestaltet, der drei Kriterien erfüllen sollte: die Nähe zum Geschehen beim Auburger-/Schönsteinerhof, die Symbolik dieser unglaublichen Taten und die Begehbarmachung dieses Todeswegs. Als Darstellung von Leben, Gewalt und Tod entwarf er eine Säule in Form eines Wegweisers, eine Steinsäule aus regionalem Kalkstein, auf drei Seiten glatt als Symbol von „Leben und Hoffnung“, auf der anderen Seite rau und gebrochen als Symbol von „Elend und Tod“, und gleichzeitig die Säule auch als Träger einer Inschrift. Ein Balken aus wuchtigem Altholz mit der Funktion eines Wegweisers, verwittert und schräg nach unten zeigend, sollte das Symbol eines „geschundenen Lebens abwärts in den Tod“ verdeutlichen. Dazu kamen noch zwei wuchtige, in den Balken gerammte Eisenbolzen als Symbol für die „Gewalt der NS-Herrschaft“.

Erklärung für ein Mahnmal

  • Erinnerung:

    Nach den Worten von Erwin Hadwiger soll mit diesem Mahnmal an die Tage zwischen dem 15. und 18. April 1945 erinnert werden, als an die 1200 Gefangene aus dem KZ Hersbruck in zwei Marschgruppen in Hainsacker und Schwaighausen biwakierten und zehn Tote zu beklagen waren.

  • Gedenkstätte:

    Ortsheimatpfleger Bernhard Frahsek erhielt die Anregung zur Schaffung einer Gedenkstätte von Hubert Magdas. Als Darstellung von Leben, Gewalt und Tod entwarf er eine Säule in Form eines Wegweisers mit Inschrift und Textentwürfen von Bernhard Frahsek und Erwin Hadwiger.

Für die Ausführung und Umsetzung des Entwurfs bedankte sich Frahsek bei der Steinmetzfirma Birkenseer mit der Steinmetzmeisterin Katharina Konrad, bei der Firma Karl Rödl für das Altholz, für die Eisenarbeiten bei Karl Baumer und beim Bauhof des Markts Lappersdorf für das Betonieren der Fundamente. Die Familie Auburger in Schwaighausen gestattete die Nutzung ihres eigenen Grundstücks, die Bayerischen Staatsforsten, vertreten durch Försterin Petra Weber, die Nutzung des Waldstücks an der Kreisstraße, und die durchgehende Begehbarmachung des Todeswegs ermöglichte Familie Graf. Sein besonderer Dank galt dem Gymnasium Lappersdorf mit Lehrer Franz Kufner, der mit einer Klasse im Rahmen des P-Seminars „Geschichte erfahrbar machen“ ein Faltblatt entwarf, das die Hintergründe und Umstände der Todesmärsche erläutert.

Was wirklich geschah

Diakon Elmar Wechsler von der katholischen Pfarrei Hainsacker und Pfarrer Stefan Drechsler von der evangelischen Kirchengemeinde segneten die neue Gedenksäule mit den Vorständen der jüdischen Gemeinde Regensburg, Volodomir Borskyy und Jacov Dennisenko, die einen Psalm sprachen. Musikalisch begleitet wurde die Einweihungsfeier von den Hainsackerer Bläsern. Im Hof der Familie Auburger wurden die Gäste anschließend von den „Geiersberger-Arbeitsgeiern“ bewirtet. Wieder mucksmäuschenstill, trotz angeregter Gespräche, wurde es dann, als Erwin Hadwiger über seine Recherchen zu den KZ-Elendsmärschen berichtete, „was wirklich in Hainsacker und Schwaighausen zwischen dem 15. und 18. April geschah, als das KZ vor der Haustüre stand“.

In Hainsacker lagerte die Marschgruppe 1. Die bis zu 600 Gefangenen kamen über Kallmünz und Buchbach a. Forst., unter ihnen waren 40 bis 80 Kranke, die auf der Wiese, zum Teil im Stadel, vor dem Gasthof Prössl gefangen gehalten wurden. Der Lagerschreiber und Pfarrer H. F. Lenz organisierte zwei Ochsenwagen für den Weitertransport der Kranken. Viele Gefangene kamen bei dem Marsch bei „Sonnenglut“ über Dettenhofen und Pielenhofen nach Münchsried ums Leben. H. F. Lenz notierte: „Es war nicht mehr mit anzusehen, und ich konnte doch nicht helfen.“ Vom Lagerarzt bekam er Phanodorm, eine starke Droge, um die seelischen Belastungen aushalten zu können.

Eine Zeitzeugin berichtet

Die Zeitzeugin Maria Schönsteiner konnte sich noch gut an diesen aufregenden Tag erinnern. „Mein Vater kam sehr aufgeregt aus Schwaighausen nach Hause. Ein großer Haufen Menschen ist im Dorf eingepfercht. Lauter Häftlinge. Sie sollen angeblich aus Floßenbürg sein. Ganz viele waren es. In zwei Gruppen waren sie auf zwei große Höfe aufgeteilt. Der Hunger schaute aus ihren müden Augen. Die meisten trugen grau-blau gestreifte Häftlingskleider. KZ-ler sind es, lauter Verbrecher, hieß es. Auch Jugendliche habe ich gesehen, zerlumpt und müde, so der Bericht von Maria Schönsteiner.

Weitere Einzelheiten hatte BR-Reporter Thomas Muggenthaler zu den KZ-Elendsmärschen recherchiert, die er mit Tatsachenberichten und Urteilen vom Landgericht Nürnberg in den 50er Jahren untermauerte und den erstaunten und teilweise wegen der Urteilsmilde entrüsteten Besuchern im Auburger-Hof vermittelte, darunter auch Urteile von den schrecklichen Vorkommnissen in Schwaighausen. Eine gelöste Stimmung wollte an diesem Nachmittag im Auburger-Hof dann nicht mehr aufkommen.

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